Wirtschaftswachstum als moderner Götzendienst

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Unsere Welt scheint die Fähigkeit zum Kompromiss zusehends zu verlieren. Soziale Proteste, autoritäre Politiken und gesellschaftliche Spannungen nehmen weltweit gesehen zu. Paradox genug entwickeln sich diese Dynamiken allerdings auf einer Basis, die auch in den schwersten Konflikten kaum jemand in Frage stellt: des Primats der „kapitalistischen Wirtschaftsweise“ (Nell-Breuning) und des absoluten Vorrangs des Wirtschaftswachstums, der sich daraus ergibt.

Wirtschaftswachstum über alles zu stellen, zur Vorbedingung gleich welcher Politik zu machen, das lässt in der Tat nur wenig Raum für Differenzen. So vertreten auch politische Kräfte, die sonst konträr ausgerichtet sind, weitgehend die Meinung, dass die Produktion an Gütern und Dienstleistungen zunehmen soll, bei steigender Effizienz und immer besserer Qualität. Wer auch könnte guten Gewissens dagegen argumentieren – so glauben viele. Würden in einer Welt ohne Wirtschaftswachstum nicht Arbeitsplätze en masse verloren gehen, würde sich nicht Armut weiter ausbreiten und wäre das Versprechen auf Fortschritt und Entwicklung gegenstandslos? In der Tat, schwerwiegende Fragen.

Allerdings beruht die Gleichung zwischen Wirtschaftswachstum und Wohlstand, oft leichter Hand behauptet, auf einem eklatanten Fehlschluss. Betrachten wir die westlichen Industrieländer, so ist klar: Es gibt genug Güter und Dienstleistungen für alle. Allerdings sind diese höchst ungleich verteilt. Konsum und Vermögen konzentrieren sich fortschreitend bei jenen, die schon mehr als genug besitzen. Viele Studien zeigen, dass zumindest in westlichen Industrieländern spätestens seit den 1980er Jahren die steigende Produktenmenge im Schnitt nicht mehr dazu führt, dass sich auch die gesellschaftliche Lebensqualität erhöht.

Wirtschaftswachstum und Arbeit

Schlimmer noch: Wirtschaftswachstum ist auch schon seit langem nicht mehr in der Lage, die Erwerbslosigkeit so vieler Menschen zu beseitigen – in den Augen der Katholischen Soziallehre einer der schwersten Missstände überhaupt. Aber auch eine früher übliche Beschäftigungspolitik, die bloß darauf hofft, Wachstum möge Arbeitsplätze schaffen, ist zu wenig, wie die Katholische Soziallehre festgehalten hat. Denn Arbeit, so etwa Papst Johannes Paul II. in „Laborem exercens“, ist weit mehr als notwendige Tätigkeit für den Erwerb. Arbeit ist die Entfaltung von Gott gegebener geistiger und körperlicher Anlagen zum Nutzen des Gemeinwohls. Die Last der Verantwortung, die die moderne Politik dem Wirtschaftswachstum aufbürden will, ist also viel zu groß. Mit seiner Hilfe lässt sich auch nichts gegen die zunehmende soziale Ungleichheit, die Konkurrenzorientierung und Gestresstheit ausrichten, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt zunehmend ruinieren. Im Gegenteil: Wirtschaftswachstum ist mit einer sozial desaströsen Konsumhaltung verbunden, wie Papst Franziskus in „Laudato Si`“ aktuell betont.

Zerstörung der natürlichen Umwelt

Die Problematik des Wirtschaftswachstums als Leitprinzip und Grundlage heutiger Politik reicht indes noch bedeutend tiefer. Es verschärft die Zerstörung der natürlichen Umwelt, die inzwischen einer sozialen Katastrophe gleichkommt. Um nur zwei Beispiele herauszugreifen: Die Artenvielfalt wird durch die kapitalistische Wirtschaftsweise rapide reduziert, sodass das Artensterben eng mit dem Wirtschaftswachstum in einem Land zusammenhängt. Die betroffenen Ökosysteme nehmen Schaden oder gehen verloren, und darunter leiden lokale Bevölkerungen, wenn sie auf solche Ökosysteme angewiesen sind. Ein unwiederbringlicher Verlust auch für die Menschheit insgesamt.

Das zweite Beispiel ist der Klimawandel. Die schier unersättliche Wachstumsdynamik der kapitalistischen Wirtschaftsweise verändert grundlegende Eigenschaften der Erdatmosphäre in kurzer Zeit und für eine unabsehbare Zukunft – mit gewaltigen Konsequenzen, die in vielen Regionen bereits deutlich werden. Der Klimawandel betrifft vor allem jene, die mit den Folgen der kapitalistischen Wirtschaftsweise schon heute am meisten kämpfen und die geringsten Mittel für den Umgang damit aufbringen können, während die westlichen Industrieländer ihre Verantwortung missachten.

Absolute Verminderung des Ressourcenverbrauchs

Angesichts dieser Verwüstungen des Planeten Erde setzen viele auf eine Steigerung der Effizienz des Ressourceneinsatzes oder den Umstieg auf erneuerbare Ressourcen. Richtig daran ist, dass eine gewisse Effizienz zum Beispiel in der Energieverwendung ökologisch Sinn macht und in vielen Wirtschaftszweigen und Regionen noch weiter steigen sollte. Die Effizienz ist allerdings ein relatives Maß. Wächst die Gesamtmenge von Gütern und Dienstleistungen – deren Herstellung ja auch Ressourcen verbraucht – so werden Zugewinne an Effizienz im Einsatz von Ressourcen in der Regel kompensiert. Dieses Phänomen ist wohlbekannt. Dennoch nehmen viele Debatten davon nur eingeschränkt Notiz. Es geht im globalen Norden aber um eine absolute Verminderung des Ressourcenverbrauchs.

Auf ähnliche Weise gilt, dass erneuerbare Energieträger die nicht-erneuerbaren Energieträger Kohle, Erdöl und Erdgas zwar ersetzen müssen. Die erneuerbaren Energieträger schaffen allerdings erneut Probleme, wenn der Ressourcenverbrauch insgesamt nicht eingeschränkt und schließlich auf niedrigem Niveau konstant gehalten wird. Der Anbau von Agrarrohstoffen für Biotreibstoffe etwa trägt dazu bei, dass Großinvestoren Kleinbäuerinnen und Kleinbauern enteignen. Mit oft zweifelhaftem ökologischen Nutzen. Biotreibstoffe können, davon abgesehen, nur einen geringen Teil des Energiebedarfs von individualisiertem Autoverkehr decken. Wasserkraft zerstört natürliche Flussökosysteme. Windräder und Elektroautos verbrauchen knappe Metalle, die in umweltschädlichem Bergbau gewonnen werden.

Das übertriebene Vertrauen in die Technik ist ebenso fragwürdig wie der blinde Glaube an die Finanzmärkte, der die schwere Krise von 2008 ausgelöst hat, deren Folgen die armen Länder und Bevölkerungsgruppen heute noch tragen. Die gesellschaftliche Entwicklung, schreibt Papst Benedikt XVI. in der Enzyklika „Caritas in veritate“, gerät „aus den Bahnen, wenn die Menschheit meint, sich wiedererschaffen zu können, wenn sie sich der ‚Wunder‘ der Technik bedient. So wie sich die wirtschaftliche Entwicklung als trügerisch und schädlich herausstellt, wenn sie sich den ‚Wundern‘ der Finanzwelt anvertraut, um ein unnatürliches und konsumorientiertes Wachstum zu unterstützen“ (CV, 68).

Katholische Soziallehre

Die Katholische Soziallehre hält zwei Punkte eindeutig fest, die im Grunde genommen auch dem gesunden Menschenverstand entsprechen: Die Wirtschaft ist für den Menschen da, nicht der Mensch für die Wirtschaft. Und: Die wahre Bestimmung des Menschen besteht nicht im Haben, sondern im Sein. Das von Gott gegebene Leben einem Ziel wie dem fortlaufenden Wachstum der Wirtschaft zu opfern, widerspricht diesen Grundsätzen diametral. Die ausschließliche Orientierung am Wirtschaftswachstum gleicht einem modernen Götzendienst, der das sinnvolle Tun des Menschen zu einer strukturellen Sünde (siehe dazu SRS) herabwürdigt, die uns selbst und die Natur schädigt.

Staatsziel Wirtschaftswachstum?

Wirtschaftswachstum als Staatsziel in die Verfassung aufzunehmen, so wie das die derzeitige Bundesregierung von ÖVP und FPÖ im Auge hat, ist aus Sicht der Katholischen Soziallehre daher der falsche Weg. Sollte wirklich ein neues wirtschaftliches Ziel Teil der Verfassung werden, dann eher jenes der Pastoralkonstitution „Gaudium et Spes“ des Zweiten Vatikanischen Konzils, das in Hinblick auf die wirtschaftliche Tätigkeit des Menschen festhält: „Die fundamentale Zweckbestimmung dieses Produktionsprozesses besteht aber weder in der vermehrten Produktion als solcher noch in Erzielung von Gewinn oder Ausübung von Macht, sondern im Dienst am Menschen, und zwar am ganzen Menschen im Hinblick auf seine materiellen Bedürfnisse, aber ebenso auch auf das, was er für sein geistiges, sittliches, spirituelles und religiöses Leben benötigt. Das gilt ausdrücklich für alle Menschen und für jeden einzelnen, für jede Gruppe, für Menschen jeder Rasse und jeden Erdteils“ (GS, 64). Statt undifferenziert am Wirtschaftswachstum festzuhalten wäre daher unter heutigen Bedingungen eine deutliche Reduktion der Arbeitszeit zu befürworten, die eine neue Kultur der Muße unterstützt, wie dies etwa Papst Franziskus fordert.

Angesichts der „Überentwicklung“, die Papst Benedikt XVI. für bestimmte soziale Gruppen und Weltregionen konstatierte, folgert nunmehr Papst Franziskus: „Wir wissen, dass das Verhalten derer, die mehr und mehr konsumieren und zerstören, während andere noch nicht entsprechend ihrer Menschenwürde leben können, unvertretbar ist. Darum ist die Stunde gekommen, in einigen Teilen der Welt eine gewisse Rezession zu akzeptieren und Hilfen zu geben, damit in anderen Teilen ein gesunder Aufschwung stattfinden kann“ (LS, 193).

Während die Produktion in den westlichen Industrieländern also deutlich schrumpfen müsste, sollte sie in den weit ausgedehnteren Regionen der armen Länder dieser Welt maßvoll zunehmen, in einer Weise, die den ganzen Menschen fördert und die Umwelt berücksichtigt.

Umkehr zum Menschen

Ein undifferenziertes Wirtschaftswachstum dagegen ist nicht Teil der Lösung der sozialen Frage, sondern Teil des Problems. Wir müssen umdenken und praktisch umkehren – nämlich zum Menschen selbst hin. Die Katholische Soziallehre bietet dafür viele Orientierungspunkte. Genossenschaften sollten gestärkt und ausgeweitet werden, die internationale Politik muss unter das Zeichen der Solidarität mit den armen Ländern gestellt werden, und wir sollten unseren Lebensstil von übertriebenem Konsum befreien.

Dafür freilich ist vonnöten, jene, die eine übermäßige wirtschaftliche und politische Macht für sich beanspruchen wollen, mit der wahren Bestimmung des Menschen und der Güter dieser Erde zu konfrontieren. Der Weg zu Lösungen, das ist der Kern des Angebots der Kirche, liegt in einer möglichst weitgehenden Demokratisierung wirtschaftlicher Prozesse und Entscheidungen. Auch das hat schon die Pastoralkonstitution „Gaudium et Spes“ in klaren Worten festgehalten, wenn es heißt: „Niemals darf der wirtschaftliche Fortschritt der Herrschaft des Menschen entgleiten; ebensowenig darf er der ausschließlichen Bestimmung durch wenige mit übergroßer wirtschaftlicher Macht ausgestattete Einzelmenschen oder Gruppen noch auch durch den Staat, noch durch einige übermächtige Nationen ausgeliefert sein. Im Gegenteil ist geboten, daß auf jeder Stufe möglichst viele Menschen und, soweit es sich um den zwischenstaatlichen Bereich handelt, alle Nationen an der Lenkung des wirtschaftlichen Fortschritts aktiv beteiligt seien“ (GS, 65).

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Autor

A. Exner © K. Bloderer

Andreas Exner
Ökologe und Politikwissenschafter, forscht als Schasching-Fellow der ksoe 2018/2019 zur Verbindung von Katholischer Soziallehre und Solidarischen Wirtschaftsformen sowie sozial-ökologischer Transformation