Zum Internationalen Tag für die Beseitigung der Armut

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1992 erklärte die Generalversammlung der Vereinten Nationen, aufgrund einer Initiative der Nichtregierungsorganisation ATD Vierte Welt, den 17. Oktober zum Internationalen Tag für die Beseitigung der Armut.

Die Bewegung ATD – das steht im Englischen für „All Together for Dignity“ (Gemeinsam für die Menschenwürde) und im Französischen für „Aide à toute détresse“ (Hilfe in aller Not) – wurde in Frankreich in den 1950iger Jahren vom katholischen Priester Joseph Wresinski als Selbsthilfevereinigung in einem Obdachlosenlager gegründet und ist mittlerweile international aktiv und verbindet mit dem Welttag drei Anliegen:

  • Den Widerstand der von Armut betroffenen Menschen gegen Elend und Ausgrenzung zu würdigen,
  • Den Not leidenden und ausgegrenzten Menschen Gehör zu verschaffen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen;
  • Sich mit den Allerärmsten dafür einzusetzen, dass die Rechte aller wirklich für alle gelten.

Seit 1992 hat die Weltgemeinschaft große Fortschritte in der Bekämpfung der extremen Armut gemacht. Das 21. Jahrhundert ist ein Jahrhundert des nie vorher dagewesenen Überflusses, Armut dauert freilich weiter an und so bleiben die drei Anliegen des Internationalen Tages für die Beseitigung der Armut auch weiterhin aktuell. Die Überwindung der Armut ist auch Gegenstand des ersten der Nachhaltigkeitsziele und Ziel Nummer zwei proklamiert „Zero Hunger“.

Erfreulich ist, dass extreme Armut in den letzten Jahren stark zurück gedrängt werden konnte. Die jüngste globale Schätzung der Vereinten Nationen (VN) geht davon aus, dass etwa 11 Prozent der Weltbevölkerung, oder rund 785 Mio. Menschen, unter der extremen Armutsgrenze leben. Rund 9 Prozent der Arbeiter der Welt müssen mit ihren Familien mit weniger als 1.90 $ pro Person und Tag auskommen; im Jahr 2000 waren es noch 27 Prozent.

Hunger und Mangelernährung nehmen zu

Hunger und Mangelernährung nehmen allerdings – nachdem einige Jahre lang gute Fortschritte erzielt werden konnten – seit 2015 wieder zu; 2016 waren nach Statistiken der VN 815 Millionen Menschen betroffen (diese Zahlen werden von manchen als zu niedrig bezeichnet). Die Vereinten Nationen sehen die Hauptursachen für diesen Anstieg in bewaffneten Konflikten, Dürren und Naturkatastrophen, die mit dem Klimawandel zusammenhängen. Kinder leiden unter Hunger und Mangelernährung besonders und erfahren empfindliche Einbußen in ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung: der Sustainable Development Goals Report 2018 geht davon aus, dass 151 Millionen Kinder unter fünf Jahren zu klein für ihr Alter und 51 Millionen zu leicht für ihr Alter sind; rund 38 Millionen Kinder sind übergewichtig.

Für das Recht auf Nahrung eintreten

Das Eintreten für das Recht auf Nahrung, das Jean Ziegler als Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen, Kapitalismuskritiker und Publizist, so vehement fordert, bleibt somit eine aktuelle und relevante Aufgabe. „Jedes Kind, das verhungert“, sagte Ziegler häufig in öffentlichen Auftritten, „ wird ermordet“ , da die Weltnahrungsmittelproduktion derzeit für 12 Milliarden Menschen – also mehr als derzeit auf der Welt leben – ausreichen würde.

Die Rolle der Frauen

Hilal Elver, die seit 2014 UN-Sonderberichterstatterin für das Recht auf Nahrung ist, betont in einem Interview vom 23. August 2018 die Bedeutung der Rolle von Frauen in allen Ernährungssystemen – als Bauern (60 bis 70 % der Bauern sind heute weiblich) und (unbezahlte) Köchinnen in ihren Familien; gleichzeitig beklagt sie, dass Frauen nach wie vor schlechteren Zugang als Männer zu Ressourcen wie Land, Wasser, Saatgut, Kredit und Technologie haben. Ihrer Meinung würde eine Gleichstellung der Frauen in diesen Belangen zu einer großen Produktivitätssteigerung des bäuerlichen Anbaus führen und Mangelernährung reduzieren. Ich erinnere mich noch an die Diskussionen zur Ernährungssicherheit im Rahmen der Weltfrauenkonferenz in Peking 1995, als Frauen aus der sogenannten Dritten Welt einforderten, dass auch die Ernährungssicherheit von Frauen innerhalb der eigenen Familie thematisiert werden müsste, weil nicht davon ausgegangen werden könne, dass Frauen und Mädchen in patriarchalischem Umfeld einen fairen Anteil an knapper Nahrung innerhalb der Familie erhalten würden.

International werden die Zusammenhänge, die zwischen Ernährungssicherheit, Klimawandel (Auswirkungen des Klima-Wandels und Anpassung an den Klima-Wandel), Verfügbarkeit von Wasser und anhaltendem Verlust von Biologischer Vielfalt bestehen, unter dem Schlagwort „Klima-Wasser-Nahrung-Nexus“ zunehmend thematisiert. Die Frage der Bio-Treibstoffe – inwieweit sie gut für das Klima sind, inwieweit sie Anbau-Flächen okkupieren, die für nötige Lebensmittelproduktion gebraucht werden würden, wem die Profite des Handels mit Bio-Treibstoffen zufließen – wird besonders kontrovers diskutiert.

Ernährungssouveränität

Alternative Modelle, wie jenes von FIAN propagierte der „Ernährungssouveränität durch Agrarökologie“, treten für vielfältige bäuerliche Landwirtschaft als einen Weg zur Überwindung von Mangel und Hunger ein.

Armut ist ein vielschichtiges Phänomen; materielle Armut ist praktisch immer mit gesellschaftlicher Marginalisierung verbunden, mit der Unmöglichkeit, die Bürgerrechte voll auszuüben und gesellschaftliche Teilhabe optimal zu realisieren.

Die Geographie der Armut hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verändert. Während viele sogenannte Entwicklungsländer vergleichsweise hohe Wachstums-Raten aufweisen und auch die Pro-Kopf-Einkommen weiter Bevölkerungsschichten und andere Indikatoren menschlicher Entwicklung (wie Bildungsniveau, Mütter- und Kleinkindersterblichkeit und Lebenserwartung) sich stetig verbessern, sind Angehörige der unteren Mittelschicht in so manchem „reichen“ Land derzeit zunehmend armutsgefährdet.

Armut in Italien und in Österreich

Armut tritt auch in Ländern mit mittlerem oder hohem Einkommen, wie in Italien oder Österreich auf. (Nach der Annahme des italienischen Budgets für 2019, das mit einem GDP-Defizit von 2,4 Prozent nicht die EU-Vorgaben für Budget-Disziplin erfüllt, schrieb Luigi di Maio von der Fünf-Sterne-Bewegung auf Facebook, dass dieses Budget zum ersten Mal in der Geschichte seines Landes die Armut – mittels einer Form von Grundsicherung – ausmerze und somit eine Zukunft für die 6,5 Millionen Menschen schaffe, die bislang in Italien in Armut gelebt hätten und von der Politik völlig ignoriert worden wären)

Die jüngsten Zahlen der Statistik Austria, gestützt auf die EU-weite Erhebung der Gemeinschaftsstatistik über Einkommen und Lebensbedingungen, EU-SILC, machen deutlich, dass Armut nach wie vor auch bei uns in Österreich daheim ist, wenngleich Österreich im EU-Durchschnitt gut abschneidet. Die Armutsgefährdungsschwelle liegt derzeit bei 1185 Euro für einen Ein-Personen-Haushalt. 14,1 Prozent der ÖsterreicherInnen (2008 waren es noch 15,2 Prozent) haben ein Einkommen, das unter dieser Schwelle liegt; diese 1,2 Millionen Menschen sind in Österreich armutsgefährdet. „Working Poor“ – Menschen, die trotz Ausübung einer Erwerbstätigkeit kein ausreichendes Haushaltseinkommen zu Verfügung haben – sind rund 8,3 Prozent der Erwerbstätigen im Erwerbsalter in Österreich.

Langzeiterwerbslosigkeit

Eine besondere Schwierigkeit erleben Langzeitarbeitslose, auch in Österreich. Aktuell profitiert der österreichische Arbeitsmarkt von der guten Konjunktur. Die Zahl der Arbeitslosen ist rückläufig (laut AMS 290 000 im August 2018, 345000 Menschen, wenn man die Schulungsteilnehmer mitzählt). Laut Agenda Austria sind derzeit mehr als 140 000 Menschen in Österreich länger als 12 Monate arbeitslos, besonders ältere Menschen sind länger arbeitslos: Im Durchschnitt sei ein über 60-jähriger Arbeitsloser mehr als 350 Tage ohne Job, bei den 55- bis 59-Jährigen dauere die Jobsuche 207 Tage.

Die Armutskonferenz (die ksoe ist eine Mitbegründerin) weist darauf hin, dass die Vermögensungleichheit in Österreich stark ausgeprägt ist; der Gini-Koeffizient zur Ungleichheit der Vermögensverteilung sei mehr als doppelt so hoch wie jener der Einkommensverteilung. Lohneinkommen und Vermögenserträgnisse entwickeln sich auseinander. Die Lohnquote weist in Österreich einen langfristig sinkenden Trend auf (wie das WIFO in seinem Beitrag zum Sozialbericht 2014-2015 darlegt;). Verteilungs-Debatten im politischen Raum stellen jedoch häufig vor allem oder ausschließlich auf das Lohneinkommen und dessen Besteuerung ab.

Ökumene und Solidarische Gemeinden

Mit den vom Ökumenischen Rat der Kirchen erarbeiteten Empfehlungen für solidarische Gemeinden wird der Versuch unternommen, stereotype Aburteilungen von besonders armutsgefährdeten Gruppen – wie MigrantInnen, Allein-ErzieherInnen u.ä. – einem Realitätscheck zu unterziehen und im Lichte der christlichen Lehre zu hinterfragen.

Die Empfehlungen entlarven Mythen – wie „Mindestsicherung ermöglicht ein bequemes Leben“, oder „ Mindestsicherung ist für den österreichischen Staat unleistbar“ -, in dem die Fakten aufgezeigt werden (etwa dass der Anteil der Bedarf-orientierten Mindestsicherung – BMS – an den Gesamtsozialausgaben Österreichs gerade einmal 0.7 % darstelle). Ideen und Anregungen für solidarisches Handeln in Gemeinden und durch Einzelne reichen von Begleitdiensten für Armutsbetroffene über „Bo(h)nus-Café“ (jemand der es sich leisten kann, bezahlt anonym und im Voraus einen Kaffee oder eine kleine Mahlzeit für jemand, der es sich (derzeit gerade) nicht leisten kann), zu Wärme-Stuben in Pfarren, Spaziergängen mit Demenz-Kranken und Lern-Cafés.

„Es werden allezeit Arme sein im Lande; darum gebiete ich dir und sage, dass du deine Hand auftust deinem Bruder und deiner Schwester, die bedrängt und arm sind in deinem Lande“, heißt es im Alten Testament (5. Moses, 15:11), und bei Markus 14:7: „Ihr habt allezeit Arme bei Euch, und wenn Ihr wollt, könnt Ihr ihnen Gutes tun.“

Ein wirklich ökologischer Ansatz müsse sich immer  in einen sozialen Ansatz verwandeln und die Gerechtigkeit in die Umweltdiskussionen aufnehmen, „um die Klage der Armen ebenso zu hören wie die Klage der Erde“, mahnt Papst Franziskus ein (Laudato Si´, Par. 49).

Dies ist der zweite Beitrag einer blog-Serie von Irene Giner-Reichl zu den SDGs (Sustainable Development Goals).

Autorin

Irene Giner-Reichl

Irene Giner-Reichl
seit 1982 im Höheren Auswärtigen Dienst Österreichs; 2012 – 2017 Botschafterin in Peking; derzeit Botschafterin in Brasilien; Arbeitsschwerpunkte: Nachhaltige Entwicklung und globale Fragen, Entwicklungszusammenarbeit, internationale Kooperation zu Energie und Gender; Autorin von Artikeln und Sachbüchern zu Nachhaltigkeit, Entwicklung und Spiritualität; Ausbildung und Praxis in Begleitung von Personen und Prozessen; zertifizierte Yogalehrerin.