Wirtschaftswachstum und sozial-ökologischer Wandel

Konsumwahn trotz Hochwasser in Venedig © Claudia Manzo

Die Klimakrise wird immer mehr zum gesellschaftlichen Thema. Diskutiert wird die Frage, wie die Klimakrise sozial und ökologisch gerecht und gleichzeitig ökonomisch effizient gelöst werden kann. Die aktuelle Sozialenzyklika von Papst Franziskus – Laudato Sí – greift diese Frage auf. Die Amazonien Synode tagte im Oktober 2019 und vertiefte diese Auseinandersetzung beispielhaft an der Region Amazonien. Die betroffenen BewohnerInnen des größten Ökosystems der Erde wurden aktiv in den Prozess einbezogen. Dieser Prozess bekräftigte den dialogischen Einsatz der katholischen Kirche für den sozial-ökologischen Wandel.

Wirtschaft, Umwelt und soziale Gerechtigkeit

Die letzten Jahrzehnte waren von einer Zunahme sozialer Ungleichheiten geprägt. Das betrifft nicht nur wirtschaftliche Faktoren wie Einkommen und Vermögen, sondern auch die Nutzung natürlicher Ressourcen. Ressourcen werden vordergründig aus Lateinamerika und Afrika exportiert und dann in Europa oder Nordamerika konsumiert. Der ‚ökologische Fußabdruck‘ ist daher in Europa und Nordamerika besonders hoch – für die Verallgemeinerung des durchschnittlichen Lebensstils Österreichs bräuchte es etwa 3 Planeten. Der Durchschnitt Afrikas kommt mit weniger als einem Planeten aus, auch das besonders bevölkerungsreiche Indien bräuchte im Durchschnitt bloß 0,3 Planeten Erde.

Papst Franziskus widmet diesen Themen große Aufmerksamkeit in der aktuellen Sozialenzyklika ‚Laudato Sí‘. Mit deutlichen Worten kritisiert er den aktuellen Zustand der globalisierten Welt: „Wir bemerken nicht mehr, dass einige sich in einem erniedrigenden Elend dahinschleppen ohne wirkliche Möglichkeiten, es zu überwinden, während andere nicht einmal wissen, was sie mit ihrem Besitz anfangen sollen, voll Eitelkeit eine vorgebliche Überlegenheit zur Schau stellen und ein Ausmaß an Verschwendung hinter sich zurücklassen, das unmöglich verallgemeinert werden könnte, ohne den Planeten zu zerstören. Wir lassen in der Praxis weiterhin zu, dass einige meinen, mehr Mensch zu sein als andere, als wären sie mit größeren Rechten geboren.“

Im Einklang mit den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften diagnostiziert Papst Franziskus aber nicht bloß individuelle ethische Probleme, sondern auch systemische Zusammenhänge. Problematisch sind meist nicht böse Vorsätze der Mächtigen, sondern gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten. Technokratie verdrängt ethisch-menschliche Entscheidungen. Computer-gesteuerte Algorithmen wie z.B. bei der Plattform ‚Uber‘ entscheiden über Arbeitszuteilung, zahlen-basiertes Management versucht den ‚Shareholder Value‘ oder den ‚Return on Investment‘ zu optimieren. Ethische Werte können so nur schwerlich in die Entscheidungen mit einbezogen werden. Daraus schließt Papst Franziskus, „dass der moderne Mensch nicht zum richtigen Gebrauch der Macht erzogen wird, denn das enorme technologische Wachstum ging nicht mit einer Entwicklung des Menschen in Verantwortlichkeit, Werten und Gewissen einher.“

Sozial-ökologische Wende – aber wie?

Viele fordern daher ein Umdenken, damit Soziales und Umwelt wieder besser ins Gleichgewicht kommen. Während die Probleme immer klarer erkennbar sind, gibt es große Diskussionen um mögliche Lösungen – ganz besonders im Hinblick auf den Umgang mit der Wirtschaft. Viele bemühen sich um einen „Green New Deal“ oder „grünes Wachstum“. Ex-US-Präsident Clinton oder aktuell die „Globale Kommission für Anpassung“ der Vereinten Nationen sehen neue Wachstumspotenziale in „grünen Wirtschaftssektoren“ und heben die damit verbundenen Potenziale für kontinuierliches oder sogar gesteigertes Wirtschaftswachstum hervor. Die „Globale Kommission für Anpassung“ betont die Gleichzeitigkeit der Notwendigkeit von Investitionen und deren lukrativen Charakter. Der Appell an EntscheidungsträgerInnen, beim Investieren neue Prioritäten zu setzen, erscheint zeitgemäß. Gleichzeitig stellt sich aber die Frage, ob ein solches ‚more of the same‘ in eine andere Richtung ausreichen wird.

Einige Natur-, Sozial- und WirtschaftswissenschaftlerInnen sehen weitreichendere Veränderungen notwendig. Wirtschaftswachstum sollte – ihnen zu Folge – nicht mehr in allen Ländern der Welt die oberste Maxime sein. Dadurch entstehen teilweise sehr widersinnige Sachverhalte: Es ist z.B. besser für das Wirtschaftswachstum, wenn ein Fluss erst stark verschmutzt und anschließend kostenintensiv wieder gereinigt werden muss, statt von Anfang an sorgfältig mit der natürlichen Ressource umzugehen und eventuell die Produktion am Fluss zu stoppen, wenn sie negativ für das Ökosystem ist. Diese zweite Option könnte Grundlage für ‚de-growth‘ sein – demokratisch bestimmtes wirtschaftliches Schrumpfen.

Neue Wege und die katholische Soziallehre

Das klingt für viele wie die radikale Ablehnung eines zentralen Pfeilers der Zivilisation. Persönliches und gesellschaftliches Wachstum gilt ja in vieler Hinsicht als Versinnbildlichung von Fortschritt. Dabei wird aber der Frage ausgewichen, um welches Wachstum es sich handelt. VertreterInnen eines „guten Lebens für alle“ oder einer „Post-Wachstumsgesellschaft“ stellen sich eben diesen Fragen. Für sie sind „grüne Sektoren“ der Wirtschaft nicht als zusätzliche Wachstumsimpulse, sondern als Ersatz für verschmutzende Sektoren gedacht. Für die Mobilität ginge es beispielsweise um das Vermeiden von regelmäßigen langen Wegen durch mehr Regionalität und kurze Wege sowie den mutigen Ausbau des öffentlichen Verkehrs. Wegen des damit verbundenen Rückgangs des Individualverkehrs würde deutlich weniger zum Wirtschaftswachstum beigetragen, gleichzeitig aber die Lebensqualität erhöht: Zeit, die nicht mehr im Verkehr verbraucht wird, kann so anderweitig genutzt werden.

Der Verzicht auf ständige Beschleunigung und Optimierung muss nicht zwangsläufig zu weniger Lebensqualität führen. Wird dieser Wandel bewusst und demokratisch gestaltet, könnten negative Auswirkungen – nicht nur auf die Umwelt, sondern auch auf die menschliche Psyche und Gemeinschaftlichkeit – vermieden werden und somit Lebensqualität gesteigert. Das gilt besonders für den Umgang mit Zeit. Erwerbsarbeit könnte z.B. deutlich reduziert werden, wenn es stärker um Bedarfsorientierung als um das Produzieren immer neuer Bedürfnisse ginge. Durch einen humaneren Einsatz von Technik wäre dann für Familie und FreundInnen mehr gemeinschaftliche Zeit zur Verfügung.

Wie auch Papst Franziskus anmerkt, handelt es sich dabei um einen langfristigen Prozess des Wandels: „Was gerade vor sich geht, stellt uns vor die Dringlichkeit, in einer mutigen kulturellen Revolution voranzuschreiten. Wissenschaft und Technologie sind nicht neutral, sondern können vom Anfang bis zum Ende eines Prozesses verschiedene Absichten und Möglichkeiten enthalten und sich auf verschiedene Weise gestalten. Niemand verlangt, in die Zeit der Höhlenmenschen zurückzukehren, es ist aber unerlässlich, einen kleineren Gang einzulegen, um die Wirklichkeit auf andere Weise zu betrachten, die positiven und nachhaltigen Fortschritte zu sammeln und zugleich die Werte und die großen Ziele wiederzugewinnen, die durch einen hemmungslosen Größenwahn vernichtet wurden.“

In Anbetracht der Dringlichkeit der Klimakrise wäre es wichtig, wenn dieser revolutionäre Weg der Wiedergewinnung von Werten und großen Ziel durch das Einlegen eines kleineren Ganges bald eingeschlagen würde.

Dieser Artikel ist zuerst in ZeitZeichen, Magazin der Katholischen ArbeitnehmerInnen-Bewegung Österreichs 3/2019 erschienen.

Autor

Bernhard Leubolt
B. Leubolt © J. Mullan

Bernhard Leubolt
Ökonom und Politikwissenschafter, Mitarbeiter der ksoe, Forschungs- und Grundlagenarbeit zu Demokratie, Sozialstaat, Zukunft der Arbeit, sozio-ökologische Transformation.