Nachhaltig Dienst-Reisen

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Rund 17.000 Kilometer sind es, die ich jährlich dienstlich auf Achse bin. 17.000 km, die ich – bequem, bewegungsfreundlich, aussichtsreich, menschennah und umweltschonend – auf Reisen bin. Um für Vorträge, Lehrgangsmodule, diverse Vorstandssitzungen oder Vernetzungstreffen zu den Menschen zu kommen. Zug um Zug komme ich ans Ziel. Fast durchgehend autofrei. Zum Neusiedlersee, zum Bodensee oder dem Wörtersee, entlang der Donau, der Salzach, der Mur oder dem Inn. Nur selten müssen letzte Anschlusswege mit dem Taxi oder Abholdiensten bewältigt werden.

Meistens mit WLAN und immer mit Laptop bewaffnet sind diese Stunden oft die produktiveren, weil unterbrechungsfreiere Arbeitszeiten als im Büro. Im Gegensatz zu KollegInnen, die ähnliche Strecken immer noch mit dem Auto fahren, kann ich im Zug genüsslich essen, eine energiefördernde Siesta halten, nach-denken, ohne notwendigem Zwischenhalt das WC benützen, mich bewegen und telefonieren. Letzteres allerdings mit Vorbehalt, da ich selbst oft unter dem lauten Telefonieren anderer Mitreisender leide oder auf das Mithören z.T. beruflich sensibler Daten, die manchmal in unkontrollierter Lautstärke verkündet werden, lieber verzichten würde.

Sofern ich nicht nur im Laptop oder beruflicher Lektüre versinke, ergeben sich immer wieder spannende Gespräche mit SitznachbarInnen der 2. Klasse ÖBB. Ich komme in Kontakt mit Menschen, die sonst kaum in meinem Bekanntenkreis zu finden sind: von einem Mitglied der COBRA habe ich ebenso spannende Geschichten gehört wie von einer Sexualtherapeutin, einem Lehrling (mit leider negativem Asylbescheid) oder einem Berufssoldaten. Auch Freundschaften haben sich schon aus Zug-Bekanntschaften entwickelt.

Beim Beobachten der Landschaft werden meine Augen manchmal mit lustigen Details am Schienenrand überrascht: Bahnstationsnamen wie „Ederbauer“ oder „Haselstaude“ zaubern mir immer wieder ein Lächeln ins Gesicht. Zudem sind gerade längere und internationale Zugfahrten eine Sprach-Reise, da sich nicht nur die Landschaft ändert, sondern auch die Akzente der Lautsprecher-Durchsagenden.

Als Ökotarierin (ich esse aus Gründen des Umweltschutzes wenig Fleisch, bevorzugt biologisch und nachhaltig produzierte Lebensmittel mit so wenig wie möglichen Transportkilometern bis zu meinem Teller) wage ich es auch, mit als Öko-Travelerin zu bezeichnen: Ich fahre zunehmend bewusster für meine Mitwelt und die Lebensbedingungen der nächsten Generationen mit dem Zug. Zugfahren ist nach wie vor – neben dem Gehen zu Fuß oder dem Radfahren – eine der umwelt- und ressourcenschonendsten Arten, geographische Distanzen zu überwinden.

Natürlich ist das Flugzeug auf den ersten Blick das schnellere Transportmittel. Aber mal ganz ehrlich: wie viele Reise-Stunden erspart man sich wirklich – z.B. Wien-Würzburg oder Wien-Innsbruck -, wenn man wirklich alle Weg- und Wartezeiten miteinberechnet? Und sind es diese wenigen „eingesparten“ Stunden wert – in Zeiten der Klimakrise bei einer CO­­2-Differenz von 1:31 zwischen Zug-km und Flug-km pro Person? (1:15 sind es immer noch zwischen Zug-km und gefahrenem km per Kfz mit Brennstoffmotor – vgl. https://www.vcoe.at/service/fragen-und-antworten/klima-emissionen-der-verkehrsmittel-im-vergleich ) Zugfahren ist wesentlich umweltfreundlicher als das (Dienst)Reisen mit dem Auto oder mit dem Flugzeug. Und das nicht erst seit fridays4future oder der Sozial- und Umweltenzyklika Laudato si´ von Papst Franziskus das empfehlenswerte Fortbewegungsmittel für auch Dienstreisen.

Das Argument, dass fliegen ja viel billiger ist als mit dem Zug zu fahren, ist leider angesichts politischer Versäumnisse und fehlender Besteuerung des Flug-Kerosins ein gewichtiges. Aber dürfen Unternehmen – besonders jene mit Gewinnausschüttungen – diese Umwelt-Kosten aus ihrer Bilanz raushalten, sie aber unserer Mitwelt und kommenden Generationen doppelt schwer in die „Lebens-Eröffnungsbilanz“ einrechnen?

Das gilt genauso – und mit Blick auf die Schöpfungsverantwortung – und umso mehr auch für kirchliche MitarbeiterInnen oder christlich inspirierte Unternehmen.

Den Jesuiten ist seit 1975 ins Stammbuch geschrieben, dass der Einsatz für Gerechtigkeit einen Preis hat, den sie zu zahlen bereit sein sollen. Dabei ist vorrangig der Einsatz für Benachteiligte, Arme und Ausgeschlossene ihrer Gesellschaften gemeint, der Einsatz für soziale Gerechtigkeit. Heute, so meine ich, ist auch der Einsatz für ökologische Gerechtigkeit gemeint, der einen Preis hat.

Jeder Autofahrer kennt Staus und Verspätungen durch Unfälle oder Baustellen, die nicht von google vorhergesagt wurden. Jede Zugfahrerin kennt auch Verspätungen und Verzögerungen und sogar Ausfälle von Zügen aufgrund der zunehmenden Wetterkapriolen und ihrer Konsequenzen für den Reiseverkehr. Viele Reisende, egal welchen mobilen Untersatz sie benutzen, fallen angesichts ungeplanter Veränderungen in große Ungeduld, beginnen zu schimpfen. Und stressen damit sich selbst und ihre Mitreisenden.

Für mich sind es Momente, meine in Lateinamerika gelernte Gelassenheit zu üben. Und diese Momente sind auch Gelegenheit einer spirituellen Übung, mit Unvorhergesehenem im Leben umzugehen. Ist nicht Gott jene Größe, die gläubige Menschen immer wieder mit Überraschungen beschenkt – und auf unsere Antwort wartet?

Und ist unser Leben nicht viel mehr als eine excel-gestützte Planung von Abläufen und schnellstmöglichen Distanzüberwindungen? Hat Reisen nicht auch damit zu tun, sich äußerlich wie innerlich aufzumachen? Ist es nicht relevant, geographische Distanzen auch manchmal noch körperlich zu spüren?

Dienstreisen sind also eine nicht unwesentliche Dimension, wie ein Unternehmen in die Gesellschaft hinein wirken und unsere Mitwelt nachhaltig erhalten kann. Meine jährlichen 17.000 Reisekilometer per Zug verursachen immerhin „nur“ eine CO2-Verbrauch von rd. 0,2 Tonnen. Im Vergleich zu rd. 12,2 Tonnen CO2-Verbrauch gegenüber gleichen Flugkilometer (und immer noch 3,6 Tonnen CO2-Verbrauch eines Kfz mit Verbrennungsmotor bei der gleichen Reisestrecke; Berechnungsdaten siehe unten).

Ich werde den Klimawandel allein und nur mit meiner Wahl des Dienstreisefahrzeugs leider nicht aufhalten können. Aber diesen meinen Anteil – neben anderen Wirkdimensionen meines Dienstes in der ksoe – kann ich über die Wahl des Transportmittels bei Dienstreisen leisten. Denn „niemand ist zu klein, um Einfluss zu nehmen und die Welt zu verändern.“ (Greta Thunberg)

719 g CO2-Äquivalent pro Flug-km national – bei durchschnittlich Besetzung mit 38 Personen / Flugzeug (national)

216g CO2-Äquivalent pro Verbrennungs-Auto-km – bei durchschnittlicher Besetzung mit 1,15 Personen / Fahrzeug

14g CO2-Äquivalent pro Zug-km (Personenverkehr) – bei durchschnittlicher Besetzung mit 110 Personen / Zug

Vgl. https://www.umweltbundesamt.at/fileadmin/site/umweltthemen/verkehr/1_verkehrsmittel/EKZ_Pkm_Tkm_Verkehrsmittel.pdf

Autorin

MMag.a Dr.in Magdalena M. Holztrattner MA, Direktorin der ksoe, Sozialethikerin, Führungskräfteentwicklerin