Entscheidungsfindung in Ordensgemeinschaften

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Tagtäglich werden wir Menschen vor Entscheidungen gestellt. Zum Glück gibt es Strukturen, die uns viele Entscheidungen abnehmen. So ist es uns meist vorgegeben, wann wir aufstehen müssen, weil eine Verpflichtung ruft. In jeder demokratischen Gesellschaft fordert das Zusammenleben von Menschen Entscheidungen, die gemeinsam oder zumindest von einem Teil der Gruppe getroffen werden sollen. So ist es auch in einer Ordensgemeinschaft.Je mehr es gelingt, die Mitglieder einer Gemeinschaft einzubeziehen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Entscheidung gut von der Mehrheit mitgetragen wird und das Vertrauen zur (Ordens)leitung wächst.

Als Vorgesetzte unserer Kongregation sind mir folgende Fragen vor und während einer Entscheidungsfindung wichtig und hilfreich:

  • Was zeigt sich und was ist zu entscheiden?
  • Wer kann und soll das Thema für die Entscheidung „aufbereiten“; wer soll mitdenken, mittragen, mitverantworten?
  • Braucht es eine externe Begleitung/Hilfe und welche?
  • Welche Möglichkeiten/Varianten finden wir in der Entscheidungsfindung?
  • Wieviel Zeit haben wir für die Entscheidung?
  • Hören wir wirklich achtsam aufeinander oder sind wir voreingenommen = sind wir indifferent?
  • Vertrauen wir, dass der Heilige Geist in jeder von uns wirkt und daher jede Meinung wichtig ist?
  • Was muss vor der Entscheidung noch geklärt werden?
  • Haben wir die Kraft und die Mittel, um die geplante Entscheidung umzusetzen?
  • Wer hat die Letztentscheidung zu treffen?

Die Frage „Braucht es eine externe Begleitung/Hilfe und welche?“ scheint mir bei allen Fragen sehr wichtig. Gerade bei großen Entscheidungen, die vielleicht auch mit starken Emotionen verbunden sind, hilft die Begleitung, sich ganz auf das Thema zu konzentrieren. Wichtig scheint mir dabei, dass die Begleitung auf Indifferenz achtet und jeder/m Teilnehmer/in im Prozess eine Stimme gibt. Begleiter dürfen nie die Entscheidung „an sich reißen“, sondern müssen in der Rolle des Begleiters bleiben. Inputs, die der Entscheidung dienen, sind dabei sehr hilfreich. Ich bitte sehr gerne MitarbeiterInnen der ksoe um die Begleitung, weil ich mit allen durchwegs sehr gute Erfahrungen gemacht habe und weil sie unserer Wertevorstellung entsprechen.

Ein Beispiel aus unserer (Gemeinschaft) Kongregation:

2014 zeigte sich, dass das Dach unseres Mutterhauses, das vor 180 Jahren gebaut wurde, bereits schwere Schäden hatte und erneuert werden musste. Es war eine Entscheidung, die zwar nicht auf der Stelle, jedoch bald getroffen werden musste. Im Provinzrat beschlossen wir, eine Gruppe von Schwestern zu beauftragen, die sich mit Hilfe eines externen Begleiters die gesamte Sachlage des Mutterhauses ansehen und dem Provinzrat einen Vorschlag für eine Entscheidung vorlegen sollte.

Das Ergebnis der Gruppe war: Es sollte eine Generalsanierung des Mutterhauses gemacht werden. D.h. nach dem Abbruch des Daches soll das Haus aufgestockt werden und anstelle des Daches soll ein Dachgarten gebaut werden. Auch soll ein Übergang in das gegenüberliegende Gebäude und ein notwendiger Aufzug gemacht werden. Außerdem bot sich im Übergang die Möglichkeit für einen kostengünstigen Wintergarten an.

Mit diesem Plan zeigte sich, dass die Gemeinschaft bei besserer Wohnqualität örtlich in zwei Gebäuden zusammenziehen konnte und damit ein gesamtes Haus frei wird, das später vermietet werden kann. Damit kann der finanzielle Aufwand ein wenig reduziert werden und für andere Menschen eine gute Wohnmöglichkeit geschaffen werden. Das Ergebnis wurde dem Provinzrat vorgelegt, der die Sachlage nochmals prüfte und dann, wie vorgeschlagen, der Generalsanierung zustimmte. Mit wohlwollendem Interesse der Gemeinschaft und mit Vertrauen wurde diese Entscheidung umgesetzt. Seit Mai 2018 freuen wir uns über das schöne „neue“ Mutterhaus und im September 2019 übersiedeln ca. 25 Schwestern einer anderen Ordensgemeinschaft in den frei gewordenen Gebäudetrakt.

Ein zweites Beispiel: eine Folgeentscheidung

Beim Provinzkapitel 2013 wurde beschlossen, dass Konventoberinnen, die es brauchen, eine weltliche Hilfe zur Seite gestellt werden soll (= sogenannte Koordinatorinnen).

Beim ersten Oberinnentreffen nach dem Provinzkapitel wurde dieses Thema behandelt. Anhand eines realen Falles erarbeiteten drei Gruppen (mit je 4 -5 Oberinnen bzw. Provinzrätinnen) konkrete Vorschläge, wie die Oberin eines großen Konventes (45 Schwestern) unterstützt werden könnte. Erfreulicherweise waren sich die Vorschläge sehr ähnlich, sodass ich als Provinzoberin beauftragt wurde, dieses Thema weiter für eine konkrete Entscheidung vorzubereiten. Mit externer Begleitung, nach einer Exkursion in die Niederlande und vielen Einzelgesprächen gelang es, dass die Oberin, aber auch die Gemeinschaft und die einzelnen Schwestern die Entscheidung für eine weltliche Unterstützung mittragen konnten. Knapp zwei Jahre nach Beginn des sehr umfangreichen Entscheidungsprozesses konnten wir die erste Koordinatorin – und später zwei weitere – einsetzen, die wir uns heute nicht mehr wegdenken können.

Ein drittes Bespiel: eine Übergangsentscheidung

Immer wieder zeigt sich, dass die Schwestern bereits zu alt geworden sind, um einen Konvent gut weiter bestehen zu lassen.  Oft ist damit das Problem verbunden, das es noch keine Lösung für das frei werdende Haus gibt. In einem solchen Fall erarbeiten wir mit externer Begleitung mehrere Varianten. Von den sieben Varianten war eine einzige suboptimal. Mit dieser Variante wagten wir eine Übergangslösung, die sich aber als nicht dauerhaft erwies. Nach zwei Jahren eröffnete sich eine Gelegenheit, die Sache neu anzudenken und wider Erwarten tat sich eine Lösung auf, die uns alle große Freude bereitet. In diesem Falle half uns der Mut und die Entscheidung zur Übergangslösung. So gewannen wir Zeit, die gute Entscheidung zu treffen.

Autorin

Sr. Cordula Kreinecker

Sr. Cordula Kreinecker
seit 2013 Generaloberin der Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul in Wien–Gumpendorf, seit 2015 Vorsitzende des Vorstandes der Sankt Vinzenz Stiftung – gemeinnützige Privatstiftung der Barmherzigen Schwestern.