u.labs: Test-Orte für gesellschaftlichen Wandel

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Wie wir den Veränderungen und Herausforderungen dieser Welt begegnen können, wenn die sozialen Strukturen und die eigene Art des Denkens veraltet scheinen. Auch wenn die Menschheit, grob gesagt, aktuell so gebildet, gesund, reich und sauber wie nie zuvor ist, haben wir uns doch gleichzeitig in globale Herausforderungen hinein manövriert, die nach dringenden Lösungen verlangen. Nur: Wie können wir jene (ökologischen, sozialen, ökonomischen) Krisen überwinden, die wir verursachen? Wo und wie können wir Lösungsstrategien erproben und einüben, um eine Welt zu gestalten, in der ein gutes Leben für alle möglich wird?

Denn dafür benötigen wir nicht nur kleine Stellschrauben, sondern grundlegende Lösungen abseits gängiger Handels- und Denkmuster. Lösungen, die an der Wurzel des gegenwärtigen Systems ansetzen und einen sozial-ökologischen Wandel einleiten: einen Wandel weg von einem System der Konkurrenz, der Gier, des unendlichen Wachstums und der Abschottung und hin zu einem guten Leben für uns und unsere Umwelt innerhalb der planetaren Grenzen.

u.lab – der Raum für Lösungen

Es gibt Orte, an denen derartige Lösungen gesucht und erprobt werden. Als einen solchen Ort habe ich das „u.lab“ erlebt, einen dreimonatigen „Massive-Open-Online-Course“ (MOOC, dt: massiver, offener Onlinekurs) des MIT, einer Hochschule in Cambridge.

Als der MIT-Professor Otto Scharmer das „u.lab“-Programm im Jahr 2015 zum ersten Mal als offenen Kurs online anbot, nahmen im ersten Jahr mehr als 50.000 Menschen aus 185 Ländern teil, seitdem bietet er den Kurs jährlich mit großem Zustrom an. Außer einem Gerät mit Internetverbindung und der Kenntnis der englischen Sprache gibt es keine Zugangsbeschränkung für die Teilnehmenden. Erklärtes Ziel ist, Menschen weltweit darin zu begleiten, die Gesellschaft, Wirtschaft und sich selbst zu transformieren. (https://www.huffpost.com/entry/mitx-ulab-education-as-ac_b_8863806)

Während Otto Scharmer im „u.lab“ online regelmäßig  kurze Vorlesungen hält, Methoden anleitet oder Hausaufgaben gibt, tauschen sich die tausenden Teilnehmenden immer wieder untereinander aus, vernetzen sich in regionalen „Hubs“ oder bildeten online Videochat-Gruppen, um das Gehörte gemeinsam anzuwenden: vorm Bildschirm plaudert man auf Wunsch durch Zeitzonen hinweg mit Menschen, die trotz aller geographischer Entfernung auf einem gemeinsamen Weg sind und sich an grundsätzliche Änderungen in unserem (Wirtschafts-)System herantasten wollen. Denn am Beginn des Kurses steht die Feststellung, dass das aktuell vorherrschende „Ego-System“ Resultate erzeugt, die niemand möchte.

From Ego to Eco

Scharmer skizziert drei große „Trennungen“, um dies zu veranschaulichen:

  • die ökologische Trennung (Wir erleben uns als abgetrennt vom Planeten), also der Überzeugung, dass die Natur ein Ausflugsziel ist – und nicht unser Zuhause und untrennbarer Teil von uns. Beispiele bieten die Klimakrise und die Ausbeutung des Planeten: der globale Erdüberlastungstag, an dem wir die nachhaltig nutzbaren Ressourcen als Menschheit fürs Jahr 2019 verbraucht haben, war bereits am 29. Juni.
  • die soziale Trennung (Wir erleben uns als abgetrennt von anderen Menschen), die dazu führt, dass globale Ungerechtigkeit als gegeben hingenommen und Konkurrenz als zentraler Antrieb erlernt wird. Beispielhaft: die globalen Rüstungsausgaben stiegen 2018 auf den Höchststand seit 30 Jahren, während das Geld für offizielle „Entwicklungshilfe“ gekürzt wurde, obwohl diese Gelder nötig wären, um die negativsten Folgen des aktuellen Wirtschaftssystems auf unsere Mitmenschen zumindest punktuell abzufedern.
  • die persönliche Trennung (Wir erleben uns als abgetrennt von der eigenen Person bzw. unserem tieferen Wesenskern), die sich am radikalsten vielleicht in der globalen Suizid-Statistik zeigt: die Hälfte aller gewaltsamen Todesfälle von Männern weltweit sind Selbstmorde – und sogar 71 % aller gewaltsamen Tode von Frauen sind Suizide.[1].

Unsere gesellschaftspolitische und ökologische Verantwortung gegenüber der Zukunft steht daher im Zentrum des u.lab: „From Ego to Eco“, also weg von einer Lebens- und Wirtschaftsweise mit Fokus auf individuelle Bereicherung auf Kosten anderer hin zu einem „Ökosystem-Denken“, welches die Resultate, die unser Handeln auch auf einer größeren Dimension erzeugt, miteinbezieht.

Theorie U als Basis

Der Kurs basiert auf der „Theorie U“, die mehr ein Rahmen für Wandlungsprozesse ist, denn eine klassische Theorie. Die Theorie U basiert auf zweierlei Annahmen: Ein System kann sich erst dann ändern, wenn es sich selbst von außen sieht und erspürt. Und: die Qualität der Aufmerksamkeit, die wir in eine Situation einbringen, bedingt die Art, wie Wirklichkeit entsteht[2]. Das bedeutet, dass von unserer inneren Ausrichtung der Erfolg einer von uns gesetzten Intervention abhängt – laut Scharmer ist dies der blinde Fleck unserer Zeit.

Diese Annahmen führen zu einer Methodik im u.lab, die stark auch die Achtsamkeit der Handelnden einbezieht und fördert. Ein zentrales Element im Online Kurs ist „Presencing“, eine Wortschöpfung aus den englischen Wörtern „presence“ und „sensing“, und meint „sein eigenes höchstes Zukunftspotenzial zu erspüren, sich hineinziehen zu lassen und dann von diesem Ort aus zu handeln“[3]. So werden im Kurs entlang des „U“ Methoden aus dem Social Presencing Theater, des generativen Zuhörens und Formate wie Lernreisen und geleitetes Schreiben genutzt, um dann relativ schnell konkrete Pilotprojekte zu entwickeln und auszutesten.

Dabei gibt es inzwischen verschieden weiterführende Kurse bzw. Spezialisierungen zum u.lab: das „Ubuntu Lab“ fokussiert sich auf Menschen und Initiativen am afrikanischen Kontinent[4]– sei es durch Projekte im Bereich nachhaltiger Ernährung oder zivilgesellschaftlicher Organisation.

2019 startete außerdem erstmals das „societal transformation lab“, ein fünfmonatiges Online-Laboratorium für ganze Teams (statt für Einzelpersonen wie das u.lab). Als ich davon erfuhr, dass Teams sich mit einem konkreten Projekt zur gesellschaftlichen Transformation bewerben können und dann von Jänner bis Juni bei der Umsetzung ihres Projekts online begleitet werden, formierte ich ein Team in Österreich und bewarb mich für das Laboratorium. Gemeinsam mit 300 Teams, die in der Welt verstreut waren, wurden wir online begleitet, mit den anderen Teams  auf einer Internet-Plattform vernetzt und regelmäßig mittels Live-Vorträgen und Videokonferenzen in Austausch gebracht.

Die Teilnehmenden der verschiedenen Kurse sind in diversen Kontexten rund um den Globus aktiv: nachdem beispielsweise viele schottische Regierungsmitglieder am u.lab 2015 teilnahmen, integrierte die schottische Regierung den U-Prozess in ihre Abläufe und hat Pilotprojekte in über 30 Regionen gestartet, um Formen von dezentralerer Demokratie zu erproben.

Andere Projekte sind im Bereich transformative Bildung auf den Philippinen angesiedelt, in der Vernetzung von Akteur*innen im gesellschaftlichen Wandel in Bolivien, im Erzählen von Alternativen in Österreich.

So entstand in den letzten Jahren ein globales Netzwerk von Initiativen und Menschen, das Teil einer lebendigen Bewegung ist, um unser höchstes Zukunftspotential gemeinsam zu entdecken.

[1] Preventing Suicide: A global imperative © Weltgesundheitsorganisation (2014), S.8
[2] C.Otto Scharmer, Katrin Käufer in „Führung vor der leeren Leinwand“
[3] C. Otto Scharmer: „Theorie U“, Carl Auer Verlag 2015, S. 35
[4] „Ubuntu“ ist ein Wort in den Bantu-Sprachen der Zulu und Xhosa und bedeutet übersetzt etwa „Menschlichkeit“ oder „Ich bin, da wir sind“ und beschreibt -ähnlich wie das Kozept „buen vivir“ in Lateinamerika- eine philosophische Grundhaltung aus dem südafrikanischen Raum, die auf Respekt, Menschenwürde, Frieden und dem Beitrag des Einzelnen zum Gemeinwohl basiert.

Der ksoe-Lehrgang Soziale Verantwortung greift im Rahmen der innovativen Projektentwicklung Methoden der Theorie U auf, die auf vielfältige Weise wirksam geworden sind. Besonders spannend ist dabei die Entwicklung der u.labs für gesellschaftlichen Wandel. (www.ksoe.at/lsv)

Autorin

Conni Barger

MMag. Conni Barger (conni@barger.at)
ist Kultur- und Sozialanthropologin und Ökonomin. Nach einem Jahrzehnt in der Entwicklungspolitk ist sie aktuell bei attac, sowie selbstständig als systemische Coach, Organisationsberaterin und Yogalehererin tätig. Ihre Leidenschaft gilt realistischen Utopien des Zusammenlebens- und -arbeitens, sowie kleinen und großen Ideen rund um eine sozioökonomische Transformation der Welt. Sie wurde nach dem Absolvieren des u.lab Kurs bei Otto Scharmer auch in das „societal transformation lab“ aufgenommen und gibt ihre Expertise zur Theorie U gerne in halb- oder ganztägigen Workshops weiter.