Ich mach‘ Urlaub daheim!

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Noch nie gab es so viele Möglichkeiten, die Welt zu erkunden, wie heute. Urlaube auf fernen Kontinenten, von denen unsere Großeltern nur träumen konnten, sind fast alltäglich geworden. Die meisten heimischen Erstklassler haben heute bereits mindestens eine Flugreise absolviert. Aber was bewirkt dieses „Fernweh“, woher kommt es und können wir es uns im Sinne eines nachhaltigen Lebensstils überhaupt noch leisten?

Ein Bekannter erzählte mir, dass er während seines letzten vierwöchigen Urlaubs eine ungewöhnliche Erfahrung gemacht hatte: nach 2 Wochen bekam er Heimweh – ein Gefühl, das er seit seiner Kindheit nicht mehr kannte.  Obwohl er tausende Kilometer von zu Hause weg war, seine Ayurveda-Kur toll war und es ihm doch super gehen sollte, konnte er doch seinem Alltags-Ich mit seinen sorgenvollen Gedanken nicht entfliehen. Wenn es ihm schon schlecht ginge und ihn der Alltag einholte – dann wollte er doch lieber in seiner vertrauten Umgebung sein.

Der Ursprung des Fernwehs

Laut der Autorin von „Gebrauchsanweisung für´s Daheimbleiben“, Harriet Köhler, ist ein wesentliches Motiv für das Verreisen die Sehnsucht nach einem anderen Leben, die Hoffnung, unser Alltags-Ich abzustreifen und uns so zu erleben, wie wir wirklich/idealerweise sind. Der Begriff des „Fernwehs“, eine Erfindung des 20. Jahrhunderts weist auf ein Gefühl eines Defizits hin, auf einen Mangel, den wir durch Reisen zu beheben suchen. Vielen nicht bekannt sein dürfte ihr Hinweis, dass das Rezept des „Urlaubs“ zur Zeit des Nationalsozialismus als „Kraft durch Freude“ propagiert wurde, damit der Mensch danach wieder so richtig funktioniere. Ich kann mich auch heute nicht des Eindrucks erwehren, dass manche Menschen ihren (Berufs-)Alltag nur aushalten, weil sie sich immer wieder durch Vorfreude auf den nächsten Urlaub „rüberretten“. So sind sie die meiste Zeit im Funktionsmodus, obwohl sie – wie Helmut Qualtinger es so trefflich formulierte – „eigentlich ganz anders sind, aber so selten dazu kommen“.

Die Schattenseite des Tourismus

Fernweh hat eine gewaltige Tourismusmaschinerie entstehen lassen. Leider trifft der von Hans-Magnus Enzensberger 1979 getätigte Ausspruch immer mehr zu: „Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet.“ Viele Orte sind mittlerweile von Übertourismus geplagt und haben massiv an Lebensqualität für die einheimische Bevölkerung eingebüßt. Billigflüge verführen zum häufigen kurzfristigen Verreisen und sind somit mitschuldig an den steigenden CO2 Emissionen. Es ist höchste Zeit, diesen ökologischen Irrsinn einzudämmen und weniger und bewusster zu verreisen.

Urlaub daheim

Das muss jedoch gar kein Verzichten, kein Aufgeben von Urlaubsgefühlen bedeuten. Laut Köhler gibt es ein zweites Leben innerhalb des Alltags, eine Möglichkeit jederzeit ein Urlaubsfeeling zu erleben. Wir brauchen nur aus unseren Routinen auszubrechen, uns angenehme Erlebnisse in unserer nächsten Umgebung zu verschaffen und können dadurch einen wunderbaren Urlaub daheim verbringen. Sollten wir uns gleich für zwei Wochen Urlaub zu Hause entscheiden, dann gibt Köhler für jeden Tag eine besondere lustvolle Anregung, z.B. die Vergangenheit des Wohnbezirks zu erforschen, wenige ausgewählte Objekte in einem Museum zu betrachten, sich achtsam etwas zu kochen, eine Zimmerreise unternehmen und dabei vielleicht endlich auch auszumisten.

So haben wir durch Verlangsamung, Fokussierung auf Weniges und bewusstes Genießen glücklich machende Erlebnisse ganz ohne die Strapazen einer Urlaubsreise. Zusätzlich verschafft uns ein kleinerer CO2-Fußabdruck das gute Gefühl, einen Beitrag zur Erreichung der Klimaziele geleistet zu haben.

 

Autor

Markus Hauser

Mag. Markus Hauser
Wirtschafts- und Gesundheitspsychologe, Psychotherapeut, Coach, seit 1993 in der ksoe (Kath. Sozialakademie Österreichs) als Entwicklungsberater und Managementtrainer tätig

Literatur

Harriet Köhler: Gebrauchsanweisung fürs Daheimbleiben. Piper 2019