Solidarische Ökonomien in Bewegung

gemeinsam landwirtschaften Ochsenherz

Eine andere Art zu wirtschaften – Lebensmittel, Energie, Arbeit, Wohnen & Co.

Solidarische Ökonomien umfassen Betriebe der solidarischen Landwirtschaft (CSAs) – [für den Großraum Wien: https://solawi.life/], wo Konsumierende und Produzierende zusammenhelfen, sowie neue Genossenschaften, solidarisches Wohnen oder andere Formen alternativen Wirtschaftens. Solidarische Ökonomien existieren im Hier und Jetzt. Sie sind gelebte Praxis, zeigen praktisch, dass und wie es anders geht, und sie schaffen damit neue Realitäten gegen den Strom der vorherrschenden Wirtschaftsweise. Solidarische Ökonomien sind „Halbinseln“ im und gegen diesen Strom (F. Habermann), sie sind „Fenster in eine andere Welt“ (G. Notz). Solidarische Ökonomien machen Alternativen greifbar. Gleichzeitig sind solidarische Ökonomien auch Utopien anderen Wirtschaftens, das heißt eine Perspektive über den Kapitalismus und die vorherrschende Wirtschaftslehre hinaus. Solidarische Ökonomien versuchen, eine bessere Zukunft vorwegzunehmen und schon jetzt zu realisieren [siehe z.B. weiterführendes Material auf der Website des SUSY-Projekts: Studien, Filme u.a. zu Solidarischer Ökonomie in Österreich und international, kostenfreier dowload: http://at.solidarityeconomy.eu/near-you/].

Bei der Produktion ansetzen

Die Motivationen dahinter sind so unterschiedlich wie ihre AkteurInnen. Dennoch verbindet viele eines: Es geht ihnen nicht darum, „sich´s nett in der Nische einzurichten“, um das „gute Gewissen“, sondern darum, Ökonomie und Gesellschaft aktiv mitzugestalten im Sinn einer sozial-ökologischen Transformation. Eine solche Transformation ist für ein gutes Leben für alle notwendig. Die Veränderung beginnt dabei nicht beim Konsum. Die Frage „Was kaufe ich?“ steht dabei nicht im Zentrum. Es geht also nicht darum, beim Griff nach einem Produkt auf ein Gütesiegel zu achten, um eine so genannte Konsumentensouveränität auszuüben – die bezeichnenderweise auch von Konzernen postuliert wird. Solidarische Ökonomie setzt viel früher an. Sie zielt darauf, anders zu produzieren und das Leben gerechter zu organisieren.

Solidarische Ökonomie bedeutet daher oft auch, dass Menschen gewohnte Rollen verlassen und in neue Rollen hineinschlüpfen. In einer Foodcoop [für Österreich: https://foodcoops.at/] zum Beispiel verteilen die Konsumierenden selbst die Lebensmittel vom Bauernhof. Sie überlassen das nicht einem Supermarkt. Und in einer solidarischen Landwirtschaft werden aus KonsumentInnen ProsumentInnen, die – je nach Betrieb in unterschiedlichem Ausmaß – auch am Hof mitarbeiten. Sie kaufen nichts und der Hof verkauft ihnen nichts. Stattdessen tragen sie etwas bei (finanziell, Mitarbeit, …) und teilen sich die Ernte. Die Frage lautet: Was kann und will ich beitragen anstatt Geld gegen Ware zu tauschen? Diese Frage legt den Schwerpunkt darauf, dass alle gut mit Lebensmitteln versorgt werden – unabhängig von ihrer Kaufkraft. Oder: Was braucht es von der Gruppe und von mir, damit das Projekt, der Betrieb läuft: an Arbeitseinsatz, an finanziellem Einsatz etc.? Andere wiederum schlüpfen beispielsweise in die Rolle der GenossenschafterIn. Als GenossenschafterIn habe ich demokratisch und aktiv an der Entwicklung der Wohn-, Energie-, Produktiv- etc. Genossenschaft Anteil. Dazu gehört etwa an einer Generalversammlung teilzunehmen oder in spezifischen Entscheidungsgremien mitzuwirken.

Solidarische Ökonomie bedeutet stets Entwicklung. Menschen suchen dabei nach Lösungen, die schrittweise Verbesserungen bringen: Im Betrieb, aber auch darüber hinaus. Dafür müssen sich die Mitglieder einer Solidarischen Ökonomie immer wieder Fragen stellen und sich selbst hinterfragen. Zum Beispiel: Wie müssen und können wir Foodcoops weiterentwickeln, damit sie für möglichst viele Menschen brauchbare, realistische Alternativen zu Agrobusiness und Handelskonzernmacht werden, und wo sind andere Ansätze hilfreich, z.B. so genannte demokratische Supermärkte?

Wirtschaft neu denken

Vor über 200 Jahren hat sich jenes Wirtschaftsverständnis zu entwickeln begonnen, das heute vorherrscht: Ökonomie wird als Marktökonomie begriffen, in der Ware gegen Geld und Geld gegen Ware getauscht werden. Getauscht werden Arbeit, Kapital, Boden, Güter und Dienstleistungen. Das Ziel dabei ist die Gewinn- und Nutzenmaximierung. Alle Menschen ausreichend zu versorgen, steht nicht im Mittelpunkt (L. Gubitzer). Solidarische Ökonomien wollen Wirtschaft anders denken. Sie nehmen stattdessen wieder in den Blick, was jeder Mensch für ein gutes Leben braucht: Wie decken wir Bedarfe, wie erfüllen wir Bedürfnisse, ohne Ausschlüsse zu produzieren? Sie gehen von einem Denken der Fülle aus: Es ist genug für alle da! Die solidarökonomische Fülle wird an die Stelle eines Denkens gesetzt, das behauptet, alle Güter und Dienstleistungen, alle Fähigkeiten von Menschen seien knapp.

Die gewinn- und nutzenmaximierende Sichtweise auf das Wirtschaften und die Produktionsweise, die dazu gehört, dient letztlich nur wenigen. Ganz anders solidarisch wirtschaftende Betriebe und Initiativen. Ihre Zielsetzungen sind Ausdruck von Solidarität: die unmittelbare Solidarität mit den beteiligten Personen im Betrieb, aber auch mit dem Umfeld, und weiter auch bis zur Solidarität mit allen Menschen, die jetzt leben oder künftig sein werden, der Mit- und Umwelt. Solidarökonomien wirtschaften auf Basis von Demokratie und gelebter Partizipation, mit Kooperation statt Wettbewerb, in Verbundenheit, auf dem Weg der Selbstorganisation. Hierarchien (ob formell oder informell) werden möglichst weitgehend aufgehoben, und Alternativen zum Privateigentum werden gelebt. Natürlich muss etwa auch in kollektiven Betrieben „rational und daher gemäß Effizienzkriterien gewirtschaftet werden, aber das Grundprinzip ist das der Solidarität“ (E. Altvater).

Vielfalt solidarischer Ökonomien

Dass es sich bei Betrieben und Projekten der solidarischen Ökonomie nicht nur um kleine Einheiten handeln muss, beweisen Kooperativen wie Cecosesola in Venezuela (ca. 500.000 Menschen werden dabei mit Lebensmitteln versorgt und über 150.000 Personen mit Gesundheitsdiensten) oder etwa Mondrágon im spanischen Baskenland, das größte Genossenschaftsnetzwerk weltweit mit über 80.000 Beschäftigten. Aber nicht nur die Größe variiert. Es gibt auch viele verschiedene konkrete Formen solidarischen Wirtschaftens. So heißt es auf der Website solidarische-oekonomie.at:

„Wir wollen den Begriff ,Solidarische Ökonomieʼ bewusst nicht eng eingrenzen, um sehr unterschiedlichen Konzeptionen und Ansätzen Platz zu geben und kontroverse Diskussionen zu ermöglichen“. Diese Website wird von einer offenen Gruppe betrieben, die bereits zwei Kongresse zu solidarischer Ökonomie in Wien organisiert hat [siehe auch die Dokumentation zum Kongress Solidarische Ökonomie 2013 in Wien, kostenfreier download: https://solidarische-oekonomie.at/downloads/Kongress_2013_Dokumentation.pdf]. Weiter heißt es zur Vielfalt solidarischer Ökonomie: „Darunter fallen z.B.: selbstverwaltete Räume und Betriebe, alte und neue Genossenschaften, solidarische Wohnformen und -projekte, Kommunen, Unternehmungen mit sozialer Zielsetzung, Tauschringe, Regionalwährungen, Frauenräume und feministische Projekte, Umsonstläden, alternative Finanzierungseinrichtungen, fairer Handel, solidarische und interkulturelle Gärten, Volxküchen, landwirtschaftliche Direktvermarktung, Ökodörfer, OpenSource, alternative Bildungseinrichtungen, Wissensallmende, Grundeinkommensinitiativen, Reproduktionsgenossenschaften, Wohnwagenprojekte, u.v.a.m.“

Eine soziale Bewegung

Solidarische Ökonomie hat eine zweifache Bedeutung. Mit „solidarischer Ökonomie“ kann einerseits die Vielzahl von konkreten wirtschaftlichen Praktiken bezeichnet werden, die auf gelebter Demokratie und zum Beispiel auf dem Prinzip des Beitragens anstelle des Tauschens beruhen. Andererseits verweist der Begriff auch auf eine soziale Bewegung. Diese Bewegung überschneidet sich teilweise mit Bewegungen oder Initiativen ähnlicher Zielsetzung, z.B. der Bewegung für Ernährungssouveränität [siehe z.B. www.ernährungssouveränität.at], eine demokratische Lebensmittelpolitik, Postwachstum, Grundeinkommen und anderen.

Solidarische Ökonomie ist eine teilweise informelle Bewegung, die etwa durch Kongresse in Erscheinung tritt. Es gibt aber auch formelle Netzwerke und Strukturen, z.B. die Dachorganisation RIPESS. Darüber hinaus ist auch insgesamt eine Formalisierung solidarischer Ökonomie feststellbar: So etwa durch eigene Gesetze zur solidarischen Ökonomie in Frankreich, Griechenland oder der Slowakei. Das Marcora-Gesetz in Italien fördert z.B. die Übernahme von Unternehmen durch die Belegschaften im Falle einer Insolvenz. Brasilien hat 2003 ein Staatssekretariat für solidarische Ökonomie eingerichtet. Und in Frankreich gibt es Kammern für solidarische Ökonomie. Barcelona ist innerhalb Europas derzeit ein besonders spannender Ort, wo solidarische Ökonomie, feministisches Wirtschaften und Genossenschaften aktiv von der derzeitigen Stadtregierung vorangetrieben werden.

Die sozialen Bewegungen für eine solidarische Ökonomie, die praktisch anders wirtschaftet, hat viele positive Auswirkungen. So hat der argentinische Ökonom Luiz Razeto, der erstmals den Begriff „solidarische Ökonomie“ verwendet hat, gezeigt: Menschen können trotz Armut wirtschaftlich erfolgreich sein, wenn sie sich solidarisch verhalten. Solidarische Ökonomien sind tragfähige Formen des Wirtschaftens. Sie lassen sich historisch immer wieder nachweisen: Es gab sie vor und außerhalb kapitalistischer genauso wie in kapitalistischen Gesellschaften. Solidarische Ökonomie ist Ausdruck jener „moralischen Ökonomie“, die immer schon als Alternative zum kapitalistischen Betrieb praktiziert wurde (E. Altvater). Anders zu wirtschaften, verändert auch den wirtschaftenden Menschen: „Solidarische Ökonomie bewirkt Denk- und Handlungsprozesse, die Veränderung über das Projekt hinaus in Gang bringen“ (L. Mittendrein). Die Selbstermächtigung sieht Lisa Mittendrein, die solidarische Ökonomie in Griechenland untersucht hat, deshalb als zentrales Potenzial solidarischen Wirtschaftens.

Anders produzieren

Wem es nicht genug ist, bewusst einzukaufen, ist eingeladen, das Experiment „solidarisch Wirtschaften“ zu wagen, sich in die Bewegung einzuklinken und die sozial-ökologische Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft mit voranzutreiben. Dabei gilt es auch, die Rahmenbedingungen des Wirtschaftens sukzessive so zu verändern, dass solidarisches Wirtschaften keinen Nachteil gegenüber der konventionellen Ökonomie hat.

Save the date: Lehrgang Solidarisch Wirtschaften 2020

Die Katholische Sozialakademie Österreichs (ksoe) wird 2020 bereits zum dritten Mal einen „Lehrgang „Solidarisch Wirtschaften“ (4 Module, je 2 Tage, April bis November) anbieten. Kürzlich hat sie ein Dossier „Solidarische Ökonomien verbinden“ herausgebracht. Eine Exkursion nach Barcelona findet im Mai 2020 im Rahmen des Moduls „Solidarische Ökonomie“ des Lehrgangs der ksoe „Soziale Verantwortung“ statt (Beginn Jänner 2020)

Im Juni 2020 wird in Barcelona das Weltsozialforum zu transformatorischer und solidarischer Ökonomie stattfinden. Willst du mitmachen? Hier geht’s zur Mailing-Liste: https://listi.jpberlin.de/mailman/listinfo/wsf-transformoek

Dieser Artikel ist zuerst im sol-Magazin Winter 2019/Nr. 178 erschienen.

Autor

Markus Blümel © Mullan

Markus Blümel
ist Politischer Erwachsenenbildner bei der Katholischen Sozialakademie Österreichs, wo er unter anderem den Lehrgang „Solidarisch Wirtschaften“ leitet und begleitet.

Auszeichnung für ksoe-Lehrgang
Im Rahmen der Jahrestagung des Forums Katholische Erwachsenenbildung in Österreich wurde der ksoe-Lehrgang „Solidarisch Wirtschaften“ im November mit dem „Preis der Katholischen Erwachsenenbildung 2019“ prämiert.

 

Tipps zum Weiterlesen

Elisabeth Voß (2015): NETZ für Selbstverwaltung und Selbstorganisation e.V. (Hrsg.): Wegweiser Solidarische Ökonomie ¡Anders Wirtschaften ist möglich! 2. aktualisierte und wesentlich erweiterte Auflage. 205 Seiten. ISBN 978-3-940865-33-5

Burghard Flieger (2016): Prosumentenkooperation. Geschichte, Struktur und Entwicklungschancen gemeinschaftsorientierten Wirtschaftens in der Ernährungswirtschaft am Beispiel der Erzeuger-Verbraucher-Genossenschaften. „Theorie der Unternehmung“, Band 63. 232 Seiten. ISBN 978-3-7316-1239-1

Friederike Habermann (2009): Halbinseln gegen den Strom. Anders leben und wirtschaften im Alltag. Konzepte / Materialien, Band 6. 228 Seiten. ISBN 978-3-89741-284-2

Bastian Ronge (Hg., 2016): Solidarische Ökonomie als Lebensform. Berliner Akteure des alternativen Wirtschaftens im Porträt. Kostenfreier download: https://www.transcript-verlag.de/media/pdf/91/47/9d/oa9783839436622.pdf