Transformationen hin zu einer solidarischen Lebensweise

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Wie leben in einer paradoxen Situation. Auf der einen Seite wissen wir ziemlich gut, dass sich in der Welt einiges ändern müsste. Unsicherheit, soziale Spaltung und eine unzureichende Existenzsicherung für viele Menschen hierzulande. Offene Gewalt, Kriege und Verelendung in vielen Ländern des globalen Südens, ökologische Zerstörung heute und weitere in der Zukunft. Eine scheinbar kaum aufhaltbare politische Rechtsentwicklung macht wütend – und führt bei manchen gar zu Resignation. Wie auch die kaum bewältigbar scheinende Jahrhundertaufgabe einer sozial-ökologischen Transformation hin zu Gesellschaften, in denen gutes Leben für alle möglich ist.

Auf der anderen Seite soll es dann doch irgendwie so bleiben, wie es ist. Es lebt sich für viele hierzulande nicht schlecht unter Bedingungen der „imperialen Lebensweise“. Wir greifen in unserem Alltag recht selbstverständlich auf Produkte zurück, die unter naturzerstörenden und ausbeuterischen Bedingungen anderswo hergestellt wurden. Das geschieht meist unbewusst bzw. so genau wollen es viele gar nicht wissen. Es ist aber nicht nur das individuelle Handeln, das diese unnachhaltige und alles andere als solidarische Lebensweise am Laufen hält. Es sind auch machtvolle Produktionsstrukturen, die in der kapitalistischen Konkurrenz Handys, Autos und Nahrungsmittel produzieren, Profite und Wachstum generieren. Die imperiale Lebensweise steht für den zunehmenden Zugriff des Kapitalismus auf die Lebensverhältnisse, ist mit globaler wie nationaler Ausbeutung und Ungleichheit verbunden, verschärft Ressourcenkonflikte und zerstört die Umwelt.

Die imperiale Lebensweise, wie sie in Europa gelebt wird, ist eine statusorientierte Lebensweise, die auch auf sozialer Ungleichheit basiert und diese verlängert. Die Mittelschichten grenzen sich gegen die unteren Schichten bewusst ab, indem sie zeigen, dass sie sich aufgrund ihres hohen Einkommens etwa ein größeres Auto, viele Reisen und mehr Konsum anderer Güter und Dienstleistungen leisten können. Das führt dazu, dass Menschen mit weniger Geld umso mehr ausgeschlossen werden.

Unbehagen an der imperialen Lebensweise

In dieser Situation stellt sich verstärkt die Frage nach einer lebenswerten Zukunft. Die SchülerInnen im Klimastreik von Fridays For Future beleben seit einigen Monaten die Diskussion um Zukunft. Ihnen und anderen Menschen wurde und wird deutlich, dass es sehr grundlegender Alternativen bedarf, um drängende Zukunftsfragen anzugehen

Das Unbehagen an der imperialen Lebensweise wird deutlicher. Es stellt sich die Frage: Wie können wir in der nächsten Zeit die politischen und gesellschaftlichen Bedingungen erzeugen, um die imperiale Lebensweise einzudämmen und eine solidarische Produktions- und Lebensweise stärken?

Leitend ist dabei das Prinzip, dass Menschen und Gesellschaften möglichst nicht auf Kosten anderer und der Natur leben. Eine Debatte um solidarische Zukunft schließt Ausgrenzung aus. Doch dieses Prinzip muss konkretisiert werden. Die politischen Parteien müssten Zukunftsfragen ernst nehmen und sie über die Orientierung an Wahlkämpfen und Koalitions-Kalkulationen stellen.

Der Zusammenhang zwischen der vorherrschenden Lebensweise in Österreich und den sozial-ökologischen Katastrophen andernorts, aber auch der immer unsinniger werdenden Fixierung auf Wachstum und Status wird in solch einer Zukunft nicht länger verleugnet. Die Monsterautos SUVs werden für immer mehr Menschen zum Symbol von umweltpolitischer Ignoranz und albernem Statusdenken der Eliten oder jener, die gern dazugehören wollten.

Der Ausbau des öffentlichen Verkehrs und der Fahrradinfrastruktur wird immer mehr aus der Gesellschaft heraus verlangt. Viele kommunale Regierungen machen mit und damit werden die Städte nicht nur lebenswerter, sondern die Menschen mobiler und gesünder. Auch die Mobilität auf dem Land wird zunehmend öffentlich und gemeinschaftlich mit hoher Qualität organisiert.

Der autofreie Sonntag, zunächst wüst von den Gegnern beschimpft, wird in den Innenstädten von Berlin, Hamburg, München, Wien und anderswo zu wahren selbstorganisierten Volksfesten. Schwere Zeiten für die Diesel-Befürworter. Aber auch die Fassade des angeblichen umweltfreundlichen Elektroautos bröckelt.

Welches gute Leben?

Klar, „gutes Leben“ heißt für die meisten heute: Ein Eigenheim zu haben, Zugang zu den Produkten, die über den Weltmarkt bereit gestellt werden; Dinge, die man möglichst schnell erneuern kann, weil sie so günstig sind. „F+F“ – Fleisch und Fliegen als Sinnbild für materiellen Wohlstand. Dazu auch der selbstverständliche Zugriff auf günstige Pflegekräfte aus dem benachbarten osteuropäischen Ausland.

Doch nach und nach brechen Selbstverständlichkeiten auf. Die „Ende Gelände!“-Bewegung erreicht eine breite gesellschaftliche Debatte um den raschen Kohleausstieg. „Zurück zum Sonntagsbraten“, wenn überhaupt noch Fleisch, wird zum Motto verantwortlicher Ernährung. Die Aktionen von „Ende Geländewagen“ führen zu breiten Diskussionen und politischen Aktivitäten, um das auto- und flugzeugzentrierte Verkehrssystem umzubauen. Österreich wird noch stärker zum Vorreiter des öffentlichen Verkehrs, die ÖBB zur wichtigen Akteurin einer nachhaltigen europäischen Verkehrspolitik.

Die wachstumsfixierte und konservative Gegenseite und ihre medialen Unterstützer kontern natürlich. Diese Debatte um ein „gutes Leben für alle“ würde, so ihr Argument, ohnehin nur mit Verboten hantieren. Ja mehr noch: Eine besserwisserische „Öko-Elite“ will der Gesellschaft vorschreiben, wie sie zu leben habe, damit Klimawandel und andere Umweltprobleme eingedämmt werden. Das, so der scharfe Tenor, sollten sich die Leute nicht gefallen lassen. Klima- und Umweltthemen können nur angegangen werden, wenn Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit (notfalls zu Lasten anderer Länder) gesichert seien.

Zukunftsträume! Wovon ich träume?

Irgendwann ist es vielleicht für alle okay, 20 oder 25 Stunden pro Woche zu arbeiten, nicht nur für jene in oft erzwungener Teilzeit. Die bisherige Hierarchie zwischen anerkannter Erwerbarbeit und weitgehend von Frauen geleisteter Reproduktionsarbeit könnte verändert werden, wenn alle mehr Zeit für andere, für gesellschaftspolitisches Engagement und für sich selbst hätten. MigrantInnen, die etwa in der Pflege tätig sind, werden ordentlich bezahlt. Und die Menschen bräuchten weniger Geld. Die Leute müssen nicht ihre 400 Euro mehr im Monat verdienen fürs Auto, weil sie kein Auto mehr brauchen. Sie können sich in den Städten und am Land gut bewegen, aber sie müssen dafür nicht so viel Geld verdienen.

Unter gutem Leben für alle im Sinne von Wohlstand und Lebensqualität wird zunehmend ein sinnerfülltes Leben verstanden, das materiell abgesichert ist. In Notfällen, wie Krankheit und Arbeitslosigkeit, kann man auf gesellschaftliche Unterstützung zurückgreifen. Ein transparenter und demokratisch organisierter öffentlicher Sektor, der sich nicht am Profitprinzip orientieren muss, aber mit den finanziellen Ressourcen sorgfältig umgeht, wird wichtiger. Insbesondere die in vielen Ballungszentren drängende Wohnungsfrage kann nicht nur den Privaten überlassen werden, sondern bedarf neben starken Regeln auch öffentlichen bzw. öffentlich geförderten Wohnungsbau und intelligente Lösungen, damit wertvoller Wohn- und Arbeitsraum angemessen genutzt wird.

Gestärkt wird ein Bewusstsein, dass die ökologische Krise sich zuspitzt und dass gleichzeitig viele andere Menschen auf der Welt auch ein gutes Leben haben wollen, ob in China oder Brasilien. Die Diskurse und politischen Initiativen sind nicht moralisierend, sondern kombinieren Eigenverantwortung, die Lust am Ersetzen mit politischen Forderungen. Das Ersetzen des Autos muss eben mit gutem öffentlichem Verkehr und einem Umbau der Automobilindustrie einhergehen, die Reduktion von Fleischkonsum mit der Schließung von Tierfabriken.

Das ist der transformative Dreischritt: Rahmenbedingungen, sich verändernde Bedürfnisse der Menschen, sowie andere gesellschaftliche Diskurse und gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten. Mit dem Ziel, eine lebenswerte Zukunft für alle Menschen zu gestalten.

Ulrich Brand, gekürzt aus seinem Beitrag „Transformationen hin zu einer solidarischen Lebensweise“ des ksoe Dossier 2/2019 „sozial verantwortlich Zukunft gestalten“

Autor

Ulrich Brand © B. Högner

Ulrich Brand
Professor für Internationale Politik an der Universität Wien, ist Mitherausgeber der „Blätter für deutsche und internationale Politik“ und Redakteur bei „mosaik-blog.at“. Er veröffentlichte 2017 mit Markus Wissen das Buch „Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus“ (oekom-Verlag), das es im Sommer auf die Spiegel-Bestseller-Liste schaffte. Anfang 2020 erscheint sein Buch „Post-Wachstum und Gegen-Hegemonie. Klimastreiks, Krise der imperialen Lebensweise und Alternativen zur autoritären Globalisierung“ im Hamburger VSA-Verlag.