Soziale Innovation und katholische Soziallehre

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Soziale Innovation wurde in den letzten Jahren zu einem wichtigen Schlagwort. Soziale Unternehmen, engagierte BürgerInnen, PolitikerInnen oder BeamtInnen finden gemeinsam neue Lösungen für Probleme, die der Staat allein nicht lösen konnte. Die EU-Kommission propagiert das Konzept als Lösung für Wohlfahrtsstaaten in finanziellen Nöten, aber auch darüber hinaus.

Soziale Innovation als offenes Konzept

VerfechterInnen in Wissenschaft und Politik konnten sich bisher nicht auf eine trennscharfe Definition von „Sozialer Innovation“ einigen, sondern hielten das Konzept bisher sehr offen. Die EU-Kommission definiert sie als „Entwicklung und Einführung neuer Ideen (Produkte, Dienstleistungen und Modelle), um soziale Bedürfnisse zu befriedigen und neue soziale Beziehungen und Zusammenarbeit zu kreieren. Soziale Innovation steht für neue Antworten auf drückende soziale Fragen. Sie zielt auf verbesserte gesellschaftliche Wohlfahrt ab. Soziale Innovationen sind sozial sowohl in ihren Zielsetzungen als auch in ihren Mitteln. Es sind Innovationen, die nicht nur gut für die Gesellschaft sind, sondern auch die individuelle Handlungsfähigkeit verbessern.“ (EC 2013: 6).

Potenziale und Gefahren

Wichtig im Diskurs um soziale Innovation ist stets die Einführung neuer Wege der Zusammenarbeit von staatlichen und nicht-staatlichen AkteurInnen (Zivilgesellschaft und Unternehmen). Die Interpretation dieses neuen Zusammenspiels ist dabei ebenso wenig einheitlich wie die Definition. Das auf EU-Ebene sehr einflussreiche Bureau of European Policy Advisors sieht es z.B. „im aktuellen ökonomischen Klima als notwendig an, Mehr mit Weniger zu tun und es besser zu tun“. Die Zivilgesellschaft oder Unternehmen übernehmen dann vormals staatliche Aufgaben deutlich unbürokratischer und sorgen damit für einen verbesserten Wohlfahrtsstaat – trotz Sparpolitik.

Diese Sichtweise auf Reformen des Sozialstaats ist nicht neu. Schon in den 2000er Jahren gab es für Österreich entsprechende Ideen der Etablierung einer „Bürgergesellschaft“. Margit Appel, Luise Gubitzer und Birgit Sauer zeigten schon damals auf, dass die aktivere Beteiligung von BürgerInnen zwar mit großen Potenzialen verbunden ist, gleichzeitig aber auch Kehrseiten hat. So führte der Ausbau ehrenamtlicher Tätigkeiten oft zur Verdrängung von Frauen aus dem bezahlten Arbeitsmarkt in den Bereich unbezahlter Tätigkeiten. Während bürokratische Regelungen im Wohlfahrtsstaat oftmals zu rigide waren, erwiesen sich manche der privaten Dienstleistungen als intransparent und untergruben soziale Rechte.

Gleichzeitig gibt es große Potenziale sozialer Innovation für demokratische und aktivierende Reformen des Sozialstaates. Unzählige Beispiele zeigen, dass die aktive Beteiligung benachteiligter Gruppen einen deutlich größeren Wohlfahrtseffekt hat, als die bloße Bedürfnisbefriedigung. Für die positiven Wirkungen stellte sich als wichtig heraus, dass eine dynamische Balance zwischen zivilgesellschaftlichen „bottom up“- und staatlichen „top down“-Prozessen gefunden wurde. Bei guter Balance können solche Prozesse als „bottom linked“ beschrieben werden. Sie offenbarten sich in sehr unterschiedlichen Bereichen wie z.B. Solidarökonomie, Initiativen zur Weiterbildung, Beschäftigungsprojekten, Integration von MigrantInnen und Minderheiten, partizipativer Stadtplanung, gemeinschaftlichen Wohnprojekten, Kulturprojekten, Initiativen eines Grundeinkommens oder auch partizipativer Budgeterstellung.

In den letzten Jahren erlangten soziale Innovationen größere Bedeutung, die sich mit der Verwirklichung ganzheitlicher Nachhaltigkeit (sozial, ökonomisch und ökologisch) auseinandersetzen. Ein exemplarischer Fall für die Potenziale und Ambivalenzen sozialer Innovation sind die MaterialsammlerInnen in Brasilien.

Recycling von verwertbarem Material als Beitrag zur sozial-ökologischen Transformation

In Brasilien entstanden ab den späten 1980er Jahren einige soziale Innovationen, z.B. die SammlerInnen von verwertbarem Material.

Diese Tätigkeit wird seit vielen Jahren von sozial benachteiligten Menschen verrichtet. Sie sammeln das recyclingfähige Material von der Straße und verkaufen es dann an ZwischenhändlerInnen. Für diese ökologisch wertvolle Tätigkeit erhalten sie allerdings nur geringen Lohn. In São Paulo initiierte die christliche NGO „Organização de Auxilio Fraterno“ in den 1980er Jahren ein Projekt, um die MaterialsammlerInnen bei der Gründung einer Kooperative zu unterstützen: 1989 entstand „Coopamare“. Dank dieser Initiative gelang es schnell, höhere Einkommen zu erzielen. Die Mitglieder der Kooperative erlernten auch das gemeinsame Ausdiskutieren und das Treffen gemeinsamer Entscheidungen. Bald wurden noch mehr Kooperativen gegründet – ein wichtiger Impuls für weitere soziale Innovationen. Es gelang über die Jahre, einerseits das Selbstvertrauen der Beteiligten zu stärken und andererseits das gesellschaftliche Bild von MaterialsammlerInnen zu verändern. Diese werden zunehmend nicht mehr als obdachlose Hilfsbedürftige (oder gar „Störenfriede“), sondern ihre Dienste für den Umweltschutz als positiver Beitrag zur Gesellschaft wahrgenommen.

Katholische Soziallehre und soziale Innovation

Auffallend ist, dass viele sozial innovative Projekte in christlichen Organisationen bzw. kirchlichen Wirkungsfeldern ihren Ursprung haben. Das brasilianische Projekt verdeutlicht die wichtige Komponente der gemeinschaftlichen Ermächtigung: Aus dem Zusammenschluss in eine Kooperative erwächst den MaterialsammlerInnen die Freiheit, ihre Rechte einzufordern und ihren Bedürfnissen Ausdruck zu geben.

Solidarität drückt sich nicht aus als individuelle Zuwendung, sondern als rechtlich gesicherte staatliche Sicherheit, die vor individuellen Krisen schützt. Soziale Innovationen können den menschlichen Zusammenhalt besonders unter ihren AkteurInnen stärken, v.a. wenn sie in die nachhaltige Gründung von Organisationen und Interessensvertretungen münden. Soziale Innovationen stellen so in der Regel besonders auf subsidiäre Hilfe zur Selbsthilfe ab und verstehen sich als Gegenentwurf zu staatlichem Paternalismus und Bürokratismus.

Die Würde der Menschen ist der Fokus der Katholischen Soziallehre. Soziale Innovationen können eine inspirierende Kraft entwickeln für politische, soziale und wirtschaftliche Teilhabe der bisher politisch Marginalisierten und sozial Abgewerteten. Innovative Wege der sozialen Förderung können – im Sinne des Personalitätsprinzips – zur besseren Anerkennung und Entfaltung der Personenwürde der von sprachlicher oder struktureller Abwertung betroffenen Gruppen führen. Benachteiligte Menschen werden selbst zu aktiven Subjekten sozialer Innovation und der Verbesserung ihrer sozialen Lage.

Schlussfolgerungen

Projekte sozialer Innovation haben großes Potenzial, den Sozialstaat qualitativ zu verbessern und somit das soziale Zusammenleben zu stärken. Wichtig dafür sind institutionelle Absicherung, Einbettung und Förderung von Projekten sozialer Innovation durch staatliche Sozialpolitik.

Wenn das Konzept sozialer Innovation dagegen als Rückzugsargument für die öffentliche Hand verstanden wird, drohen zahlreiche Gefahren, beispielsweise die Zurückdrängung des sozialen Non-Profit-Sektors oder die wachsende Ökonomisierung menschlicher und gesellschaftlicher Interaktion. Wenn soziale Innovation einfach als Chance zum Rückbau des traditionellen Sozialstaats missverstanden wird, droht die Gefahr eines weiteren Zerfalls der großen gesamtgesellschaftlichen Solidarität in viele Gruppen- bzw. „Teil-Solidaritäten“ – zum Schaden des gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalts. Werden soziale Innovationen aber als Chance verstanden für die komplementäre, zivilgesellschaftliche Ergänzung und qualitative Verbesserung staatlicher Sozialpolitik, leisten sie einen wichtigen Beitrag zum „guten Leben für alle“.

AutorInnen

Bernhard Leubolt
B. Leubolt © J. Mullan

Dr. Bernhard Leubolt MA
Ökonom und Politikwissenschafter, Mitarbeiter der ksoe, Forschungs- und Grundlagenarbeit zu Demokratie, Sozialstaat, Zukunft der Arbeit, sozio-ökologische Transformation.

 

M. Schlagnitweit

Dr. Markus Schlagnitweit
Theologe, Sozial- & Wirtschafts-
ethiker, korrespondierendes Mitglied der ksoe

 

 

M. Holztrattner © Bloderer

MMag.a Dr.in Magdalena M. Holztrattner MA
Direktorin der ksoe, Sozialethikerin, Führungskräfteentwicklerin

 

Hinweis: eine umfangreichere Version dieses Beitrags in: „Menschenrechte und Gerechtigkeit als bleibende Aufgaben“, Vandenhoeck & Ruprecht University Press https://austria-forum.org/web-books/en/menschenrechte00de2020isds

Literaturhinweise

Soziale Innovation

European Commission (EC 2013): Guide to Social Innovation. <https://s3platform.jrc.ec.europa.eu/documents/20182/84453/Guide_to_Social_Innovation.pdf>

Journal für Entwicklungspolitik. Special Issue ‘Social Innovation and the Transformation of Welfare States’. <https://www.mattersburgerkreis.at/site/de/publikationen/jep/alleausgabenartikel/article/303.html>

Moulaert, Frank und Diana MacCallum (2019): Advanced Introduction to Social Innovation. Cheltenham: Edward Elgar

Moulaert, Frank, Abid Mehmood, Diana MacCallum und Bernhard Leubolt (2017): Social Innovation as a Trigger for Transformations: The Role of Research. Policy Review. European Commission. <https://ec.europa.eu/research/social-sciences/pdf/policy_reviews/social_innovation_trigger_for_transformations.pdf>

Katholische Soziallehre

Kurzvorstellung auf Video-Clips seitens Magdalena Holztrattner: https://www.ksoe.at/Soziallehre-Videos

Schlagnitweit, Markus (2019): Zeitgerecht – zeitbedingt: Katholische Soziallehre in historisch-kritischer Lesart. ksoe blog. <https://blog.ksoe.at/zeitgerecht-zeitbedingt-katholische-soziallehre-in-historisch-kritischer-lesart/>