Zur Sozialen Dimension von Nachhaltigkeit

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Die Haupt-Herausforderung der globalen Beziehungen sah der chinesische Präsident XI Jinping, als er seine vielbeachtete Rede im Jänner 2018 in Davos hielt, in der ungleichen Verteilung der Früchte der Globalisierung und der resultierenden wachsenden Ungleichheit.  In seiner Enzyklika Laudato Si fordert Papst Franziskus eine neue universale Solidarität, die „die enge Beziehung zwischen den Armen und der Anfälligkeit des Planeten“ berücksichtigt. Und eines der wichtigsten Leitmotive der Agenda 2030 ist es, niemanden zurückzulassen („Leave no one behind“).

Nachhaltigkeit wird auf ersten Blick häufig mit Umweltschutz gleichgesetzt. In der internationalen Diskussion wird freilich von zumindest drei großen Dimensionen der Nachhaltigkeit ausgegangen, die miteinander in Harmonie sein müssen: die Schaffung von wirtschaftlichem Wohlstand; die gerechte Verteilung des Wohlstands; und die Steuerung von wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung dergestalt, dass sie innerhalb der Tragfähigkeit der ökologischen Systeme bleibt. Die Klima-Proteste, die durch junge und außerhalb des Systems agierende AktivistInnen, wie Greta Thunberg, neue Tragweite und Sichtbarkeit bekommen haben, weisen zurecht auf die Dringlichkeit von Energie-Wende und Umgestaltung des herrschenden Wirtschaftsmodells hin. Die Initiativen zur Beendigung des achtlosen Umgangs mit Plastik hätten schon vor Jahren beginnen sollen. Die Beschäftigung mit diesen großen ökologischen Herausforderungen dürfen uns aber nicht vergessen lassen, dass auch die Proteste der Gelbjacken in Frankreich oder die Wanderbewegungen von Zentralamerika gen Norden, in Asien, in Afrika, und nach Europa etwas mit Nachhaltigkeit zu tun haben, wie letztlich auch die Frust-Reaktionen von großen Teilen der globalen Wählerschaft, die ihre soziale Stellung bedroht sehen und ihr Heil in rechten Ideologien suchen.

Wiewohl so unterschiedliche Autoritäten wie der chinesische Präsident, der Papst oder die Generalversammlung der Vereinten Nationen einvernehmlich der Meinung sind, dass die wachsende Ungleichheit ein – wenn nicht das – Hauptproblem der heutigen Welt ist, so ist es dennoch so, dass die Ungleichheit fortbesteht, zum Teil weiter zunimmt: Ungleichheit im Zugang zu Ressourcen – sauberes Wasser und Nahrung, Geld-Einkommen, Infrastruktur (wie Elektrizität, Transportmodalitäten oder Breitband-Internet,  um nur einige Beispiele zu nennen); Ungleichheit bei den Lebenschancen (Mütter-Sterblichkeit und Chancen, die ersten fünf Lebensjahre zu überstehen; statistische Lebenserwartung), Ungleichheit im Zugang zu politischen Ämtern und Firmen-Chefsesseln; unterschiedliche Chancen, Recht zu erhalten, auch wenn es funktionierende Rechtssysteme gibt; Ausgeliefertsein an die Gewaltherrschaften von totalitären Regimen, kriminellen Organisationen, Milizen oder Warlords.

Nachstehend einige Beispiele:

Die statistische Lebenserwartung beträgt für Frauen in Japan (Rang 1) 86,8 Jahre, in Sierra Leone (Rang 183) 50,8 Jahre;

In der Schweiz, das auf Rang 1 der Liste für Männergesundheit liegt, beträgt sie für Männer 81,3 Jahre, und 49,3 Jahre in Sierra Leone (Rang 183).

Der durchschnittliche Stromverbrauch eines Haushaltes in Kanada pro Jahr  ist 11 879 kWh, der in Deutschland 3 512 kWh, der in China 1 349 kWh, und in Indien 900 kWh.

Beim Pro-Kopf-Wasser-Verbrauch pro Jahr ist Neuseeland am „großzügigsten“ mit 2162 m3, in China wird 442 m3 verbraucht, in Frankreich 435 m3.[3]

Personenstandnachweise: 1 Milliarde Menschen sind „rechtlich“ unsichtbar, weil sie mangels Dokumente nicht nachweisen können, wer sie sind; in dieser Zahl eingeschlossen sind rund 625 Millionen Kinder unter dem Alter von 14 Jahren, deren Geburt nie registriert wurde.

Rechtsfindung: immer noch sind rund 31 Prozent aller Gefängnis-Insassen im Gefängnis, ohne dass sie für ein Delikt verurteilt worden wären.

In 150 Ländern haben die nationalen Parlamente einen Frauen-Anteil, der unter 30 % liegt.

In 49 Ländern gibt es keinerlei Gesetzvorschriften, die Frauen vor häuslicher Gewalt schützen.

Gesundheitsversorgung: wer in Brasilien etwa auf das öffentliche Gesundheitssystem angewiesen ist, wartet oft jahrelang auf eine nötige Operation; Privat-Versicherte können den Eingriff binnen Wochenfrist durchführen lassen.

Papst Franziskus erinnert daran, dass es sich bei den vom Fortschritt Ausgeschlossenen nicht um eine kleine Minderheit handelt: „Sie sind der größte Teil des Planeten, Milliarden von Menschen“. Wenn sie in den internationalen politischen und wirtschaftlichen Debatten vorkämen, so erschiene es doch oft so, „dass ihre Probleme gleichsam als ein Anhängsel angegangen werden, wie eine Frage, die man fast pflichtgemäß oder ganz am Rande anfügt, wenn man sie nicht als bloßen Kollateralschaden betrachtet“. (para 49)

Das Nachhaltigkeitsziel 16 handelt von Friede, Gerechtigkeit und Starken Institutionen. Es fordert u.a.:

  • alle Formen von Gewalt und Tötung zu vermindern;
  • Missbrauch, Ausbeutung, Handel und alle Arten der Gewalt gegen Kinder zu beenden;
  • Rechtsstaatlichkeit zu fördern und gleichen Zugang für alle zum Recht sicherzustellen;
  • Geldwäsche, Waffenschmuggel und alle Formen von organisiertem Verbrechen zu reduzieren;
  • Korruption und Bestechung einzudämmen;
  • Effektive, rechenschaftspflichtige und transparente Institutionen zu schaffen;
  • Inklusive, partizipative und repräsentative Entscheidungsmechanismen sicherzustellen;
  • Die Teilhabe der Entwicklungsländer an den Einrichtungen der globalen Governance zu verbessern;
  • Allen Menschen zu einer Rechts-Identität zu verhelfen;
  • Zugang zu Information zu sichern und die Grundfreiheiten schützen;
  • Kapazitäten zur Prävention von  Gewalt und zur Bekämpfung von Terrorismus und Kriminalität aufbauen;
  • Faire Nachhaltigkeits-Gesetze zu erlassen und umzusetzen.

Viele dieser Forderungen scheinen uns in Österreich, das sich doch selbst so gerne als „Insel der Seligen“ versteht,  nicht wirklich zu betreffen.

Aber wenn wir genauer hinschauen, dann sehen wir etwa, dass soziale Durchlässigkeit etwa bei der tertiären Bildung auch in Österreich noch vermehrter Anstrengungen bedarf[1]; und da rede ich noch gar nicht von den Hindernissen, die MigrantInnen zu überwinden haben, die in ihren Heimatländern hochqualifizierte Berufe ausgeübt haben, deren Qualifizierung in Österreich aber nicht, oder nur nach extrem langwierigen Verfahren anerkannt werden. Als StaatsbürgerInnen haben wir die Möglichkeit, hier auf Verbesserungen zu dringen.

Wenn wir genauer hinhören, wie sich der politisch akzeptierte Diskurs auch in Österreich in den letzten Jahren unter dem Einfluss des politischen Zugewinns von populistischen Positionen  geändert hat, dann können wir die Ohren nicht verschließen vor Tendenzen der Ausgrenzung, und der Verwendung von negativen Stereotypen, von denen wir gehofft hätten, sie würden nie wieder auftauchen. Als politisch aktive Menschen haben wir die Möglichkeit, sachlichen Argumenten und einvernehmlichen Herangehensweisen den Vorzug zu geben und Pauschalverurteilungen entgegenzutreten.

Wenn wir etwas kritischer nachdenken, dann können wir die Rolle sehen, die z.B. Privat-Unternehmen – inklusive österreichische – spielen können, um die negativen Dynamiken von Korruption, Instabilität, Gewalt und Armut zu unterbrechen. Firmen können für Rechtstaatlichkeit eintreten und soziale Gerechtigkeit fördern, wenn sie Gesellschaftsverantwortung auch zu einem ihrer Erfolgsparameter machen. Wenn Korruption ein Problem ist, dann ist meistens auch ein Wirtschaftsunternehmen involviert, nicht nur korrupte Staatsbedienstete. Der Schutz von ArbeiterInnen – auch durch die angemessene Information über Risiken und mögliche Gesundheitsbeeinträchtigungen durch Arbeitsabläufe – gehört ebenfalls wesentlich zu ethischem Unternehmertum. Durch die Eingliederung von österreichischen Firmen in globale Wertschöpfungsketten können Standards auch in anderen Teilen der Welt positiv – oder negativ – beeinflusst werden.

Als KonsumentInnen kann jeder und jede von uns zeigen, ob wir finden, dass ein Unternehmen sich ökologisch verhält oder nicht, und in diesen Maßstab der Ökologie, muss auch die soziale Dimension eingebaut sein. Denn, wie es Papst Franziskus formuliert: Wir kommen (…) heute nicht umhin anzuerkennen, dass ein wirklich ökologischer Ansatz sich immer in einen sozialen Ansatz verwandelt, der die Gerechtigkeit in die Umweltdiskussionen aufnehmen muss, um die Klage der Armen ebenso zu hören wie die Klage der Erde.

In diesem Zusammenhang habe ich die universellen Orientierungen, denen sich die Gesellschaft Jesu aktuell verpflichtet sieht, als wichtig und richtig empfunden. Dies sind die vier Hauptausrichtungen:

A          Ein Weg zu Gott: Durch Unterscheidung und Geistliche Übungen Gott finden helfen.

B          An der Seite der Benachteiligten: Gemeinsam mit den Armen, den Verworfenen der Welt, den  in ihrer Würde Verletzten auf dem Weg sein, gesandt zu Versöhnung und Gerechtigkeit.

C         Mit jungen Menschen: Jugendliche und junge Erwachsene bei der Gestaltung einer hoffnungsvollen Zukunft begleiten.

D         Für die Schöpfung: In der Sorge für das Gemeinsame Haus zusammenarbeiten[2].

[1] Vgl. den Tagungsband zur AQ Austria Jahrestagung 2017
[2] https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2019-02/papst-franziskus-jesuiten-arturo-sosa-vier-anliegen-prioritaeten.html

Autorin

Irene Giner-Reichl

Irene Giner-Reichl
seit 1982 im Höheren Auswärtigen Dienst Österreichs; 2012 – 2017 Botschafterin in Peking; derzeit Botschafterin in Brasilien; Arbeitsschwerpunkte: Nachhaltige Entwicklung und globale Fragen, Entwicklungszusammenarbeit, internationale Kooperation zu Energie und Gender; Autorin von Artikeln und Sachbüchern zu Nachhaltigkeit, Entwicklung und Spiritualität; Ausbildung und Praxis in Begleitung von Personen und Prozessen; zertifizierte Yogalehrerin.