Wahlkampf und soziale Frage: Hellwach sein und nicht passiv daneben stehen!

Christlich geht anders, Flashmob, 6.10.2017, c_K. Bloderer

Benediktiner-Abtpräses Christian Haidinger fordert umfassende Solidarität und ein gerechtes Steuersystem zur Finanzierung des Sozialstaates. Wir geben seine Rede wieder, die er als Vorsitzender der männlichen Ordensgemeinschaften am 6.10.2017 vor dem Stephansdom bei einem Flashmob von „Christlich geht anders“ gehalten hat.

Sehr geehrte Damen und Herren!

Warum hat sich „Christlich geht anders“ formiert und warum stehe ich als Ordensmann zu dieser Initiative?
Schon mehr als zwei Jahre beobachten wir, dass der Umgang mit der sozialen Frage in Österreich in eine Richtung geht, die viele Menschen in unserem Land zutiefst beunruhigt. Gerade in den letzten Wochen intensiver Wahlwerbung wird dies immer deutlicher.
Die Blickrichtung ist nicht mehr eine umfassende Solidarität, nicht mehr der Zusammenhalt aller Menschen, die in Österreich leben.

Nicht mehr das solidarische Mittragen und Mitnehmen benachteiligter Menschen, die nicht mehr genug Möglichkeiten für ein gutes Leben vorfinden, steht im Fokus der gesellschaftlichen Anstrengungen, sondern Abgrenzung, Ausgrenzung und Ausschließung.

Ich nenne aus meiner Sicht drei Beispiele:

  1. Individuelles Gewinnstreben dominiert über gelebte Solidarität. Unsicherheit und Angst macht sich breit. Dafür werden „Sündenböcke“ gesucht: die Flüchtlinge, die Muslime, die Fremden. In diesen Vorwahlzeiten lässt sich damit argumentieren.
  2. Das soziale Netz wird verkleinert anstatt es zu verdichten, damit niemand durchfallen muss. Denken sie an die Kürzungen der Mindestsicherung.
  3. Der Sozialstaat wird als Feind stilisiert. Es wird so getan, als ob er uns unberechtigt Geld aus der Tasche nehmen würde. Dabei beneidet uns die ganze Welt um diese Strukturen, die Armut und ein breites Hinausfallen verhindern.

Sie haben die Grundanliegen von „Christlich geht anders“  schon gehört. Persönlich und als Vorsitzender der Superiorenkonferenz der männlichen Orden stehe ich voll und ganz hinter diesen Anliegen!

Genau diese oben geschilderten Entwicklungen haben Menschen, vor allem auch Verantwortliche, aus den verschiedenen Kirchen zusammengeführt, um im „Sozialwort der christlichen Kirchen“ (2003) diesen „entsolidarisierenden Kräften“ entgegenzuwirken.
Vieles, was dort gefordert wurde ist, heute aktueller denn je.

Aus der Wissenschaft, der Wirtschaft melden sich gegenwärtig wieder verantwortungsbewusste Menschen zu Wort – wie etwa Stephan Schulmeister oder Emmerich Tálos, um eine neue Solidarität einzufordern! Ich bin dankbar für diese fundierten und kritischen Beiträge zu den laufenden Entwicklungen.

Aber vielleicht fragen sie sich, warum ich als Ordensmann mich in diesem so aktuellen gesellschaftlichen Diskurs exponiere?
Als Ordensleute leben wir nicht abgeschlossen hinter dicken Klostermauern, sondern mitten in der Welt, – auch gemäß dem Auftrag Jesu: „Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium!“

Gerade auch Papst Franziskus ruft uns Ordensleute – und letztlich alle ChristInnen auf, „an die Ränder“ zu gehen, dorthin, wo Menschenrechte und Menschenwürde mit Füßen getreten werden. Es ist kein Zufall, dass die erste Reise des gegenwärtigen Bischofs von Rom nach Lampedusa ging, – und seither schon an viele „Ränder“ dieser Welt! Leben in der Nachfolge Jesu fordert dazu heraus, mit und bei den Armen und Schwachen und Hilflosen zu sein!

Wenn es um tiefgehende Entwicklungen in der Gesellschaft geht, dann gilt es hellwach zu sein und genau zu beobachten. Wir können nicht mitansehen und passiv daneben stehen, wenn auf die großen sozialen Fragen entsolidarisierende Antworten gegeben werden.
In Gemeinschaft mit den Ortskirchen stehen auch die Ordensgemeinschaften dafür, dass jede und jeder unabhängig von seinem Einkommen und den Leistungen den entsprechenden Platz bekommt.
Das ist in den klösterlichen Gemeinschaften selbst so und das ist auch der soziale Auftrag der Orden in die Gesellschaft hinein.

Viele Ordensgemeinschaften sind bekannt dafür, dass sie Akuthilfe leisten, soviel nur möglich ist. Wenn aber, wie es jetzt aussieht, der Sozialstaat löchriger wird, die Viel-Habenden weniger beitragen sollen und das Steuersystem auf ungerechte Weise aufgeweicht wird – woher bitte sollen 14 Milliarden kommen, die eingespart werden müssen (diese Zahl ist mir kürzlich genannt worden) -, dann müssen wir warnend unsere Stimme erheben.

Ich erhebe daher die fordernde Bitte:

  • Arbeiten wir in Richtung gerechter Strukturen, in Richtung eines Sozialstaates, der diesen Namen verdient!
  • Balancieren wir diese immer größer werdende Schere zwischen Arm und Reich neu aus auf eine gerechte Besteuerung hin, damit das soziale Netz nicht kleiner, sondern für und mit allen tragfähiger wird.
  • Die Sozialen Fragen verdienen solidarische Antworten und nicht den Egoismus von Wenigen.

Danke.

Autor

Christian Haidinger OSB
C. Haidinger © K. Bruder

Christian Haidinger OSB
Stift Altenburg, Abtpräses der Österreichischen Benediktinerkongregration, Vorsitzender der Superiorenkonferenz der männlichen Ordensgemeinschaften Österreichs

 

Links

Initiative „Christlich geht anders. Solidarische Antworten auf die soziale Frage“

Video zum Flashmob „Reden wir über solidarische Antworten auf die soziale Frage“ am 6.10.2017, Wien

Zentrale Aussagen aller RednerInnen beim Flashmob am 6.10.2017

„Fragen zur politischen Verantwortung“ des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich anlässlich der Nationalratswahl 2017