Von der Pandemie zur sozialen Revolution?

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Krisen bieten oft Anlass, weitreichende Veränderungen anzustoßen.
Solche oder ähnliche Sätze lesen wir in diesen Tagen vermehrt. Aber wird das wirklich so sein? Werden wir unsere neuen Einsichten für eine andere, bessere Zukunft nutzen?

Sicher ist, dass die Corona-Pandemie auf brachiale Weise Schwachstellen in unseren Gesellschaftssystemen offenlegt. Und ebenso klar scheint, dass die globalisierte Welt, wie wir sie bislang kennen, nicht in der Lage ist, solche Krisen bestmöglich abzufedern. Ganz im Gegenteil.

Die entfesselte Wirtschaft ist ein denkbar schlechter Berater für solche Probleme. Der Markt reguliert leider nicht alles besser als der Staat. Eigentlich sollte das niemanden weiter wundern. Wenn im Namen der Profitmaximierung Einzelinteressen über das Gemeinwohl gestellt werden dürfen und die Politik solche Praktiken durch allzu marktfreundliche Rahmenbedingungen flankiert, ist klar, wer am Ende die ungewollten Kosten für die teils verheerenden Folgen auf Umwelt, Klima oder soziale Strukturen trägt: die Allgemeinheit.
Vielleicht wäre es darum an der Zeit, unsere Art des Wirtschaftens in einen sozialethisch und ökologisch vertretbaren rechtlichen Rahmen zu setzen.
Aber die Corona-Krise macht auch deutlich, wie wichtig es ist, dass der Staat sein Handeln am Gemeinwohl orientiert und nicht alles wirtschaftlichen Maßstäben unterordnet, wenn Gesundheit, ein Recht für alle sein soll.

Es ist nicht gerade beruhigend zu wissen, dass die Politik der letzten Jahrzehnte den Sozialstaat in die Defensive gedrängt hat, obwohl er sich lange als Garant für ein möglichst gerechtes Gesundheits- und Sozialsystem erwiesen hat. Gerade in Krisenzeiten entscheiden solche Versorgungssysteme darüber, wie gut wir sie überstehen und vor allem, wer sie übersteht und wer nicht. Die Wirtschaft verabschiedet sich schnell, wenn keine Gewinne zu machen sind, und ein gerechtes Gesundheitswesen ist nach wirtschaftlichen Kriterien niemals rentabel.

Vielleicht sollten wir auch einige unserer vielgepriesenen Werte neu überdenken, vielleicht sogar neu ‚bewerten‘? Die teils empörten Reaktionen einiger Intellektueller über die verordneten Freiheitsbeschränkungen und anfänglichen Klagen über unangemessene Grenzschließungen verdeutlichen, wie hoch der Wert der Freiheit geschätzt wird. Freiheitsbeschränkung ist aber bestimmt nicht das Problem des Westens und wird es auch nach der Corona-Krise nicht sein. Eher ist das Gegenteil der Fall. Es ist kein Zufall, dass während der Aufklärung die Werte der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit (Solidarität) im Dreiergespann aufgetreten sind. Freiheit ohne Solidarität und Gleichheit mündet schnell in einen Wild West Liberalismus, der selten Rücksicht auf Schwache oder Fragen der Gerechtigkeit nimmt.

In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?

Was für Menschen wollen wir sein? Stellen wir den Individualismus höher als die soziale Verantwortung? Ist Wirtschaftswachstum jeden Preis wert oder gibt es andere Werte, die uns vielleicht doch wichtiger sind?

Wir wissen aus Erfahrung, dass Krisen nicht automatisch zu tatsächlichen Veränderungen führen. Die Finanzkrise 2008 hat uns das schmerzlich vor Augen geführt. Darum ist es umso wichtiger, den öffentlichen Diskurs über notwendige Veränderungen solange zu beleben, bis er Wirkung zeigt.

Es bleibt zu hoffen, dass wir geläutert und mit einer neuen Sicht auf die Welt aus der Corona-Krise hervorgehen und nicht aus Überforderung, Gewohnheit oder schlichtem Mangel an Kreativität so weitermachen wie bisher. Es liegt in unser aller Verantwortung.

Autorin

Cornelia Stefan, PhD.,
arbeitet am Zentrum für Ethik und Armutsforschung der Universität Salzburg

Der Beitrag erschien zuerst in den Salzburger Nachrichten https://www.sn.at/panorama/oesterreich/von-der-pandemie-zur-sozialen-revolution-86448994