Klimacamps – das Herz der Klimagerechtigkeitsbewegung

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„Klimacamps sind das Herz der internationalen Klimagerechtigkeitsbewegung“, hieß es immer wieder in der Ankündigung des 3. Klimacamps in Österreich, das Anfang Juni im Weinviertel stattfand. Zumindest für Europa scheint das zuzutreffen, denn den Sommer 2018 konnte man von einem Klimacamp zum nächsten fahrend (am besten natürlich mit dem Fahrrad) verbringen – von Polen über Tschechien, Deutschland, die Niederlande bis hin zur Schweiz waren verschiedenste Destinationen dabei. In Österreich wurde das Camp von den seit 2015 unter dem Slogan „System Change, not Climate Change“ („Systemwandel statt Klimawandel“) arbeitenden Aktivistinnen und Aktivisten organisiert.

Das Ergebnis waren fünf intensive Tage voller Workshops, Vernetzungstreffen, gemeinsamem Kochen und Komposttoiletten-Putzen und abendlichem Kulturprogramm. Die rund 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer campten auf einer Schafweide, die die Wolkersdorfer Biobäuerin Maria Vogt freundlicherweise zur Verfügung stellte. Trotz unvermeidlicher Lagerfeuerromantik stand das Politische im Mittelpunkt, was das Workshopprogramm mit Themen wie „Abkehr vom geliebten Wirtschaftsmodell“, „Energiedemokratie“, „Sozialökologische Ökonomie“, „Was du immer über Gas wissen wolltest“ und Ähnlichem widerspiegelt. Abschließender Höhepunkt waren die „Climate Games“, die zwei Tage lang einen Rahmen für kreative Aktionen rund um das Thema Klimagerechtigkeit boten.

Klimagerechtigkeit statt Scheinlösungen

„System Change, not Climate Change“ tritt von Anfang an unter dem Banner der Klimagerechtigkeit auf, auch wenn das ein Schlagwort ist, das man zunächst stets erst erklären muss. Dahinter verbirgt sich der Begriff der KlimaUNgerechtigkeit, also die Tatsache, dass die am meisten vom Klimawandel Betroffenen am wenigsten zu seiner Entstehung beitragen. Gleichzeitig steckt dahinter auch die Überzeugung, dass deshalb Solidarität mit diesen Menschen umso wichtiger ist. Basis für die KlimaUNgerechtigkeit ist die derzeitig vorherrschende Wirtschaftsweise, die aus ihrer Logik heraus auch immer nach „falschen“ Lösungen für die Klimakrise sucht – wie etwa einer „Green Economy“. Die Wirtschaft einfach „grün“ zu machen, also Wirtschaftswachstum anzukurbeln ohne natürliche Ressourcen zu verbrauchen, ist erstens praktisch nicht möglich und zweitens nur die Lösung für einen Teil des Problems. Denn der Klimawandel ist Teil einer mehrfachen sozialen und ökologischen Krise, die aber gleichzeitig eine Chance darstellt, eine Transformation hin zu einem „guten Leben für alle“ zu bewirken. „System Change, not Climate Change“ geht es darum, gängige Scheinlösungen aufzudecken und anzuprangern – und gleichzeitig Alternativen zu leben und mit zu entwickeln.

Kurz vor dem Klimacamp gelangte die AktivistInnengruppe mehr denn je ins Licht der Öffentlichkeit, als sich Lucia Steinwender, eine „System Change“-Aktivistin, beim Austrian Climate Summit Sebastian Kurz‘ Mikrofon für ein paar Minuten auslieh und die aktuelle österreichische Klimapolitik vor einem illustren Publikum an den Pranger stellte. Denn Österreich kommt seiner Verantwortung als früh industrialisierter Staat nicht nach; das zeigt sich auch in der heuer beschlossenen Klima- und Energiestrategie. Diese enthält zwar klar formulierte Ziele, aber nicht das, was der Name eigentlich verspricht, nämlich eine Strategie und einen Plan, um diese zu erreichen. Auch die Finanzierung bleibt unkonkret. Selbst bei den Zielen wurde zum Teil hinunternivelliert, und seit Jahren von ExpertInnen und NGOs geforderte Maßnahmen wie eine sozial-ökologische Steuerreform oder die Wegbereitung einer demokratischeren Energieversorgung fehlen. Verwundert sind wir bei „System Change, not Climate Change“ über den Inhalt der Klima- und Energiestrategie nicht. Denn schließlich macht die derzeitige Regierung keinen Hehl daraus, dass sie Wirtschaftswachstum über soziale und ökologische Nachhaltigkeit stellt.

Zum Glück ist Österreich nicht allein für eine Eindämmung des Klimawandels verantwortlich, könnte man nun argumentieren, doch auch auf internationaler Ebene sieht es nicht viel besser aus. Das Pariser Abkommen, zu dem sich die Weltgemeinschaft 2015 durchringen konnte, basiert auf selbst gesteckten Zielen der einzelnen Staaten, und eine genauer Umsetzungsplan soll erst heuer, bei der Klimakonferenz in Katowice, erstellt werden. Dabei schlugen WissenschaftlerInnen bereits im Vorfeld der Konferenz im Vorjahr in Bonn Alarm: Wenn alle Staaten ihre derzeitigen selbst gesteckten Ziele erfüllen, würde das immer noch auf eine globale Erwärmung von 3° C oder mehr hinauslaufen – weit über dem eigentlichen 1,5 bis 2°-Ziel.

Klimacamps geben einem ein Vorgefühl eines „guten Lebens für alle“

Doch auch wenn man sich über den langsamen Fortschritt der internationalen Klimaverhandlungen oder Absurditäten wie den (geplanten) Ausstieg der USA aus dem Pariser Abkommen noch so ärgern kann – wirkliche Lösungen sind ohnehin abseits dieser Verträge zu finden. Denn auch die internationalen Klimaabkommen sind in ein System eingebettet, das auf ständigem Wirtschaftswachstum und somit erhöhtem Ressourcenverbrauch und der Ausbeutung von Menschen basiert und in dem vor allem diejenigen zu Wort kommen, die die nötigen Zahlungsmittel haben – sprich Großkonzerne, deren wirtschaftliches Überleben immer noch stark von fossilen Brennstoffen abhängig ist. Es bleibt uns also nichts anderes übrig, als die Sache selbst in die Hand zu nehmen und unseren Widerstand gegen ein System, unter dem jetzt schon Millionen Menschen leiden, lautstark zu zeigen.

Als offene gesellschaftspolitische Gruppe ist uns diese aktivistische Komponente wichtig, weil wir sehen, dass die Lobbyarbeit von NGOs und politischen Parteien nicht ausreicht. Gleichzeitig wollen wir auch zeigen, dass eine andere Welt möglich ist; eine, in der das Zusammenleben nicht auf Konkurrenz basiert, sondern auf Kooperation. Im Kleinen kann man das auf einem Klimacamp ausprobieren. Beim gemeinsamen Gemüseschnipseln oder Tellerwaschen wird einem erst bewusst, dass es nicht selbstverständlich ist, dass das jemand macht – denn wenn niemand kocht oder abwäscht, gibt es auch kein Abendessen. Wenn Entscheidungen gemeinsam und im Konsens getroffen werden, hat man plötzlich nicht nur das Gefühl, mitreden zu können, sondern man wird auch wirklich gehört und berücksichtigt. Und wenn man schließlich in einer Kleingruppe unterwegs zu einer Aktion ist, fühlt man sich trotz des Lampenfiebers geborgen, weil man sich sicher sein kann, dass alle aufeinander Acht geben.

Klimacamps geben einem ein Vorgefühl eines „guten Lebens für alle“: Sie sind nur möglich, wenn jeder und jede seinen bzw. ihren Beitrag leistet, aber genau daraus entsteht dann ein friedvolles und kooperatives Miteinander. Dieses Gefühl in den Alltag mitzunehmen und die Welt so zu gestalten, dass quasi „immer Klimacamp ist“ (nur vielleicht mit einem bequemeren Bett und einem schatten- und wärmespendenden Dach über dem Kopf) ist mein persönlicher Traum. Einstweilen sind Klimacamps wichtige Schritte für den Bewegungsaufbau, denn um eine wirklich starke Stimme für eine sozial-ökologische Transformation zu sein, wollen wir noch viele mehr werden.

Klimagerechtigkeit – eine internationale Bewegung

Dabei sind wir schon mehr, als uns oft bewusst ist: die Schnittstellen zu anderen Gruppierungen sind vielfältig und Vernetzung steht ganz oben auf unserer Prioritätenliste. Denn natürlich basiert unsere Arbeit nicht nur auf dem oben beschriebenen „Gefühl“ – auch wenn Emotionen eine oft unterschätzte Rolle spielen – sondern wir haben uns mit unserem Positionspapier einen inhaltlichen Rahmen gesteckt. Ernährungssouveränität, Energiedemokratie, internationale Solidarität… sind nur einige Schlagworte daraus, die wir zum Teil in unseren thematischen Arbeitsgruppen behandeln. Schon seit längerem beschäftigt uns das Thema Mobilität, nicht zuletzt hat der Widerstand gegen den Bau einer dritten Flughafenpiste in Wien-Schwechat unsere Arbeit von Anfang an geprägt. Denn auch wenn es uns ums große Ganze geht, finden wir es dennoch sinnvoll, bei lokalen Themen anzusetzen. So wie in Graz, als wir uns am Widerstand gegen das Großprojekt „Murkraftwerk“ beteiligten, oder bei den anderen Kämpfen, mit denen wir uns solidarisch zeigen, wie etwa der Besetzung des Hambacher Forsts in Deutschland. Die Klimagerechtigkeitsbewegung ist schließlich international, wie sollte es auch anders sein. Was uns zurückbringt zu den Klimacamps: Als bunte Oasen des Rückzugs in eine gelebte Utopie sprießen sie überall in Europa auf und schaffen es trotzdem, sich nicht abzukapseln, sondern ihre Botschaft auch nach außen zu tragen: „Systemwandel statt Klimawandel!“

Links

Positionspapier

Rückblick Klimacamp 2018

Murkraftwerk

Hambacher Forst

Pilgerweg für Klimagerechtigkeit – Vom Vatikan zur UN-Klimakonferenz in Katowice (Polen).
Von 11.- 22. November werden die PilgerInnen durch Österreich gehen und u.a. in Graz (13.11.) und Wien (18.-20.11.) Station machen.
KlimapilgerIn werden?
Neues Netzwerk zur Reduktion von Flugverkehr gegründet: Stay grounded

Autorin

Groihofer © Wechsler

Leonie Groihofer
Studentin der Umweltsystemwissenschaften mit Fachschwerpunkt Geographie an der Universität Graz, seit 2015 bei „System Change not Climate Change“ aktiv