Geschlechtergerechtigkeit in der digitalen Stadt

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Städtische Räume sind nicht geschlechtsneutral. In den aktuellen urbanen Digitalisierungsdebatten wird eine Zukunftsnarration etabliert, die es daher offensiv im Hinblick auf soziale Verteilungs- und Geschlechtergerechtigkeit in der Stadt zu hinterfragen gilt.

Urbane Räume sind mittlerweile über digitale Sensoren mit ihren BewohnerInnen über Smartphones und andere Geräte vernetzt und dies verändert sowohl Versorgungsbeziehungen als auch Interaktionsformen. Immer mehr Stadtregierungen verfolgen zudem das Ziel, Smart City zu werden – eine Stadt, in der Infrastruktur- und Dienstleistungsangebote durch Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) gesteuert werden und eine hohe Lebensqualität versprechen (sauber, sicher, gesund) sowie ein effizientes Management der Daseinsvorsorge.

Digital wird normal…

Städte bekommen also eine digitale Haube: Durch die Ausstattung urbaner Räume mit Sensoren lassen sich Verkehrsflüsse, Abfallaufkommen, Umwelt- und Gesundheitsbelastungen uvm. in Echtzeit erfassen, verarbeiten und kommunizieren. Aus den Daten lassen sich allgemeine Konsum- und Mobilitätsmuster sowie individuelle Nutzungs- und Bewegungsprofile erstellen. Durch die Weiterverarbeitung in städtischen Datenzentralen wird versucht, das urbane Leben durch digitale Steuerung zu optimieren, z.B. durch Vermeidung von Verkehrsstaus, von negativen Umwelteinflüssen oder ‘gefährlichen Orten‘.

Die Digitalisierung öffentlicher wie privater Alltagsräume – sofern sich diese Unterscheidung im smarten Zeitalter noch aufrechterhalten lässt – basiert folglich auf den sich rasant entwickelnden technologischen Machbarkeiten. Doch die Möglichkeiten produzieren auch vermehrt Unsicherheiten und Ungerechtigkeiten – und viel zu selten sind sie an konkrete gesellschaftliche Probleme wie bspw. Energie- und Bildungsarmut, Bevölkerungssegregation durch Wohnraumknappheit oder die Auswirkungen des Klimawandels gebunden. Es stellt sich daher die Frage, inwiefern die Digitalisierung tatsächlich zur Optimierung des städtischen Lebens beiträgt oder ob sie bestehende Ungerechtigkeiten weiter verschärft.

… Geschlechtergerechtigkeit ist es (noch) nicht!

Soziale Ungerechtigkeiten lassen sich nicht technologisch angehen. Vielmehr ist das Vorantreiben der Digitalisierung als Akzeptanz eines politischen Programms zu interpretieren, das bspw. auch Gender Mainstreaming oder Diversity Management in der Stadtpolitik durchzieht. In beiden Fällen stellt die Bekämpfung von Ungleichheitsstrukturen den Ausgangspunkt dar; in beiden Fällen wurde dieses Anliegen strategisch so funktionalisiert, dass es eher in der Entpolitisierung von Ungleichheitsstrukturen resultiert: Ziel ist dann nicht länger soziale Gerechtigkeit, sondern – über die Anerkennung von Ungleichheit – die Akzeptanz von Ungerechtigkeit. Identitätskategorien und –stereotype wie Geschlecht werden zudem nicht nur im Alltag und durch Institutionen normiert, sie werden auch durch die Datenerhebung und -analyse reproduziert. Die Effekte der Digitalisierung urbaner Infrastrukturen auf die Lebensumstände von Menschen und auf die Qualität urbaner Diversität sind jenseits von Einzelbeispielen allerdings bislang kaum thematisiert und untersucht – ebenso wenig wie die vergeschlechtlichten oder rassifizierten Formen datenbasierter Diskriminierungen.

Gerechtigkeit in der digitalen Stadt …

Durch ein Zusammenbringen von soziokultureller Diversität als Qualität mit der Forderung nach sozio-ökonomischer Umverteilung lässt sich hingegen soziale Gerechtigkeit vorantreiben: Mit Blick auf die Digitalisierung urbaner Infrastrukturen und Räume umfasst dies bspw. die Finanzierung einer Rekommunalisierung der Daseinsvorsorge (insbesondere in den Bereichen Wohnen, Gesundheit, Bildung und Energie) anstelle einer smarten Aufwertung einzelner Stadtteile; dazu gehört auch eine Flächengerechtigkeit für nachhaltige Mobilität, die Rad-und Fußwege gegenüber Straßen- und Parkraumflächen favorisiert. Soziokulturelle Diversität anzuerkennen ist also weder gleichzusetzen mit Akzeptanz von Ungleichheit, noch mit der Forderung nach Gleichheit. Vielmehr geht es um Respekt vor verschiedensten Identitätspositionen und um materielle Umverteilung. Denn insgesamt forcieren Smart Cities die Marginalisierung bereits benachteiligter Bevölkerungsteile: Die Umsetzung von smarten Strategien in ohnehin besser ausgestatteten Stadtteilen lässt reiche BewohnerInnen stärker von den öffentlichen Investitionen profitieren als ärmere – und dies verschärft sozialräumliche Segregation. Außerdem wird diese Aufwertung aus öffentlichen Mitteln subventioniert, die dann in anderen Bereichen fehlen. … und Recht auf digitale Stadt Gerade weil technologische Innovationen die Alltagspraktiken und Raumnutzungen in Städten beeinflussen, müssen sie sich stärker an den Lebensrealitäten aller StadtbewohnerInnen orientieren. Die fortschreitende Digitalisierung darf nicht länger auf technologiebasierten Utopismus reduziert werden, sie muss um soziale (und auch ökologische) Transformationsprozesse und Gerechtigkeitspotenziale erweitert werden. Es geht dabei erstens darum, die technologischen Machbarkeiten sozial – und sozial gerecht – zu gestalten. Dazu gehört zweitens intensiver zu diskutieren, welche Möglichkeiten die IKT zur Demokratisierung urbanen Zusammenlebens beitragen können und drittens, ein Recht auf digitale Stadt, das auf der technologischen Souveränität der BewohnerInnen – nicht auf der technologieoptimierten Stadt – basiert.

Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Erasmus+ Projekts EQUAL Digitalent mit dem Thema „Gender Equality in Digital Entrepreneurship“

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Autorin

Anke StrüverAnke Strüver ist Professorin für Humangeographie mit dem Schwerpunkt Stadtforschung am Institut für Geographie und Raumforschung der Universität Graz. Ihr thematischer Fokus liegt auf den Wechselverhältnissen von Raum- und Subjektkonstitution auf der Mikroebene städtischer Alltagsräume.