Climate justice! Religionen für die Umwelt

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Climate justice! Religionen für die Umwelt

Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr unsere Zukunft klaut!, hallte es von allen Wänden rechts und links, massenhaft Menschen ergaben eine Stimme, eine Kraft, einen Körper. Die Straßen quollen an diesem warmen Herbsttag im September 2019 nur so über von Menschen, die am weltweiten „earth strike“ dabei waren. Mit Plakaten, mit Megaphonen, schreiend, rufend, singend oder einfach nur schweigend nebeneinander gehend. Eine unvorstellbare Power, nicht bedrohlich sondern hoffnungsvoll, kraftvoll und fordernd. Junge Menschen, die sich an dem weltweiten Schulstreik beteiligten und zu Aktivität aufriefen.

Die Schüler*innen gaben mit den Streiks den Anstoß, dass auch die Erwachsenen wieder mehr über das Klima-Thema sprechen. Inspiriert hatte sie ein Mädchen, mittlerweile  heranwachsende junge Frau, die mit großer Ernsthaftigkeit auf ihr Anliegen aufmerksam gemacht hat. Greta Thunbergs Name ist wohl einer der zurzeit bekanntesten Namen einer Jugendlichen weltweit. Die Fridays For Future Bewegung veranlasste viele andere Menschen, sich zu dem Thema zusammen zu schließen und für den Klimaschutz zu kämpfen. Und bald fanden sich die unterschiedlichsten  Unter- und Parallelgruppen von FFF wie Parents-, Scientists-, Doctors– oder Artists For Future.

Der Beginn von Religions For Future

Auch Vertreter*innen verschiedener Religionen setzten sich zusammen und überlegten, welchen Beitrag Religionen leisten könnten. Den theoretischen Anfang nahm Religions For Future in Linz, initiiert von dem Universitätsprofessor Dr. Michael Rosenberger und der Sprecherin der kirchlichen Umweltbeauftragten, Mag.a Hemma Opis-Pieber. Sie verfassten mit einem kleinen Team im Juli 2019 eine Grundsatzerklärung mit klaren Worten zu der Rolle von Religionen: Als Religionen teilen wir die Sorge um das gemeinsame Haus der Erde und tragen Mitverantwortung für dessen Erhaltung in gutem Zustand. (…) Wir Menschen sind mit den anderen Lebewesen verbunden (…). Aus diesem Grund vermitteln unsere religiösen Traditionen wichtige Haltungen im Umgang mit der Natur: Dankbarkeit und Achtsamkeit, Bescheidenheit und Gerechtigkeit, Demut und Geschwisterlichkeit (…). Die Grundsatzerklärung endet mit einem eindringlichen Appell an alle: Die führenden Personen in den Religionen rufen wir auf, sich in Wort und Tat mit aller Kraft für den Erhalt der Erde einzusetzen. Von den Verantwortlichen in der Politik erwarten wir den längst überfälligen Strukturwandel hin zu einer ökosozialen Politik und Wirtschaftsordnung. Alle Menschen bitten wir, einen achtsamen Umgang mit der Natur zu pflegen, auch wenn dieser persönliche Einschränkungen bedeutet.

Parallel dazu organisierten sich etwas zeitversetzt unabhängig davon im Herbst 2019 weitere Menschen zu einem RFF-Zusammenschluss in Wien, es entstand eine bunt gemischte Arbeitsgruppe mit Menschen jeden Alters und Bildungsstandes. Diese AG, die sich nicht als eine eigene Gruppe verstand, sondern sich mit der Linzer RFF Initiative im Sinne des Klimaschutzes durch religiöse Menschen verbunden sah, organisierte eine gemeinsame Unterzeichnung dieser Grundsatzerklärung von Religionsvertretern – in diesem Fall tatsächlich nur Männer – in Österreich. Stellvertretend für die Glaubensgemeinschaften unterschrieben der katholische Jugendbischof Stephan Turnovszky, der evangelische Bischof Michael Chalupka, der Umweltbeauftragte der Islamischen Glaubensgemeinschaft Österreich (IGGÖ) Enis Buzar sowie Gerhard Weissgrab, der Präsident der Österreichischen Buddhistischen Religionsgemeinschaft.

Verantwortung für Religionen

Auch wenn mit der Unterzeichnung keine konkreten Vorhaben verbunden waren, ist es doch eine wichtige symbolische Geste für die Gesellschaft und vor allem für die Gläubigen der jeweiligen Religion. Es ist ein Signal nach außen, dass auch Religionen die Verantwortung bei dieser globalen Herausforderung übernehmen müssen und möchten.

Bei der Vorbereitung zur Unterzeichnung wurde ersichtlich, dass die Religionsgemeinschaften, auch wenn sie sich in der religiösen Überzeugung einig sind, sich in ihrer Lebensrealität sehr unterscheiden. In christlichen Gemeinden etwa hat man sich schon über längere Zeit mit dem Thema beschäftigt, etwa treffen sich Umweltbeauftragte jährlich bei einer Konferenz zu einem Austausch über neueste Entwicklungen in der den unterschiedlichen Diözesen.

Ganz anders sieht es bei muslimischen Gemeinschaften, offiziell vertreten durch die IGGÖ, aus. Hier war die Grundsatzerklärung der Anlass, erstmalig einen Umweltbeauftragten zu installieren und mit Nachhaltigkeitsfragen zu betrauen. Andererseits ist zu beobachten, dass sich besonders in den vergangenen zwei Jahren auch in muslimischen Gemeinden einiges bewegt, etwa wurde am Islamischen Zentrum in Wien in  Zusammenarbeit mit der Interdisziplinären Forschungsstelle Islam und Muslim*innen an der Sigmund Freud Universität ein Forschungsprojekt zu Nachhaltigkeitsentwicklungen durchgeführt. Die Ergebnisse zeigen, dass Umweltfragen ein zentrales Thema für diese Moschee ist.

Auf ein so wirkungsvolles Dokument wie das Laudato Si` des Papstes Franziskus von 2015, in dem bei „Die Sorge um das gemeinsame Haus“ an mehr Achtsamkeit mit der Schöpfung appelliert wird, können muslimische Communities nicht zurückgreifen, da es keine oberste religiöse Instanz, wie in der Kirche in Form des Papstes, gibt. Dennoch gibt es religiöse Autoritäten und Wissenschaftler, die sich inhaltlich dem Thema angenommen haben. So ist 2015 in Istanbul eine Deklaration zu Islam und Umwelt entstanden, sie kann als Richtschnur für weitere Entwicklungen dienen.

Die unterschiedlichen Strukturen und die historische Gegebenheiten erlauben keinen Vergleich der Religionsgemeinschaften, denn sie sind unterschiedlich in Österreich historisch gewachsen und verwurzelt. Ein Zusammenschluss als RFF ist für den gegenseitigen Austausch und das gemeinsame Wachsen in dieser wichtigen Angelegenheit, dem Klimaschutz, in jedem Fall förderlich.

Gemeinsame Achtsamkeit und Schöpfungsverantwortung

Durch die aktuelle Lage und weitere Faktoren erkennen immer mehr Menschen, wie dringend es ist, darauf aufmerksam zu machen, dass Achtsamkeit und Schöpfungsverantwortung in den Religionen grundangelegt ist. Insgesamt war in den vergangenen zwei Jahren das Interesse groß, religiöse Menschen miteinander zu Klima-Themen ins Gespräch zu bringen.

Eine ganze Reihe von unterschiedlichen Veranstaltungen wurde von Universitäten und Einrichtungen organisiert, bei denen sich Personen aus der Wissenschaft und religiösen Einrichtungen zu Klimathemen in Verbindung mit Religion austauschten. Interreligiöse Podiumsdiskussionen mit Kurzinputs gab es etwa in Wien im Herbst 2019 im ORF-Funkhaus im Rahmen von Trialog zu dem Thema „Vor uns die Sintflut“, bei einem Lehrgang der Donau-Universität Krems im Jänner 2020 zu „Ökologischer Spiritualität und Klimakrise“. Im Jänner 2020 wurde in Vorarlberg mit Altbischof Kräutler zu „Unsere Verantwortung zu Klima und Schöpfung“ diskutiert und im Dommuseum Wien im Herbst 2020 zur „Fragilen Schöpfung“.

Radfahren als verbindendes Fortbewegungsmittel war Thema der ORF-Sendung Orientierung „Lobgesang aufs Fahrrad. Religionsvertreter und Mobilität“  im September 2019. Eine Veranstaltung zu Religions For Future, organisiert von dem AAI Graz, musste, wie so viele andere auch, aufgrund der Covid-19- Pandemie verschoben werden. Dies sind nur einige Beispiele von zahlreichen Veranstaltungen der letzten zwei Jahre. Auch medial wurde dies mit Interesse aufgenommen und entsprechend berichtet.

All diese Begegnungen können unter dem Dach Religions For Future gesehen werden, denn RFF ist keine Organisation, sondern vielmehr eine Einstellung mit der sich religiöse Menschen verbunden sehen: Die Bereitschaft, aktuelle Fragen zu Klimawandel in Verbindung mit religiösen Perspektiven öffentlich zu diskutieren und die eigene Gemeinschaft dahingehend zu sensibilisieren. Die RFFs stellen mit ihrer Existenz auch etwas Symbolisches dar, denn sie zeigen, dass die Religionen sich für eine gesamtgesellschaftliches, ja, globales Thema zu Wort melden. Das wurde einerseits durch offiziellen Vertreter von Religionsgemeinschaften mit der Unterzeichnung der RFF-Grundsatzerklärung gezeigt. Andererseits wurde das von den RFF– Arbeitsgruppen umgesetzt, indem sie religiöse Menschen aktiviert haben. Und ebenso wurde das an den zumeist religiösen oder religiös affinen Organisator*innen offensichtlich, die Religionsvertreter*innen zu einem gegenseitigen öffentlichen Austausch einluden.

Wie es mit RFF weitergehen wird,  wird sich zeigen; Klimaschutz bleibt ein dringendes verbindendes Ziel. Auf dem Weg dahin hilft es zu wissen, dass er gemeinsam gegangen werden kann und es gegenseitige Unterstützung gibt.

 

Literatur:

Kowanda-Yassin, Ursula: Öko-Dschihad. Der Grüne Islam. Beginn einer globalen Umweltbewegung. Wien-Salzburg: Residenz-Verlag, 2018.

Quellenverweise:

Ausstellung „Fragile Schöpfung“ im Dommuseum: https://dommuseum.at/201022_EVENT_Talk (30.11.2020)

„Christen und Muslime im Gespräch“: https://maeder.at/kultur-freizeit-sport/events/christen-und-muslime-im-gespraech-unsere-verantwortung-fuer-umwelt-und-schoepfung (30.11.2020)

Forschungsprojekt „Die Grüne Moschee“: https://www.sfu.ac.at/wp-content/uploads/IFIME_Forschungsprojekt_Gr-Moschee_2020.pdf (30.11.2020)

Grundsatzerklärung: https://www.schoepfung.at/site/home/bildung/religionsforfuture  (30.11.2020)

Islamic Declaration on Global Climate Change: https://www.ifees.org.uk/about/islamic-declaration-on-global-climate-change/Forschungsprojekt (30.11.2020)

Lobgesang aufs Fahrrad: https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20190920_OTS0215/orientierung-ueber-christen-in-syrien-ein-leben-zwischen-not-und-hoffnung-am-22-september-um-1030-uhr-in-orf-2  (30.11.2020)

„Religionen gemeinsam für die Umwelt“: https://religion.orf.at/v3/stories/2991834/ (30.11.2020)

Seminarreihe Klimagerechtigkeit: https://religion.orf.at/v3/stories/2992963/ (30.11.2020), https://www.donau-uni.ac.at/de/universitaet/fakultaeten/wirtschaft-globalisierung/departments/wissens-und-kommunikationsmanagement/news-veranstaltungen/veranstaltungen/oekologische-spiritualitaet-und-klimakrise-perspektiven-der-religionen.html (30.11.2020)

Tagung „Die Grüne Moschee“: https://www.sfu.ac.at/wp-content/uploads/Folder_IFIME-GrueneMoschee.pdf (30.11.2020) Earth Strike

Trialog „Vor uns die Sintflut“: https://religion.orf.at/v3/stories/2994365/ (30.11.2020)

 

Autorin

Fatima Kowanda-Yassin

Dr.in Ursula Fatima Kowanda-Yassin ist diplomierte Coach, Islamwissenschaftlerin und Religionspädagogin. Seit über 20 Jahren ist sie in der Erwachsenenbildung und als freiberufliche Autorin tätig.