Der Tag des Judentums in Österreich

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Der Tag des Judentums in Österreich

Kirchen bekennen sich zu ihrer Verwurzelung im Judentum

Seit dem Jahr 2000 wird am 17. Jänner, ein Tag vor Beginn der weltweiten Gebetswoche für die Einheit der Christen (18.-25. Jänner), der „Tag des Judentums“ in Österreich begangen.

Die Initiative ging aus der Zweiten Ökumenischen Versammlung in Graz (1997) hervor. Als Gedenktag im Kirchenjahr führte der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) diesen Tag ein. Es geht um ein fundamental neues Selbstverständnis der Kirchen, die sich zu ihrer Verwurzelung im Judentum bekennen. Der Tag lädt ein, an jüdischen Menschen und ihrem Glauben begangenen Unrechts in der Geschichte zu gedenken.

Wiener Gesera 1421 – Erinnerung an die Vertreibung und Vernichtung jüdischen Lebens in Österreich im Spätmittelalter

Am 23. Mai 1420 erließ Herzog Albrecht V. den Befehl, alle Juden im Herzogtum Österreich gefangen zu nehmen. Dies war der Beginn der „Wiener Gesera“ (hebr. Verhängnis), die Vertreibung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung von Wien und Niederösterreich zwischen Mai 1420 und dem 12. März 1421. Es kam zur völligen Auslöschung aller jüdischen Gemeinden und allen jüdischen Lebens im damaligen Österreich (durch Zwangstaufen, Vertreibungen, Plünderungen und Mord). Zu den Gewinnern zählte auch die Universität Wien und die Theologische Fakultät. Die Steine der zerstörten Synagoge wurden beispielsweise für die Errichtung eines neuen Fakultätsgebäudes verwendet. Ein Dokument der Fakultät kommentierte dies mit den Worten: „Seht das Wunder: Die Synagoge des alten Gesetzes wurde auf wunderbare Weise in eine Schule der Tugenden des neuen Gesetzes umgewandelt.“

Bereits 1419 hatten Theologen vor einer angeblichen Kollaboration der Juden mit den Hussiten gewarnt. Die judenfeindliche Haltung der Fakultät wurde am 29. Mai 2019 von der Katholisch-Theologischen Fakultät Wien gemeinsam mit dem Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Form eines Studienvormittags und einer Podiumsdiskussion aufgearbeitet. Trauriger Höhepunkt und Abschluss der Gesera war die Verbrennung der 200 überlebenden Wiener Jüdinnen und Juden auf der Erdberger Gänseweide (heute Wien 3).

Die Wiener Gesera ist im Kontext einer umfassenden politischen, religiösen, finanziellen und persönlichen Krise zu sehen und war die erste Judenverfolgung in Österreich, die von einem Landesfürsten ausging und nicht von der lokalen Bevölkerung. Die Motive Herzog Albrecht V. sind bis heute unklar und werden in wissenschaftlichen Kreisen kontrovers diskutiert. Es blieb allerdings nicht bei einer Vertreibung. 1670, vor 350 Jahren wurde die jüdische Bevölkerung wieder aus Wien vertrieben und die Synagoge zerstört. An ihrem Ort steht heute die Kirche St. Leopold (Wien 2).

Die „Vernetzte Ökumene Wien West“ gedenkt in der Einstimmung in den „Tag des Judentums“ im März 2021 in der Bezirksvorstehung Landstraße der „Ersten Wiener Gesera 1420/21“. Diese Initiative ist als Gedenkstunde von Christinnen und Christen und Jüdinnen und Juden konzipiert. Die Gedenkveranstaltung findet jedes Jahr in räumlicher Nähe zu einem zerstörten Ort früheren jüdischen Lebens, zumeist am Ort einer zerstörten Synagoge, statt.

Lernen vom Judentum gemeinsam mit Jüdinnen und Juden als neuer Schwerpunkt neben Gedenken und Feiern

Was als „Gedenktag“ begann wurde im Laufe der Jahre erweitert,  mittlerweile gibt es vielfältige Veranstaltungen und Gottesdienste in ganz Österreich. Im letzten Jahr ist ein „Lerntag“ – ein „Tag des Lernens vom Judentum“ neu eingeführt worden. Entscheidend ist dabei der Leitgedanke „nicht über das Judentum zu lernen, sondern vom Judentum und besonders mit Jüdinnen und Juden.“

An Schulen und Jugendzentren werden jüdische Jugendliche eingeladen, um sich und ihr Judentum vorzustellen, Vorurteile abzubauen und ein besseres Miteinander der österreichischen Gesellschaft zu fördern. Das Dialogprojekt LIKRAT (hebräisch „auf jemanden zugehen“) der Jüdischen Gemeinde bietet dazu vielfältige Begegnungsmöglichkeiten zum gegenseitigen Kennenlernen an.

Das Katholische Bibelwerk und die Österreichische Bibelgesellschaft laden gemeinsam mit dem Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit den Schweizer Michel Bollag, eine im interreligiösen Dialog erfahrene Persönlichkeit, zu einem Vortrag über Jüdische Schriftauslegung ein. Bollag gilt zu Recht als Brückenbauer, der viele Christinnen und Christen im Laufe der Jahrzehnte Tora-Auslegungen, Althebräisch, jüdische Philosophie und Mystik nähergebracht hat. Ein gemeinsames Lernen auf Augenhöhe, Weitblick, Humor und Begeisterung kennzeichnen sein Tun. In seinem Vortrag setzt sich Bollag mit dem „Neuen Bund“ in der Prophetie Jeremias – einem „heißen Eisen“ in der christlich-jüdischen Verständigung – auseinander.

2021 ist der 17. Jänner ein Sonntag. Dann könnte aus dem „Tag des Judentums“ ein „Sonntag des Judentums“ werden – so der Wunsch von Dechant Ferenc Simon, Beauftragter für jüdisch-christliche Zusammenarbeit der Erzdiözese Wien. Der zentrale Gottesdienst des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRKÖ) hat als Leitthema den Neuen Bund Israels mit seinem Gott (Jeremia 31, vgl. Tag des Lernens) gewählt. Darüber hinaus sind die Kirchen eingeladen das Anliegen des „Tag des Judentums“ in ihren Sonntagsgottesdiensten aufzunehmen. Der Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit bietet dazu seine Unterstützung und Impulse an. Die Kirchen könnten dadurch ihrer Verantwortung im Kampf gegen Antisemitismus gerecht werden, einer Aufgabe, die erstmals im Regierungsprogramm 2020-2024 einen breiten Raum einnimmt.

Vom Reden ins Tun

In den vergangenen Jahrzehnten gab es im christlich-jüdischen Dialog von christlicher Seite Bemühungen zu einer Schriftauslegung ohne Antijudaismen mit einer Wertschätzung der jüdischen Schrifttradition zu gelangen. Immer wieder kommt es zu Rückschlägen. In Gesellschaft und kirchlichem Alltag existiert oft immer noch ein künstlicher Gegensatz zwischen einem vermeintlichen „Testament des Gesetzes“ und einem „Testament der Liebe“. Die jüdische Identität Jesu und seine Einbettung in eine lange jüdische Tradition wird oft zu wenig wahrgenommen. Der Tag des Judentums 2021 möchte hier ein Zeichen setzen: Eine Sonderausgabe der interreligiösen Quartalsschrift Dialog-DuSiach bietet authentische jüdische Schriftauslegungen zu den Sonntagslesungen am Tag des Judentums (17. Jänner 2021).

Dialog-DuSiach (Nr. 122): Stefanie Peintner (Hg.), Das verborgene Wort. Jüdische Stimmen zu den Sonntagslesungen der Kirchen für die Verantwortlichen in den Pfarren und Gemeinden sowie alle Interessierten.

Jüdische Expert*innen der jüngeren Generation geben Einblick, wie sie aus jüdischer Tradition Texte aus Tanach (Bezeichnung für die Sammlung jüdischer Heiliger Schriften) und Neuem Testament lesen und verstehen.

Verantwortliche in den Pfarren und Gemeinden und darüber hinaus alle Gläubigen und Interessierte sind eingeladen andere Lesarten der Schrift kennenzulernen, die einen Perspektivenwechsel möglich machen. Bekannte Schriftworte könnten vielleicht in einem neuen Licht gesehen werden und neue Wege des Verstehens tun sich hoffentlich auf.

Die Freude an der Schönheit der Schrift, am verborgenen Wort des Ewigen, könnte ein neues WIR schaffen. Einen Ausblick darauf möchte das Titelbild geben, eine kalligraphische Gestaltung aus dem Propheten Jeremia/Jirmejahu. Das in hebräischen Lettern gestaltete Cover und gleichzeitige Plakatlayout, des jüdischen Kalligraphen Roi Riginashvili, möchte den „Tag des Judentums“ ins Bewusstsein der Menschen rufen. Die Rückseite des Plakates bietet Informationen und Impulse zur Gottesdienstgestaltung für Pfarren, Gemeinden und kirchlichen Initiativen am Tag des Judentums 2021.

Weitere Informationen, Hintergründe, Texte und Hinweise zu Veranstaltungen in ganz Österreich können auf der neu eingerichteten Homepage www.tagdesjudentums.at abgerufen werden. Diese ist als eine Art Plattform konzipiert, die vernetzen und Informationen bündeln möchte.

Autorin

Dr. Stefanie Peintner

Dr.in Stefanie Peintner, Verantwortliche für Öffentliche Kommunikation im Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit und Alttestamentlerin