Ostern während Corona

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Nicht zufällig feiern wir Ostern im Frühling, wenn unter der wärmenden Sonne wieder alles ergrünt und aufblüht. Dass das Leben stärker ist als der Winter-Tod, wird auch für jene spürbar, denen der christliche Glaube mit der zentralen Botschaft der Auferstehung herzlich egal ist.
Ostern gehört zum Karfreitag, wie der Frühling zum Winter gehört. Die Hoffnung, dass das Frühlingsgrün das Wintergrau überwindet ist ähnlich tragend, wie der tiefe Glaube von ChristInnen, dass dieser Gott des Jesus von Nazareth ein Gott des Lebens ist, wodurch der Tod seinen Stachel verliert und neues, anderes Leben durch diesen Tod hindurch möglich ist.

Während der Corona-Krise, die weiterhin die ganze Welt in Atem hält und so viel Leid und Tod mit sich bringt, hoffen viele Menschen, dass die Zeit nach Corona ein neues, anderes Leben möglich macht.
Nicht erst die Jugendlichen der Fridays for Future-Bewegung haben laut und deutlich gemacht, was aufmerksamen Menschen mit Hausverstand, WissenschafterInnen unterschiedlichster Disziplinen und auch ExpertInnen aus Wirtschaft und Politik klar ist. Unser Lebens-, Konsum und Produktionsstil, den wir zur Bewältigung der Corona-Krise massiv runtergefahren haben, hat soziale, biologische, klimatische und wirtschaftliche Dimensionen, die tödlich sind: die Klima-Krise, das Artensterben z.B. bei Insekten, Wildpflanzen, Meerestieren, die rücksichtslose Ausbeutung von Menschen und Natur mit dem hauptsächlichen Ziel der Anhäufung von Besitz in den Händen je weniger Menschen. Das „alte Leben, wie wir es gewohnt sind“ (Bundeskanzler Sebastian Kurz in: ORF-Pressekonferenz, 14.4.2020), beinhaltet leider einen Lebens- und Konsumstil, der „hinter mir die Sintflut“ zelebriert und damit die Lebensgrundlagen künftiger Generationen auf allen Kontinenten dieser Welt zerstört. Gewinne werden privatisiert, während finanzielle Verluste (wie während der Corona-Krise) wie auch Schäden an Umwelt und Menschen über sozialstaatliche Unterstützungen der Allgemeinheit oder kommenden Generationen umgehängt werden. Diese globalisierte Art zu produzieren, zu wirtschaften, zu konsumieren ist nicht nachhaltig. Die Haltung „alles immer“ (er)leben zu wollen, ermöglicht weder jetzt ein gutes Leben aller, noch schafft es die Bedingungen, dass das in Zukunft möglich ist. Im Gegenteil. Es scheint, wir haben uns in einen globalen „Karfreitag“ hineinmanövriert.

Corona-Krise, Klima-Krise – wo bleibt die Osterhoffnung?

Wo bleibt aber die Osterhoffnung? Wo bleibt die Hoffnung, dass wir unseren Lebens- und Produktionsstil, unser Mensch-Natur-Verhältnis so nachhaltig ändern und wir alles tun werden, um Millionen Menschenleben vor neuen Infektionskrankheiten, Luftverschmutzung, Hitzewellen, Überschwemmungen, Waldbränden, Dürren und einer verarmten Fauna und Flora zu retten?

Die Corona-Krise zeigt: Wenn Gefahr in Verzug ist, steht die Bevölkerung zusammen, ist die Umsetzung sozialer, wirtschaftlicher Maßnahmen schnell und konsequent möglich.
2020 wird der CO2-Ausstoß der Menschheit zum ersten Mal fallen. Nicht, weil der freie Markt das selbstregulierend geschafft hätte. Nicht weil rein techno-ökonomisch Lösungen zur Erlösung aus der Klima-Krise geführt hätten. Allein deshalb, weil der überwiegende Teil der Bevölkerung seine sozialen Verhaltensformen verändert hat: regional produzierte Produkte finden reißend Absatz und regionale Wirtschaftsformen werden wieder sehr wertgeschätzt, Videokonferenzen ersetzen Dienstreisen, der Urlaub wird in Österreich geplant, das Handwerk erlebt ein Wiederaufleben und Nachbarschaft gewinnt einen neuen Wert. Sogar das hochgepriesene Nulldefizit des Staatsbudgets weicht dank einer Rückbesinnung auf die integrale Wirkung des Sozialstaates mit einem Federstrich einer Verschuldung, die die nächsten Generationen stark belasten wird.

Was aber markiert Ostern während Corona?
Ostern ist die Begegnung mit dem Auferstandenen, die nur durch den Schleier von Tränen und Schmerz möglich ist. Ostern kann sich nur dort ereignen, wo Menschen mutig alte Muster verlassen, ihre Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit überwinden und neue Räume öffnen – trotz und in allem Schmerz, mit allen Wunden und in aller Verletzlichkeit.
Ostern bedeutet immer auch Veränderung: der Auferstandene ist dieser Jesus von Nazareth. Und doch ist er es nicht, er ist verändert, er ist ein anderer.

In den Erzählungen der christlichen Bibel werden österliche Ansagen wie diese: „Ich habe ihn gesehen! Er ist auferstanden! Ein neues, anderes Leben ist möglich!“ als „Weibsgeschwätz“ abgetan. Frauen galten damals nichts. Schon gar nichts als Zeuginnen. Auch heute werden jene als naiv und blauäugig abgetan, die an eine Veränderung glauben, die das gute Leben aller ermöglicht.
Ostern während Corona zu feiern heißt hoffen, dass eine andere Wirtschaft, eine andere Gesellschaft, eine andere globalisierte Menschenfamilie möglich ist.
Gerade als Christinnen und Christen dürfen wir diese Hoffnung hochhalten – und dort einfordern, wo Veränderung, wo Lebens-Schutz für heute und für zukünftige Menschen und unsere Mitwelt strukturell ermöglicht werden kann: bei den Mächtigen in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kirchen.

Klima-Krise und Corona-Krise lassen sich gemeinsam bewältigen

Es ist nicht nur „Weibsgeschwätz“, wenn führende ExpertInnen fordern, die heutige Anstrengung, die wir als Gesellschaften gemeinsam schaffen, um die Corona-Krise einzudämmen, dafür zu nützen, um die Klima-Krise zu bewältigen.
Die Lösung dafür wird nicht ausschließlich in Technik und Wirtschaft zu finden sein. Auch hier werden wir das Verhältnis zwischen Mensch und Natur neu bedenken müssen – weil „alles mit allem verbunden ist“ (Papst Franziskus).
Auch hier können Nationalstaaten nur gemeinsam etwas bewegen – weil sich die Klima-Krise, ähnlich dem Virus, nicht um Staatsgrenzen kümmert.

Jetzt könnten Regierungen mit ähnlicher Macht, wie zur Eindämmung der Corona-Krise, die Wirtschaft durch ein massives Klimaschutz-Investitionsprogramm stützen. Indem z.B. CO2-freie Mobilität über Schienenausbau statt Flugpiste, Geh- und Radwege statt Autobahnen gefördert werden, Unternehmen zu Klimaschutzmaßnahmen verpflichtet und Subventionen für Agroindustrie reduziert werden, können heute Arbeitsplätze geschaffen und morgen und übermorgen Menschenleben gerettet werden.

Jetzt könnten Regierungen mit ähnlicher Macht, wie zum Schutz des Gesundheitssystems eingesetzt, das Steuersystem so verändern, dass Arbeitseinkommen entlastet, Arbeitslosengeld erhöht, vielleicht sogar ein Bedingungsloses Grundeinkommen eingeführt wird.

Jetzt könnten Regierungen den nationalen Konsens zum Schutz vieler Menschenleben in der Corona-Krise nutzen, um das Überleben der Menschheit in der Klima-Krise zu sichern z.B. durch die Streichung von Subventionen für fossile Energie, die angemessene Besteuerung leistungsfreien Einkommens z.B. aus Finanztransaktionen, Aktiengewinnen und Erbschaften oder Schenkungen ab einer relevanten Größe (vgl. Vizekanzler Werner Kogler in: KronenZeitung, 7.4.2020) und durch die Bepreisung des CO2-Ausstoßes.

Jetzt könnten Regierungen, wie in der Corona-Krise gefordert, die Armen und Schwächsten auch in der Klima-Krise besonders schützen. Dabei ist der Blick über die Grenzen zu jenen nötig, die an den Folgen der Erderwärmung, der Zerstörung der natürlichen Ressourcen und des Artensterbens am stärksten leiden.

Jetzt könnten Regierungen alles daran setzen, dass nicht die vermeintlichen Freiheiten von Einzelnen zur Einbuße der Lebensqualität aller führen (z.B. gesundheitsgefährdende Luftqualität in Städten), sondern dass eine „neue Normalität“ eingeübt wird, die für die gesamte Bevölkerung einen enkeltauglichen Lebensstil ermöglicht.

Ostern während der Corona-Krise ist auch Ostern während der Klima-Krise
In allem Schmerz, den eine Krise mit sich bringt, eröffnet der Oster-Glaube neue Räume des Denkens und Handeln. Ostern ermöglicht, das Leben mit neuen Augen zu sehen. Nicht nur das Leben von Menschen während der Corona-Krise, sondern auch das Leben heutiger und künftiger Generationen. Heute geht es darum, einige hunderttausend Menschenleben zu retten.
Wenn wir die Corona-Krise und die Klima-Krise gemeinsam betrachten und den österlichen Mut haben, mit der gleichen Kraft dem Lebens-, Produktions- und Konsumstil unserer Gesellschaften „neues Leben“ zu geben, dann können morgen und übermorgen Millionen Menschenleben und Tier- und Pflanzenpopulationen gerettet werden. Dann kündet der Frühling nicht nur von neuem Leben, sondern von einer möglich gewordenen „neuen Normalität“.

Autorin

Holztrattner © Bloderer

MMag.a Dr.in Magdalena M. Holztrattner MA, Direktorin der ksoe, Sozialethikerin, Führungskräfteentwicklerin

Links:

religion.orf.at/stories/3000995
blog.ksoe.at/bedingungsloses-grundeinkommen/
leavenoonebehind2020.org
attac.at/kampagnen/die-corona-krise-solidarisch-bewaeltigen