Karfreitag während Corona

InRi

Angst, Ohnmacht, Verzweiflung, Enttäuschung, Ratlosigkeit – Gefühle, die viele Menschen in unserer Gesellschaft, ja weltweit quälen. Die Pandemie, die durch den COVID-19 Virus ausgelöst worden ist, stellt uns weltweit vor große Herausforderungen.

Die Ratlosigkeit und Unsicherheit, wie mit dieser tödlichen Gefahr umgegangen werden kann, was nächste Schritte sein sollen und wie Menschen in ihren Gefühlen getröstet, wie wirtschaftliche und kulturelle Systeme gestützt werden können, ist auch unter ExpertInnen groß.

Heute kann man sagen, wir erleben gerade einen gesellschaftlichen Karfreitag: das wirtschaftliche, soziale und kulturelle Leben ist Vielerorts fast verstummt. Es herrscht eine oft ohnmächtige Stille, die lähmend wirkt. Und niemand weiß, wie es weitergehen kann.

Ob uns auch eine Ostererfahrung geschenkt wird?

Christinnen und Christen feiern in diesen Tagen bewusst den Karfreitag als Erinnerung daran, dass  Jesus von Nazareth ermordet wurde. Er, der Menschen geheilt, befreit, ermutigt und zu Leben und Lieben erweckt hat, war den Reichen und Mächtigen seiner Zeit durch seine Gesellschaftskritik und durch sein menschenfreundliches Gottesbild eine so bedrohliche Gefahr, dass sie ihn am Galgen des Kreuzes zu Tode gefoltert haben. Der Karfreitag – und auch der Karsamstag – wird in christlichen Traditionen rund um den Erdball bewusst gelebt als Tag der Besinnung, der Ruhe, der Stille, des Fastens. Dieser höchste Feiertag der evangelischen ChristInnen wird in allen christlichen Konfessionen als Pause begangen. Als Pause vom Leben, als Unterbrechung des Alltäglichen, als Fastentag besonders auch in Gesellschaften des Überflusses.

Es wird auch erinnert an die Jüngerinnen und Jünger dieses ermordeten Jesus von Nazareth, die voller Angst, Ohnmacht, Verzweiflung, Enttäuschung und Ratlosigkeit waren. Die sich in ihren Häusern versteckt und nicht auf die Straßen gegangen sind. Es waren Kartage – Tage der Trauer, der Unsicherheit, der Angst.

ChristInnen erleben gerade einen Karfreitag.

Auch in unserer Gesellschaft wird gerade viel Angst und Bedrohung erlebt. UnternehmerInnen vor allem kleiner und mittlerer Größe wissen nicht, wie sie durch diese Krise gehen können und ob sie – trotz dieses Kraftaktes des Sozialstaates, der Hilfen in bisher ungeahnten Milliardenhöhen zugesagt hat – nach der Corona-Krise wieder aufstehen können.

Existenzen ganzer Familien sind durch plötzliche Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit bedroht, weil sie z.T. nicht auf Erspartes zurückgreifen können, während die Lebenserhaltungskosten wie Miete, Heizung oder Lebensmittel gleich hoch geblieben sind.  Menschen, die beispielsweise wegen Armut ohnehin schon in zu kleinen, feuchten und nur schlecht geheizten Wohnungen leben, dürfen diese nun fast nicht mehr verlassen. Jenen, die sich kein Haus mit Garten in einer „guten“ Wohngegend größerer Städte leisten können, wird nun der Spielplatz und öffentliche Grünflächen gesperrt, sodass sie auf die Betonwüsten der Straßen zurückgeworfen sind.

KünstlerInnen, die schon zu oft  in sehr prekären Verhältnissen arbeiten, stehen oft gänzlich ohne Aufträge und Einkommen da. Bildungshäuser, die auch in entlegenen Gebieten für gesellschaftliche, politische und ganzheitliche Bildung Erwachsener sorgen, haben ihre Türen hinter den leer bleibenden Räumen geschlossen.

Alleinstehende, vor allem ältere und alte, sind damit konfrontiert, dass die meist ohnehin spärlich übrig gebliebenen Sozialkontakte, durch nun fast erzwungene Ausgangssperre reduziert sind auf Kommunikation mittels einer Technik, die ihnen oft fremd geblieben ist. Kranke, BewohnerInnen von Pflegeheimen etc. wurden von heute auf morgen ihrer liebgewordenen und für die psychische Gesundheit so wichtigen Besuche beraubt.

Innerfamiliäres Gewaltpotenzial, v.a. Gewalt gegen Frauen und Kinder, die auch in „normalen“ Zeiten eine Geißel unserer Gesellschaft ist, hat weniger Ausweich- und Ventilmöglichkeiten durch „normale“ physische Trennungszeiten über Beruf bzw. Schule, Sport oder Vereinstätigkeiten.

In vielen Krankenhäusern, auf den Intensivstationen, in Alten- und Pflegeheimen dieser Welt herrschen Zustände, die wir (in der Gewohnheit eines gut funktionierenden staatlichen Gesundheitssystems) nicht einmal denken, geschweige denn sehen wollen: Ohnmacht, Ratlosigkeit, Leiden und Sterben in völlig überlasteten Häusern bei völlig überbelastetem Personal.

Wer den Blick über den nationalen Gartenzaun wagt, spürt oft noch mehr an Verängstigung und Ohnmacht: auf der einen Seite wird ohne Widerstand der EU quasi eine Diktatur eingeführt. Auf der anderen Seite werden Menschen, die an den Außengrenzen oder auch auf Boden der EU gestrandet sind, in erbärmlichen Lagern, in Unterversorgung und Dreck liegen gelassen – wie menschlicher Abfall.

Wir erleben gerade einen Karfreitag.

Die einzigen, die sich scheinbar über diesen kollektiven Stillstand, über diesen gesellschaftlichen Karfreitag freuen, sind die Tiere, ist unsere Mitwelt.

Schon nach 14 Tagen zeigten Satellitenbilder deutlich, dass durch den stark reduzierten Auto- und Flugverkehr wie auch durch stillgelegte Fabrikschlote die Luft besser geworden ist. Wer zu Fuß in einer Großstadt unterwegs ist, hört nicht nur, sondern riecht auch den Unterschied: die Luft ist rein!

Aber auch hier trügt der Schein: Die Klimakatastrophe geht (fast) unvermittelt weiter. Die gefährlichen Gase, die wir v.a. über Industrie, Flug- und Individual- und Lastenverkehr, Hausbrand und industrielle Landwirtschaft auszustoßen gewohnt sind, sind nicht nur für die Umwelt, sondern auch für uns Menschen zunehmend tödlicher. Die Klimakatastrophe, die eine Folge unseres überbordenen und ausbeuterischen Lebens- und Produktionsstils ist, unserer kollektiven Habgier und unseres systematisch geförderten Konsumismus, unserer ungerechten Wirtschafts- und Finanzsysteme, wird auch mitten in der Corona-Krise spürbar: Heuer ist so wenig Regen gefallen, dass schon jetzt im April die Böden unter massiver Trockenheit leiden. Fast keine Bienen und andere Insekten fliegen herum, um die freudig blühenden Bäume zu bestäuben. Die Biodiversität in Fauna und Flora ist massiv am Sinken – nicht nur durch abgebrannte Urwälder auf allen Kontinenten, sondern auch durch zu viel Chemie auf den Feldern industriell übernutzter Landwirtschaft.

Auch in diesem Sinn leben wir in einem Karfreitag: Die Perspektiven sind entmutigend, angstmachend, die Wenigsten von uns wissen, was auf uns alle zukommt. Auch mit Blick auf unsere Mutter Erde, auf unsere Mitwelt, auf die Mitmenschen anderer Länder, Kontinente und auch späterer Generationen spüren viele Menschen Ratlosigkeit, Ohnmacht, Hoffnungslosigkeit, große Sorge und tödliche Gefahren.

Wir erleben gerade einen Karfreitag.

Ob auch uns auch Ostererfahrungen geschenkt werden?

Autorin

Holztrattner © Bloderer

MMag.a Dr.in Magdalena M. Holztrattner MA, Direktorin der ksoe, Sozialethikerin, Führungskräfteentwicklerin

 

 

Coverbild: pixabay/pszmajduch