Arbeit (nicht) für Alle?

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SDG 8: Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum

Die traurigsten Bilder von meinen Besuchen in afrikanischen Staaten, zu denen ich als Sektionschefin für Entwicklungszusammenarbeit 2005-2011 Gelegenheit hatte, sind die Erinnerungen an die zahllosen jungen Leute, vor allem junge Männer, die die Straße vom Flughafen zum jeweiligen Stadtzentrum säumten. Sie versuchten, etwas zu verkaufen – Batterien, kleine Säckchen mit Nüssen, Wasser. Sie bemühten sich zu arbeiten, in einem Umfeld, in dem es für sie keine formellen Arbeitsplätze gab; versuchten sich als Kleinst-Unternehmer, unter Rahmenbedingungen, die nicht hilfreich waren. Wieviel Kraft muss es sie gekostet haben, jeden Tag wieder aufs Neue den Weg an den Straßenrand zu machen, wieviel Talent und Begabung verdunstet da buchstäblich tagtäglich unter afrikanischer Sonne im Straßenstaub?

Arbeitslosigkeit im weltweiten Vergleich

Arbeitslosigkeit ist ein Problem, das freilich nicht nur die afrikanischen Staaten haben; nach Zählweise der ILO sind fast 200 Millionen Menschen – oder 5,5 % – weltweit arbeitslos; mit großen Schwankungen[1]: Brasilien, wo ich derzeit arbeite, etwa hat eine Arbeitslosenrate von rund 13 %, Griechenland 22 % und Spanien immer noch 17 %, Bosnien 20 %, Südafrika 28 %. Die besten Daten – mit Raten unter 4 % – finden sich für China, die Tschechische Republik, Deutschland, Hongkong, Island, Japan, Korea, Malaysia, Mexico, Singapur, die Schweiz, Taiwan und Thailand. Österreich liegt bei 5,5 %. Im nördlichen Afrika sind junge Menschen und Frauen im besonderen Maß von Arbeitslosigkeit betroffen. In arabischen Ländern rechnet die ILO mit rund 5 Millionen Arbeitslosen, wobei 30% davon Frauen sein dürften (obwohl der Frauen-Anteil am Arbeitsmarkt insgesamt nur 16 % ist). Hinter diesen Zahlen verbergen sich individuelle Schicksale und strukturelle Ungleichheiten. Die Zahlen weisen auch auf das Potential für politische Unzufriedenheit, die Entwicklung von Parallel-Gesellschaften, Korruption, Migrationsbewegungen, regionale Spannungen und Ähnliches hin.

Viele Herausforderungen

In ihrem letzten jährlichen Grundsatz-Bericht[2] äußert sich die Internationale Arbeitsorganisation ILO besorgt darüber, dass es seit 2012 nicht gelungen sei, unsichere Beschäftigungsverhältnisse zu reduzieren; in Entwicklungsländern würden drei Viertel der Menschen in derartigen Arbeitssituationen sein. Auch die Anzahl der Arbeitenden, die in extremer Armut leben, bleibe mit rund 115 Millionen Menschen konstant.

Das 8. der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (SDGs) nimmt sich vor, dauerhaftes inklusives Wirtschaftswachstum, produktive Vollbeschäftigung und menschenwürdige Arbeit für alle zu fördern. Zehn Unterziele zeigen auf, wie viel Anstrengung hier noch nötig ist – es geht um höhere wirtschaftliche Produktivität, bessere Ressourceneffizienz in Konsum und Produktion, Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Umweltzerstörung genauso wie um den Schutz von ArbeitnehmerInnen, insbesondere auch in prekären und Wander-Beschäftigungs-Verhältnissen, Beseitigung von Kinderarbeit und gleiches Entgelt für gleichwertige Arbeit.

Arbeit und Migration

Wenn Arbeit in Gesellschaften und global gesehen ungleich verteilt ist, so hat dies viele, auch länderübergreifende Auswirkungen. Der Globale Pakt für eine sichere, geordnete und reguläre Migration[3], der von der Staatengemeinschaft mit großer Mehrheit im Dezember 2018 in Marrakesch angenommen wurde, hat als eines seiner Ziele, die negativen Antriebskräfte und strukturellen Faktoren zu minimieren, die Menschen unter Druck setzen, ihr Ursprungsland zu verlassen. Im Einzelnen wird empfohlen, in die Entwicklung von Human-Kapital durch die Förderung von Unternehmertum, Bildung und technische Ausbildung, und in die Schaffung von produktiver Beschäftigung im Einklang mit der Nachfrage des Marktes zu investieren. Dies soll Jugend-Arbeitslosigkeit und die Abwanderung von Qualifikation aus Entwicklungsländern verringern und die Möglichkeiten der unterschiedlichen demographischen Entwicklungen besser nutzbar machen.

Der Ansatz der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit

In diese Richtung arbeitet auch die österreichische Entwicklungszusammenarbeit (EZA), in deren aktuellem Dreijahres-Programm für 2019 bis 2021[4] es zu „EZA und Migration“ heißt: „Die Bundesregierung bekennt sich zu einer stärkeren Hilfe vor Ort. Dies trägt zu einer Verringerung der strukturellen Ursachen von Flucht und irregulärer Migration bei. (…) EZA ist darauf ausgerichtet, den Menschen Perspektiven und Zukunftschancen zu eröffnen, indem sie vor Ort bessere politische, wirtschaftliche und soziale Verhältnisse“ mitgestaltet.

Der Umsetzungsarm der österr. EZA, die Austrian Development Agency (ADA), sieht im Privatsektor einen wichtigen Partner und Problemlöser. Die ADA verfolgt zwei Ansätze: Erstens trägt sie dazu bei, inklusive Marktsysteme und Voraussetzungen zu schaffen, damit sich der Privatsektor entwickeln kann; dabei geht es vor allem um geeignete Rahmenbedingungen, die Entwicklung von Kapazitäten und den Zugang zu Finanzierungen. In zweiter Linie ermöglicht die ADA Partnerschaften zwischen Entwicklungszusammenarbeit und Privatsektor, um das Potenzial für nachhaltige Entwicklung bestmöglich zu nützen. Dabei arbeiten ein österreichischer Unternehmer mit einem privatwirtschaftlichen Akteur eines Entwicklungslandes zusammen, um ein Unternehmen aufzuziehen, das nach Anfangsunterstützung mit EZA-Geldern selbständig und profitabel weiterbesteht.Die Kooperation mit Unternehmen bringt nicht nur privates Geld sondern auch entscheidendes Know-how in die Partnerländer. Dadurch, so ist die ADA überzeugt, wird die Effizienz des entwicklungspolitischen Engagements erhöht, und alle drei Dimensionen der Nachhaltigkeit (ökonomisch, ökologisch, sozial) werden gleichermaßen berücksichtigt.

 Ein österreichische Initiative

HOPE’87Hundreds of Original Projects for Employment – ist eine österreichische Initiative zur weltweiten Unterstützung der Jugendbeschäftigung und Jugendausbildung. HOPE’87 wurde 1987 als Antwort auf das Internationale Jugendjahr und die Empfehlungen der Generalversammlung der Vereinten Nationen (1985) gegründet und hat seither als NGO in über 20 Ländern gearbeitet. Junge Menschen werden dazu ermutigt, Initiative zu zeigen und ihre eigenen Ideen in kleinen und mittelgroßen Projekten umzusetzen und somit Ausbildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten für sich selbst und andere junge Menschen zu schaffen. HOPE’87 unterstützt und begleitet die Zielgruppe bei der Umsetzung der Projekte, insbesondere durch technische Beratung, Know-How Transfer und finanzielle Hilfestellung.

Erweiterter Arbeits- und Wirtschaftsbegriff

Wenn bezahlte Beschäftigung knapp und/oder ungleich verteilt ist, dann stellt sich auch die Frage nach dem Umgang mit unbezahlter Arbeit, insbesondere auch für Funktionen der Kinder- und Alten-Betreuung (ohne die unsere Gesellschaft zerfallen würde) und nach Formen der Mindestsicherung (diese Diskussion wird in Österreich gerade mit stark parteipolitisch-polarisierten Schwerpunktsetzung geführt). Im Weiteren kommen auch Möglichkeiten und Formen des solidarischen Wirtschaftens[5] in den Blick.

Es gibt Foren, Gruppen und Bewegungen, die Themen wie „Solidarisches Wirtschaften“, Care, Einkommen, soziale Sicherheit und Arbeit grundsätzlich(er) angehen. Das von der ksoe initiierte Netzwerk Grundeinkommen und sozialer Zusammenhalt B.I.E.N. Austria (www.grundeinkommen.at ) setzt sich etwa dafür ein, dass „das emanzipatorische Grundeinkommen universell, personenbezogen, die Existenz- und die Teilhabe sichernd und bedingungslos“ sei. Dem Netzwerk gehören Einzelpersonen aus den Bereichen Wirtschafts- und Sozial-Wissenschaften, Philosophie und Ethik, Bildung und Soziale Initiativen an. Es schafft die Möglichkeit zu Austausch und fundierter Diskussion.

Der Förderungs- und Revisionsverband gemeinwohlorientierter Genossenschaften (https://rueckenwind.coop ) möchte „mit den Ideen und Konzepten der Genossenschaft als Rechtsform des solidarischen Wirtschaftens eine Neu-Orientierung des wirtschaftlichen Handelns“ schaffen und „Zivilcourage im Sinne eines guten Lebens für alle“ stärken.

Zu den Bemühungen um ein Wirtschaften, das dem Menschen dient, gehört auch das Bestreben, der Erosion der gesetzlich gesicherten Erholungsräume durch immer weiter gehende Flexibilisierung der Arbeitszeit entgegenzutreten, wie dies seit 2001 die Allianz für den freien Sonntag Österreich und in der weiteren Folge auch die Europäische Sonntagsallianz (www.freiersonntag.at und http://www.europeansundayalliance.eu/). Der Freie Sonntag wird als wichtiges Regulativ zur gesamtmenschlichen individuellen Entwicklung, zur Erreichung einer Balance zwischen Arbeits- und Privat-Leben und als wesentlich für die Sicherung der sozialen Kohäsion gesehen.

Einen guten Überblick, auch über internationale Ansätze und Konzepte der Solidarwirtschaft mit ihren Wurzeln – nicht zuletzt auch in der Katholischen Sozialethik – , gibt das ksoe-Dossier „Solidarische Ökonomien verbinden“, das als pdf verfügbar ist und sich als weiterführende Lektüre empfiehlt. Vielleicht macht es Ihnen Mut und Lust, sich auch für solidarisches Wirtschaften zu engagieren! Das Weltsozialforum in Barcelona im Jahr 2020 wird sich ganz diesem Thema widmen.

[1]Nach IMF World Economic Outlook Database, Oktober 2018

[2] World Employment and Social Outlook: Trends 2018

[3] http://www.un.org/depts/german/migration/A.CONF.231.3.pdf)

[4] https://www.entwicklung.at/fileadmin/user_upload/Dokumente/Publikationen/3_JP/2019-2021_Dreijahresprogramm.pdf

[5] Der nächste ksoe Lehrgang Solidarisch Wirtschaften beginnt im Mai 2019

 

Autorin

Irene Giner-Reichl

Irene Giner-Reichl
seit 1982 im Höheren Auswärtigen Dienst Österreichs; 2012 – 2017 Botschafterin in Peking; derzeit Botschafterin in Brasilien; Arbeitsschwerpunkte: Nachhaltige Entwicklung und globale Fragen, Entwicklungszusammenarbeit, internationale Kooperation zu Energie und Gender; Autorin von Artikeln und Sachbüchern zu Nachhaltigkeit, Entwicklung und Spiritualität; Ausbildung und Praxis in Begleitung von Personen und Prozessen; zertifizierte Yogalehrerin.