Es ist Zeit … Sinnvoll tätig sein – ein Grundeinkommensprojekt

Regionalmarkt in Heidenreichstein © Sabine Schopf

„Es wird Zeit, etwas in Österreich mit Grundeinkommen zu probieren!“ sagt Nikolaus Dimmel von der Universität Salzburg zu mir. Darauf erzähle ich von Fritz, dem Schriftsteller, der allerdings davon nicht leben kann, also Notstandshilfeempfänger ist, derzeit in Ruhe seine Materialien für eine Lesung in der Stadtbibliothek sichtet; von Andrea, die in einer geschützten Werkstätte hilft, dort Erfahrungen sammeln und lernen will, weil sie die (ehrenamtliche) Pflege einer jungen Frau mit Behinderung übernimmt. Ich erzähle von Franz, dem Fußballfan, der nun freiwillig als Platzwart mithilft, von Martin, von Lisa und anderen.

Gemeinsam ist ihnen, dass sie im Rahmen einer Maßnahme 6 Monate ausprobieren konnten, was ihnen wirklich ein Anliegen ist. „Von Herzen gerne tätig sein“ ist ein Projekt der Betriebsseelsorge Oberes Waldviertel. Die Erfahrungen der TeilnehmerInnen sind durchaus positiv, sie haben ein besseres Lebensgefühl – trotz Arbeitslosigkeit! Aber: 6 Monate sind schnell vorbei!

Einige Zeit später sitzen wir in der Landesgeschäftsstelle des AMS NÖ. Wir verhandeln 18 Monate – und sie werden gewährt. Im Endeffekt waren es dann gar mehr als 20 Monate. 44 Frauen und Männer waren in diesem Zeitraum von der Vermittlung ausgenommen. Das heißt: Keine Wege zum AMS, keine Bewerbungen, keine Sorge um den Bezug. Uns war klar, bedingungsloses Grundeinkommen ist das nicht, aber wir dachten pragmatisch: Welche Möglichkeiten gibt es in Österreich überhaupt, wenn nicht durch das AMS?

Während wir die oben erwähnte Maßnahme weiterführten, begann nun (April 2017) das Projekt „Sinnvoll Tätig Sein“. Voraussetzung für die Teilnahme war sogenannte Langzeitarbeitslosigkeit und die Absicht, eigene Fähigkeiten erkennen, sie weiterentwickeln und mit anderen teilen. Unsere Neugier: Was verändert sich bei einzelnen Personen und was in einer Kleinstadt wie Heidenreichstein, wenn etwa 1% der Bevölkerung teilnimmt, die bisher weitgehend vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen ist. Denn, „Wer arbeitslos ist, ist draußen!“ hören wir oft. Vermittlungsabsicht gab es nicht!

Viele konnten mit der von uns gegebenen Freiheit zunächst nichts anfangen. Fritz, der Schriftsteller, war froh, denn ein Grundeinkommen hat er sich schon immer gewünscht. Für ihn hieß das, keine lästigen Kurse, sondern Konzentration auf seine „Arbeit“. Michaela, eine Alleinerzieherin, hatte nun die Ruhe, sich um ihre Kinder und den schwerkranken Nachbarn zu kümmern. Bertl, der lange in einem Burnout war, sah die einmalige Gelegenheit, sich eine Motorradwerkstätte aufzubauen. Irene fragte mehrmals, wer ihr denn jetzt eine Arbeit anschaffen wird. Es dauerte mehrere Monate bis klar war: Da will niemand etwas von mir. Keiner sagt mir, das ist gut oder schlecht, es wird nichts Bestimmtes erwartet. Ich bin auf mich selbst gestellt. Was ich tue oder nicht tue, mache ich um meiner selbst willen. Aber ich teile und tausche mich mit anderen aus.

Wundersame Dinge geschahen. Die Masken konnten fallen, Verletzlichkeit trat zu Tage und durfte sein, denn andere waren es auch. Diese Offenheit machte mit einem Mal Neues möglich. Da wurde Hilfe angeboten und in Anspruch genommen, wurden Freundschaften geschlossen, Interessensgruppen gebildet, Neue Arbeit entwickelt. Vor allem wurde auf die Situation geschaut, auf Interessen, auf die Arbeit, die ohnehin im Ablauf eines Tages geleistet wird, wie zum Beispiel Betreuungsarbeit; auf gesundheitliche Beeinträchtigungen, die bei einigen ganz schwerwiegend waren. Und es durfte auch sein, dass jemand einfach Zeit brauchte. Wir nahmen Druck, gaben Wertschätzung und Anerkennung. Ansonsten setzten wir Akzente, ohne dabei aufdringlich oder konsequent zu sein: Turnen für die Wirbelsäule, Erste-Hilfe-Kurs, Vortrag einer Psychologin, Gespräch mit der Schuldenberatung, Information über gewerbliche Tätigkeiten, industriegeschichtlicher Rundgang durch die Stadt, Kultur, Blick auf die eigene Biografie. Wer dabei sein wollte hatte Gelegenheit, die Weiterführung lag an der einzelnen Person. Hilfestellung konnte jederzeit erbeten werden.

Was bleibt?

  • Wir alle haben uns verändert, haben (Vor-)Urteile abgebaut und viel dazugelernt. Die Achtung und der Respekt vor jeder einzelnen Person ist gewachsen. Wir versuchen nicht zu bewerten.
  • Niemand liegt in der „sozialen Hängematte“. Manchmal fragen wir uns, wer sind die Leitungsträger in unserer Gesellschaft, denn „die im Schatten stehen sieht man nicht!“?
  • Neben der Gestaltung eines öffentlichen Platzes – der zuvor als Schandfleck bezeichnet werden konnte – gibt es Engagement bei gemeinnützigen Einrichtungen und Vereinen.
  • Ausbildungen wurden begonnen.
  • Neue Kontakte und Teilhabe am Leben der Gemeinde sind entstanden. Nun trifft man in der Stadt Leute, die man kennt.
  • Mehr als 25% fanden Arbeit oder schufen sich selbst einen Arbeitsplatz. Das passierte meist dadurch, dass durch die Teilnahme am Projekt neue Informationen und Beziehungen gewonnen werden konnten.
  • Eine Gruppe von TeilnehmerInnen setzt ihre Tätigkeit in politischem Sinn fort, sie wollen Lobby für Benachteiligte in der Gesellschaft sein. https://www.facebook.com/bsowv/
  • Alle legen ein vermehrtes Augenmerk auf ihre Gesundheit. Für manche ist es schon zu spät, sie sind zumeist durch die frühere Arbeit geschädigt. Aber es ist niemals zu spät für Linderung.

Als MitarbeiterInnen der Betriebsseelsorge haben wir viel Zeit investiert. Geld bekamen wir dafür nicht. Förderungen wurden seitens Bund, Land und Gemeinde stets abgelehnt. Unterstützung gab für eine zusätzliche Begleitperson das AMS, der Arbeitslosenfond der Diözese St. Pölten und eine Stiftung, von privater Seite war eine Grundfinanzierung für eine Wissenschaftliche Begleitung erfolgreich.
Aber es hat sich ausgezahlt! Wir möchten die Erfahrungen nicht missen. Und unser verlässlichster Partner, das AMS, wartet auf die Erkenntnisse, auch dort reden wir weiter.
Es ist nicht mehr so wie früher. Denn: Es ist Zeit ….

Autor

Karl Anton Immervoll
Karl A. Immervoll

Karl Anton Immervoll
Theologe, Schuhmacher und Musiker,
Betriebsseelsorger für das obere Waldviertel. Gründung zahlreicher Initiativen gegen die Arbeitslosigkeit: Waldviertler Schuhwerkstatt, Greißlerei in Heidenreichstein, Lehrlingsstiftung Eggenburg u.a., Lehrauftrag an der Lehranstalt für pastorale Berufe in Wien.