Wider den Hass

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Mittwoch, 22. März 2017. Ein Terroranschlag im Regierungsviertel von London fordert vier Menschenleben. Genau ein Jahr zuvor gab es in Brüssel zwei Anschläge, einen davon in der U-Bahnstation Maelbeek. Dazwischen Anschläge in Nizza und Berlin. Müssen wir in Zukunft mit der Gefahr leben, dass irgendwo irgendein Attentäter zuschlägt, mit einfachsten Waffen wie einem Auto in Nizza oder einem Messer, wie in London? Ob der Täter dabei im Auftrag des IS, des Islamischen Staates handelt und von einem Netzwerk unterstützt wurde, spielt keine Rolle. Der IS wird sich der Bluttat rühmen, um Unsicherheit und Angst zu schüren. Und damit auch den Hass, der sich in den sozialen Medien ausbreitet.

Anschläge wie diese sind schwer zu verhindern, weil es keine aufwendigen  oder auffälligen Vorbereitungen gibt, die rechtzeitig aufgedeckt werden könnten. Daran können auch verschärfte Sicherheitsmaßnahmen oder Beobachtung Verdächtiger durch die Sicherheitspolizei wenig ändern.

Nicht einschüchtern lassen

Was sich ändern kann ist die Einstellung der Politik, der Bürgerinnen und Bürger, jeder einzelnen Person. Am Tag nach dem Attentat in London sagte Premierministerin May in einer Parlamentssitzung:  „Wir lassen unsere Demokratie nicht zum Schweigen bringen“, und Londons Bürgermeister bekräftigte: „London wird sich nicht vom Terror einschüchtern lassen.“ Die Londoner ließen sich nicht einschüchtern und antworteten mit einer Reihe von Solidaritätskundgebungen.

So wichtig dieser Widerstand der Politik und weiter Kreise der Gesellschaft ist, nicht alle werden sich überzeugen lassen. Dort, wo ohnedies Ängste herrschen, wo Menschen mit Problemen konfrontiert sind, wo Unzufriedenheit mit der aktuellen Situation wächst, werden Sündenböcke gesucht. Es wächst das Misstrauen gegenüber einer Politik, die der Untätigkeit bezichtigt wird. Angeklagt werden nicht nur sie, sondern vor allem auch Flüchtlinge und MigrantInnen, die als Verursacher einer  Situation der Unsicherheit gesehen werden. Muslimische Flüchtlinge werden beschuldigt, mit dem Terrorismus zu sympathisieren  oder gar Verbündete der Terroristen zu sein. So entstehen aus Unsicherheit Angst und Zorn, und jener Hass, der in den Medien verbreitet wird und das soziale Klima vergiftet.

Aufbruch zum Widerstand

Terror-Angriffe fördern die Angst, sie bewirken auch den Widerstand. Es bündeln sich Kräfte, die sich einsetzen für ein gutes Zusammenleben aller, für die Demokratie, gegen den Fremdenhass und für Menschenrechte. Dazu gehören jene Menschen, die spontan zum Ort des Anschlags pilgern und dort mit Blumen der Opfer gedenken; dazu gehören Sozialverbände und auch die Kirchen, die sich zu Wort melden.

In London  haben die höchsten Kirchenvertreter spontane Gedenken und Gebetstreffen für die Opfer des Terroranschlags abgehalten.  So verkündete das „Faith-Forum“: „Wir, als Vertreter vieler Londoner Glaubensgemeinschaften, bedauern den schrecklichen Angriff, der heute im Parlament und auf der Westminster-Brücke stattgefunden hat. Alle unsere Religionen halten die Heiligkeit des menschlichen Lebens hoch. Es gibt keine Rechtfertigung für einen solchen barbarischen Angriff auf unschuldige Menschen. Terrorismus hat keinen Platz auf unseren Straßen. Wir beten für die Opfer dieses Angriffs und fordern die Londoner und unsere Nation auf, in diesen Zeiten zusammenzustehen. Wir werden unsere Bemühungen verdoppeln, für Frieden, Barmherzigkeit, Verständnis und Hoffnung zu arbeiten.“

Auch muslimische Frauen haben nach dem Anschlag in London ein Zeichen gesetzt. Die Aktion wurde von „Women’s  March“ London organisiert. Die Frauen trugen die Farbe Blau als Zeichen für Hoffnung. Sie standen auf der Brücke, dort, wo das Auto des Attentäters in die Menge gerast war. „Es ist ein Anschlag auf uns alle. Der Islam verurteilt Gewalt jeglicher Art. Das ist für uns verabscheuungswürdig“, so eine der beteiligten Frauen.

In Brüssel, wo des ein Jahr zuvor erfolgten Anschlags gedacht wurde, rief Erzbischof Jozef De Kesel dazu auf, sich für das friedliche Zusammenleben verschiedener Religionen einzusetzen und der Angst vor dem Fremden zu widerstehen. „Seien Sie standhaft gegenüber dem Terror der Angst“, sagte der Erzbischof. Der Terror bedrohe die Gesellschaft, das Zusammenleben, die Freiheit und die Werte, die die Menschen vereinten. Die Angst vor dem „anderen“ dürfe sich nicht in den Herzen einrichten.

Solidarität

Um dauerhaft wirksam zu werden, positiv in die Gesellschaft hinein zu wirken, braucht es mehr als kurzfristige Ermutigung. Angesichts zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung hat sich bereits im Herbst 2016 eine Initiative unter dem Motto „Christlich geht anders! Solidarische Antworten auf die Soziale Frage“, zusammengefunden.  VertreterInnen aller christlichen Kirchen in Österreich und zahlreicher kirchlicher Organisationen, aber auch engagierte Einzelpersonen, haben dazu eine Resolution unterschrieben. Es geht ihnen um den gesellschaftlichen Zusammenhalt, um die gleiche Würde aller Menschen, um Widerstand gegen populistische Angst- und Hassparolen.

Zu Pfingsten 2017 wird es den Startschuss für eine Unterschriftenaktion geben, und eine eigene Website der Initiative.

Einen ganz wesentlichen Beitrag für den gesellschaftlichen Zusammenhalt liefern Bewegungen und solidarische Einrichtungen, die sich auf die eine oder andere Weise für das Wohl ihrer Mitbürger einsetzen. Institutionen wie das Rote Kreuz, die Diakonie oder die Caritas tragen durch ihre Dienste und durch ihre Information dazu bei, Verständnis für die weniger Begünstigten in unserer Gesellschaft – und darüber hinaus in der Welt – zu fördern.

Frieden braucht Versöhnung

Zusammenhalt und Frieden zu stärken in einer Gesellschaft, die weithin von Ablehnung der anderen und sogar von Hass geprägt ist, braucht neben Einsicht und gutem Willen auch Wissen und Können. So bietet der Internationale Versöhnungsbund Seminare an, in denen gewaltfreies Lösen von Konflikten gelehrt wird und geübt werden kann.

Der Internationale Versöhnungsbund (IFOR – International fellowship for reconciliation) wurde vor über hundert Jahren in Frankreich gegründet und ist und war in vielen Ländern der Welt aktiv. Er tritt ein für eine Kultur des Miteinanders, der Solidarität, die Achtung der Würde jedes Menschen und der Menschenrechte. Im Dialog mit Andersdenkenden wird nach gemeinsamen Lösungen gesucht, um eine Kultur des Vertrauens aufzubauen.

Seminare zur Konfliktlösung werden in Österreich nicht nur vom Versöhnungsbund, sondern auch von einigen anderen Institutionen angeboten. Wesentliches Ziel solcher und ähnlicher Angebote ist es, die eigenen Grenzen zu erkennen und Verständnis und Offenheit gegenüber anderen Einstellungen und Lebensweisen zu erwerben, die die Grundlage bilden für gegenseitigen Respekt und gemeinsame Lösungen.

Die Betroffenen

Freunde und Verwandte der Getöteten, Partner, Eltern oder Kinder, stehen am nächsten Tag allein mit ihrer Trauer und ihrem Schmerz, und die Wunde wird noch lange nicht heilen. Wut und Hass werden bei manchen die ersten Reaktionen sein. Für andere mögen die Solidaritätskundgebungen und das Mitgefühl vieler Trost sein, weil sie sich nicht alleingelassen fühlen. Manche werden Jahre brauchen, um sich zu versöhnen und Frieden zu finden.

Manche gehen noch weiter, wie die Eltern einer jungen Frau, die bei dem Anschlag in Brüssel ihr Leben verloren hat. In einem offenen Brief wenden sie sich an den Mörder:

„Da stehen wir nun, ein Jahr danach. Wir, die direkten Opfer, Verwandte und Mitbetroffene Ihres schändlichen Tuns. Wir leben, wir bauen unser Leben wieder auf, wir sind solidarisch, und wenn wir immer noch manchmal weinen, dann tun wir das gemeinsam mit vielen Frauen und Männern von überall her. Nicht ein einziges Mal in diesem Jahr hat uns ein Gefühl von Hass gestreift. Niemals haben wir soviel Liebe erfahren wie in diesem Jahr.

Sie sind kein Held, bloß ein Mörder! Sie und all die anderen Terroristen, Sie und die gemeinsten und niederträchtigsten aller Feiglinge, die Ihnen eingeredet haben, das  Schlimmste zu vollziehen: Leben zu zerstören. Wie Ihr Bruder und all die andern von gestern und all die andern, die morgen den Auslöser des Schreckens drücken werden.

Wenn uns auch nach jedem Attentat Emotionen und Zweifel kommen, so ist es doch das Leben, das  gewinnt, immer! Das Leben in der Achtung der anderen und der Unterschiede, das Leben, das bereichert wird durch diese Verschiedenheit, ganz einfach und wesentlich, das Leben.“

Welche Ermutigung!

Autorin

Lieselotte Wohlgenannt, ksoe
L. Wohlgenannt

Lieselotte Wohlgenannt
ist freie Mitarbeiterin der ksoe im Themenfeld Soziale Gerechtigkeit

 

http://plus.lesoir.be/86897/article/2017-03-23/la-lettre-de-michel-et-brigitte-visart-khalid-el-bakraoui (gekürzt, eigene Übersetzung)

www.ksoe.at

www.versoehnungsbund.at

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