Nachhaltig Konsumieren – Verantwortung (nicht nur) von Einzelnen

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SDG 12: Verantwortungsvolle Konsum- und Produktionsmuster

Einige Wochen nach dem Beginn eines neuen Jahres ebben die guten Vorsätze – mehr Bewegung machen, weniger Kaffee trinken, sich die Zeit nicht von den elektronischen Medien stehlen lassen und was sonst noch so anfällt – zumeist ab, und alte Gewohnheiten greifen wieder Platz. Alte Gewohnheiten sind – im Lichte der UN-Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung betrachtet – allerdings nur selten gute Gewohnheiten. Unter der technischen Überschrift „nachhaltige Muster der Produktion und des Konsums“ läuft daher auch schon seit Jahrzehnten eine intensive Diskussion, wie aus den alten Gewohnheiten neue, nachhaltige Verhaltensmuster werden könnten. Diese Verhaltensänderung ist auch dringend notwendig, denn unter Fortschreibung unserer „alten Gewohnheiten“ („business as usual“) würde die Menschheit mit einer zu erwartenden Gesamt-Bevölkerung von mehr als 9 Mrd. im Jahr 2050 nach Einschätzung der Vereinten Nationen die Ressourcen von etwa drei Planeten Erde verbrauchen.

Österreich mit deutlichem Biokapazitäts-Defizit

Das Footprint Netzwerk (https://www.footprintnetwork.org/ ) kalkuliert,  dass die Erde heute für jeden Menschen Bio-Ressourcen im Ausmaß von 1,7 globalen Hektaren[1] bereithält. Pro Land werden ebenfalls Kalkulationen erstellt. Ein Land, dessen Einwohner mehr Bio-Ressourcen verbrauchen, als ihr Land bereitstellen kann,  hat ein Biokapazitäts-Defizit und lebt auf Kosten von anderen Ländern, deren Einwohner weniger Ressourcen verbrauchen und eine Biokapazitäts-Reserve haben. Spitzenreiter in der ersten Kategorie sind Länder wie Singapur, die Vereinigten Arabischen Emirate, oder Israel; besonders ausgeprägte Biokapazitäts-Reserven haben große Länder mit wenig Bevölkerung, wie z.B. Surinam, Bolivien, oder die Demokratische Republik Kongo.

SDG Nr. 12 hat drei Zielrichtungen

Das Nachhaltigkeitsziel (SDG) Nr. 12 nimmt sich vor, bis 2030

  • die Naturgüter nachhaltig zu managen und effizient zu nutzen;
  • die Verschwendung von Lebensmittel zu halbieren und die Verluste bei der Lebensmittelproduktion zu verringern; sowie die Müllmengen durch Prävention, Reduktion, Recycling und Wiederverwendung zu verringern.

Bereits bis 2020 sollen Chemikalien während ihrer gesamten Lebensdauer umweltverträglich gemanagt werden. Diese Unterziele sollen erreicht werden, indem allen Menschen die nötigen Informationen zur Verfügung stehen, Firmen nachhaltige Praktiken anwenden und die öffentliche Beschaffung nachhaltig gestaltet wird. Entwicklungsländer sollen unterstützt, nachhaltiger Tourismus gefördert und ineffiziente Subventionen für fossile Energien zum Auslaufen gebracht werden.

Wie weit ist Österreich?

Im Fortschrittsbericht der Österr. Bundesregierung zur Umsetzung der Agenda 2030 aus 2017 heißt es zu SDG 12, dass das zuständige Ministerium (damals das Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasser) dieses Ziel „durch vielfältige Tätigkeiten“ unterstützt; dabei wird besonders auf Bewusstseinsbildung gesetzt, damit die ÖsterreicherInnen verantwortliche und nachhaltige Kauf-Entscheidungen treffen können. „VerbraucherInnen müssen sich noch verstärkt ihrer Verantwortung bei der Mitbestimmung der Richtung des Fortschritts bewusst werden“, mahnt das Ministerium. Angeführt werden der Einkaufsratgeber „Bewusst kaufen“ , das Österreichische Umweltzeichen , die nachhaltige Beschaffung der öffentlichen Hand und der topprodukte.at-Service von klimaaktiv.

Kostbares Essen und Landnutzung

Österreich, wird weiters ausgeführt, verwerte seine Abfälle mehrheitlich weiter und hat relativ niedrige Deponierungsquoten. Nationale Regelungen, die über die verbindlichen EU-Vorgaben hinausgehen, hat Österreich mit Verordnungen zur Kompostherstellung, zum Altholzrecycling und zur Ersatzbrennstoffproduktion. Ein Abfallvermeidungsprogramm stellt besonders auf Baurestmassen, Abfälle in Betrieben und Haushalten, Lebensmittelabfälle und Möglichkeiten der Wiederverwertung ab. Österreichische Haushalte werfen bis zu 157 000 Tonnen an angebrochenen und original verpackten Lebensmitteln im Jahr weg, obwohl diese bei rechtzeitigem Konsum genießbar gewesen wären; der Durchschnittswert pro Person in Wien ist rund 40 kg. Die Initiative „Lebensmittel sind kostbar“  will die Lebensmittelabfälle entlang der gesamten Wertschöpfungskette – also vom Produzenten bis zum Endverbraucher – verringern. Und auch Konferenzen, Besprechungen und Feste können nachhaltig gestaltet werden; in diesem Bereich bemüht sich die seit 2008 bestehende Bund-Bundesländer-Initiative „Green Events Austria“ um Veränderung. Das Portal bündelt Informationen für Veranstalter, Produzenten und Dienstleister.

Dass in vielen Bereichen tatsächlich die Kauf-Entscheidungen einzelner einen großen Unterschied machen können, wissen wir gut und seit langem[2]. Für die Produktion eines Kilogramm Rindfleisch wird etwa 15 m2 Wasser benötigt, ein Kilogramm Getreide kann mit 1,5 m3 Wasser produziert werden. Wer statt eines kg tierischen Eiweißes etwa pflanzliches Eiweiß isst, spart somit 13.5 m3 Wasser pro verzehrtem Kilogramm.

Bebaubares Land geht Jahr für Jahr im großen Ausmaß verloren, an Städte, die sich weiter ausbreiten, an Straßen für das stetig wachsende Transport-Aufkommen, das immer noch vor allem mit PKW und LKWs bewältigt wird. Die Wüste wächst jedes Jahr um etwa 6 Millionen ha, wenn marginale Böden erschöpft sind und Versteppung Platz greift. Da landwirtschaftlich nutzbares Land nicht unbegrenzt verfügbar ist, ist es nicht unerheblich, was angebaut wird. Lässt sich noch rechtfertigen, dass rund 5 Millionen ha weltweit nach wie vor dem Tabak-Anbau gewidmet ist, obwohl die Gesundheitsgefährdung, die vom Rauchen ausgeht, wohl mittlerweile außer Frage gestellt ist. Zu rauchen oder nicht zu rauchen ist jedenfalls eine persönliche Konsum-Entscheidung. Solange freilich Konsumenten Tabak-Waren nachfragen, wird – unter den derzeit real existierenden Rahmenbedingungen – der Markt die Nachfrage bedienen.

Veränderungen auf der strukturellen Ebene

Es greift aber wohl zu kurz, wenn die Bürde der „nachhaltigen Konsum- und Produktionsweisen“ der einzelnen Bürgerin, dem einzelnen Bürger als Einzelperson aufgebürdet wird. In der Diskussion, die etwa in Deutschland um das 2016 verabschiedete Nationale Programm für Nachhaltigen Konsum geführt wurde, wurde auch ein stärkeres Eingreifen in den Markt bzw. eine bessere, nachhaltigere Regelung des Marktes durch die öffentliche Hand gefordert.[3]

Ein gutes Beispiel ist der Umgang mit Raum-Klimatisierung. Die Nachfrage nach Klima-Anlagen steigt weltweit an und verursacht hohen Energie-Verbrauch. Natürlich ist es eine persönliche Entscheidung, ob ich im Winter im T-Shirt in meiner Wohnung sitze, und im Sommer auf 18 Grad herunter-kühle, oder ob ich mich an die wechselnde Außentemperatur auch im Inneren etwas anpasse. Die Möglichkeiten von klima-angepassten Bauweisen (für die es in allen Regionen historische Traditionen gibt und die in den jeweiligen Bau-Vorschriften mit verbindlichen Mindeststandards eingefordert werden könnten) und von klima-gerechten Arbeitszeiten und Bekleidungsformen können allerdings nur schwer von einzelnen BürgerInnen realisiert werden. Da bedarf es übergreifender Regelwerke und auch der Bereitstellung von entsprechender Infrastruktur. Städte können eine gute Verwaltungs-Ebene dafür sein, gerade wenn es um, Bauen, Heizen, Kühlen und Verkehr geht.

In meinen Jahren als österr. Botschafterin in Peking, das im Sommer sehr heiß und schwül ist, kamen die chinesischen Beamten in den Sommermonaten stets in kurzärmeligen weissen Baumwoll-Hemden zu offiziellen Treffen; und mit gutem Grund: in öffentlichen Ämtern darf in China nicht unter 26 Grad Celsius heruntergekühlt werden (was immer noch als Wohltat empfunden wird, wenn es im Freien 37 Grad und hohe Luftfeuchtigkeit hat). Mit Gänsehaut erinnere ich mich dagegen an eine internationale Konferenz in einem Strandhotel einer amerikanischen Kette auf den Bahamas, die in einem eisgekühlten, fensterlosen Raum stattfand, während draußen linde Winde über ein türkisfarbenes warmes Meer fächelten.

Für eine sozial-ökologische Transformation und globale Gerechtigkeit

Nachhaltiger Konsum kann meiner Meinung nach nicht abgekoppelt werden von der Frage nach gesamt-gesellschaftlicher sozial-ökologischer Transformation[4] und von der Frage nach globaler Gerechtigkeit. Wenn wir über unsere ökologischen Verhältnisse leben, dann beschneiden wir letztlich die Entwicklungspotentiale von Kindern, Frauen und Männern in anderen Regionen der Welt.

Die Fastenzeit, die vor der Tür steht, könnte eine Gelegenheit sein, die individuellen Neujahres-Vorsätze wiederzubeleben. Und hoffentlich auch, vielleicht im Austausch mit Gleichgesinnten, verantwortlichen Konsum in einen größeren Zusammenhang zu stellen und beschleunigte gesellschaftliche Veränderung hin zu größerer Nachhaltigkeit einzufordern.

[1] Das “globale Hektar” ist eine Maßeinheit, um den ökologischen Fußabdruck von Aktivitäten und Gruppen und die Biokapazität der Erde bzw. einzelner Regionen auszudrücken und vergleichbar zu Machen. Zur Berechnung der insgesamt verfügbaren „globalen Hektare“ wird von der durchschnittlichen Produktivität aller landwirtschaftlich genützten Biosysteme (Ernteland, Wälder, Fischerei-Zonen) ausgegangen, nicht inkludiert sind Wüsten, Gletscher und das offene Meer.

[2] Vgl. Irene Freudenschuss-Reichl, Zukunftsfähig leben. Spiritualität und Nachhaltigkeit, KSOe 2005.

[3] Verzichten können andere, Süddeutsche Zeitung, 16.3.2017.

[4] Siehe 3. Symposium „Konsum neu denken“ 2017, Alplen-Adria-Universität Klagenfurt, September 2017, https://conference.aau.at/event/124/ , u.a. das Paper von Karl-Michael Brunner, WU Wien https://conference.aau.at/event/124/material/46/0.pdf  

Autorin

Irene Giner-Reichl

Irene Giner-Reichl
seit 1982 im Höheren Auswärtigen Dienst Österreichs; 2012 – 2017 Botschafterin in Peking; derzeit Botschafterin in Brasilien; Arbeitsschwerpunkte: Nachhaltige Entwicklung und globale Fragen, Entwicklungszusammenarbeit, internationale Kooperation zu Energie und Gender; Autorin von Artikeln und Sachbüchern zu Nachhaltigkeit, Entwicklung und Spiritualität; Ausbildung und Praxis in Begleitung von Personen und Prozessen; zertifizierte Yogalehrerin.