Für eine Kirche aus den Katakomben

Catacombe_luce©catacombedomitilla_it

Was uns der Katakombenpakt von 1965 und von 2019 inmitten der Corona-Pandemie zu sagen haben

Die Überraschung war groß, als am Rande der Amazonassynode am 20. Oktober 2019 ein Katakombenpakt in den Domitilla-Katakomben in Rom geschlossen wurde. Mehr als 40 Bischöfe und zwei Kardinäle aus dem Amazonasgebiet, aber auch Priester, Ordensfrauen und -männer sowie Laien unterzeichneten in der Katakombe den Pakt. Die Hauptanliegen sind der Schutz des Amazonas und seiner BewohnerInnen, eine respektvolle Verkündigung des Evangeliums und die Umkehr zu einem einfachen Lebensstil. Die Katakomben als Ort wurden dafür natürlich nicht zufällig gewählt: Sie erinnern an die verfolgte Urkirche, die sich dort im Untergrund versammelte, an deren MärtyrerInnen und damit an ein Christentum, das noch kein Bündnis mit einer imperialen Macht eingegangen war war.
Dieser Katakombenpakt reformuliert das Bekenntnis zur Option für die Armen und zum Engagement für eine „integrale Ökologie“, wie sie von Papst Franziskus in Laudato si vorgestellt wird, eine Ökologie also, der es gleichermaßen um die Überwindung der Ausbeutung der Natur wie der Menschen geht.

Die Corona-Krise legt die Verhältnisse offen

Hier in Europa inmitten der gegenwärtigen weltweiten Corona-Krise stellt sich natürlich mit neuer Dringlichkeit die Frage, ob und was uns dieser Pakt eigentlich zu sagen hat. Man könnte vielleicht sagen, dass es dem Pakt in erster Linie um eine Umkehr der gegenwärtigen Kirche geht. Das hier gezeichnete Verständnis von Evangelisierung,, macht deutlich, dass es um eine Praxis in der Welt geht, die für grundsätzlich andere Verhältnisse eintritt: Eine Notwendigkeit solcher anderer Verhältnisse erleben wir gerade mit besonderer Brisanz. Die Corona-Krise hat vielen von uns deutlich gemacht, was wir im Grunde lange wissen, aber nicht wahrhaben wollen: Umkehr ist nötig wenn statt internationaler Bemühungen um globale Solidarität, Konkurrenz der Nationen untereinander herrscht, wenn nicht alle Leben gleichermaßen schützenswert erscheinen. Gerade die Situation der Geflüchteten an den EU-Außengrenzen macht uns das dramatisch deutlich. Sichtbar wird es jedoch auch an einem kollabierten Gesundheitssystem wie in Italien oder Spanien, weil es durch die diesen Ländern von der EU aufgezwungene Austeritätsprogramme kaputtgespart wurde. Dies alles macht die Dringlichkeit der Umkehr deutlich, denn „bedroht durch die Gewalt eines ausbeuterischen und konsumorientierten Wirtschaftssystems“ ist nicht nur der Amazonas, wie es in der Einleitung des Textes heißt, sondern die ganze Welt.
Das festzustellen ist ein notwendiger erster Schritt, aber bei weitem noch nicht ausreichend. Es geht auch um die Bereitschaft zur Parteilichkeit und damit zur Positionierung und eigenem Handeln. Vor allem die letzte Selbstverpflichtung bringt die parteiliche Stoßrichtung dieses visionären Paktes auf den Punkt: „Wir stellen uns an die Seite derjenigen, die verfolgt werden aufgrund ihres prophetisches Handelns im Rahmen von Anklagen und Wiedergutmachung von Ungerechtigkeiten, ihres Einsatz zur Verteidigung von Land und der Rechte der Kleinen, ihre Aufnahme von und Unterstützung gegenüber Migranten und Flüchtlingen.“

Parteilichkeit mit langer Wirkungsgeschichte

Der Katakombenpakt von 2019 steht dabei nicht einfach für sich allein: er positioniert sich in einer Geschite. 1965 hatte eine Gruppe von Bischöfen während des II. Vatikanischen Konzils bereits einen ersten Katakombenpakt geschlossen. Das war einer der Gründungsmomente der Befreiungstheologie und eine Art Gründungsurkunde für eine andere Kirche, eine Kirche an der Seite der Armen und engagiert im Kampf um eine Änderung der Verhältnisse. Im Katakombenpakt von 1965 brachen zunächst 40, später dann 500 Bischöfe mit dem bis dahin herrschenden Kirchenmodell einer Kirche, die bis dahin vor allem eine Wächterin über die Ordnung an der Seite der Herrschenden war.
Dieser Katakombenpakt hat nach 1965 eine enorme Wirkungsgeschichte entfaltet – auch wenn er nur wenig explizit rezipiert wurde: Inspiriert durch die Idee und Praxis einer Kirche, die das Bündnis mit den Mächtigen aufkündigt, die die jesuanische Nachfolge durch ihren Lebensstil und ihr Engagement glaubwürdig macht, die die Welt aus der Perspektive der Armegemachten und an den Rand gedrängten zu sehen versucht, haben ChristInnen angefangen sich an der Seite von Gewerkschaften, linken Parteien, sozialen Bewegungen für die Befreiung der Menschen aus ungerechten Verhältnissen zu engagieren. Es ging nun einem nicht unwesentlichen Teil der lateinamerikanischen Kirche um eine befreiende Praxis, die bereit war, die herrschenden Verhältnisse radikal, also von der Wurzel her in Frage zu stellen und die Konfrontation mit den Interessen der Mächtigen dabei nicht scheute. Daran erinnert auch der zweite Katakombenpakt: „Wir erinnern uns auch mit Verehrung an alle Märtyrer, die Mitglieder der kirchlichen Basisgemeinden, der volksnahen Pastoralorganisationen und Bewegungen waren; an indigene Führungskräfte, Missionarinnen und Missionare, Laiinnen und Laien, Priester und Bischöfe, die ihr Blut aufgrund der Option für die Armen vergossen haben, um das Leben zu verteidigen, und für den Schutz unseres gemeinsamen Hauses zu kämpfen.“

Selbstverpflichtung, den Mächtigen die Stirn zu bieten

Heute knüpft an diese Tradition einer Kirche im Kampf um Gerechtigkeit etwa Papst Franziskus mit den von ihm ins Leben gerufenen Welttreffen der Sozialen Bewegungen an. Damit hat Franziskus die Wichtigkeit einer Veränderung „von unten“ deutlich gemacht – angesichts der herrschenden Verhältnisse des „terroristischen System des Geldes“ und der „Globalisierung der Gleichgültigkeit“. Den Sozialen Bewegungen hat er zugesprochen, dass sie der Motor eines erlösenden Wandels sind. „Manchmal denke ich,“ so Franziskus, „dass ihr tut, was Jesus tat … weil ihr die verdorrten Hände des herrschenden sozio-ökonomischen Systems … zu heilen versucht, wenn auch nur ein wenig, wenn auch nur vorübergehend. Kein Wunder, dass auch ihr manchmal unter Beobachtung steht und verfolgt werdet. Und es wundert mich auch nicht, dass die Arroganten keinerlei Interesse an dem haben, was ihr zu sagen habt.“ (Papst Franziskus, Rede auf dem dritten Welttreffen der Sozialen Bewegungen, 2016)
Hinter diese Anerkennung der Sozialen Bewegungen und eines damit verbundenen Umkehrprozesses kann eine Kirche der Armen also nicht mehr zurück, wenn sie sich ihren Dienst an der Welt als mit den Armen und Ausgegrenzten parteilich versteht. Wie für den Katakombenpakt von 1965 gilt auch für den von 2019: Seine Bedeutung wird sich an seiner Wirkungsgeschichte zeigen: Hoffen wir, dass auch er dazu verhelfen wird, Prozesse kirchlicher Umkehr anzuregen, die Verhältnisse offenzulegen und zum verändernden Engagement zu ermutigen. Dann könnte er zum Gründungsdokument einer Kirche werden, die klar Position bezieht in der Klimakrise, in der zerstörerischen Realität des Kapitalismus für dessen Überwindung eintritt, sich für MigrantInnen stark macht, die Freiheit und Gleichheit aller fördert und die in diesen Kämpfen engagierten Protestbewegungen kreativ unterstützt.

Gerade in der derzeitigen Coronakrise, die global die herrschenden Verhältnisse zuspitzt, aber auch offenlegt und damit die Ungleichheits- und Unterdrückungsstrukturen offenbart, müssen wir ChristInnen vielleicht wieder lernen, gemeinsam eine Kirche im Geist des Katakombenpaktes zu organisieren. Eine Kirche also, die nicht zuerst auf ihr Ansehen bei den EntscheidungsträgerInnen in Politik und Wirtschaft zielt, sondern die nach solidarischen Formen der Organisation von unten sucht und bereit ist zu Protest und Widerspruch, auch und gerade dort, wo was sie zu verkünden hat, unbequem ist, Konflikte provoziert und klare Positionierungen erfordert. Nicht nur die Corona-Krise sondern auch die etwas aus dem Blick geratene Klimakrise erfordern von uns als ChristInnen auch Entscheidungen: Geht es uns vor allem, darum den Wohlstand der europäischen Mittelschichten zu bewahren oder darum die globale Ungleichheit, die der neoliberale Kapitalismus hervorbringt, zu überwinden? Dazu braucht es eine klare Analyse der globalen Zusammenhänge und eine Praxis, die mit dem bestehenden gewaltförmigen Normalzustand bricht: Wir können nach Corona nicht einfach zur Normalität zurückkehren, denn gerade diese Normalität bedeutet bereits für viele Menschen eine Katastrophe. Der zweite Katakombenpakt von 2019 kann uns Orientierungspunkte für unser Engagement an die Hand geben: Treten wir als ChristInnen kollektiv entschieden ein für eine Zukunft dieser Erde, in den Klimaprotesten (Selbstverpflichtungen 1-3), für die Gleichheit aller Menschen und ihrer grundlegenden Rechte (Selbstverpflichtungen 4-8), organisieren wir uns auf eine Weise, die der Einsatz für das Reich Gottes erfordert (Selbstverpflichtungen 9-13) und treffen wir eine klare Option für die Armen (Selbstverpflichtungen 14-15). Denn die Welt kann eine Kirche aus dem Geist der Katakomben dringend gebrauchen.

Literaturhinweise

Weiterführende Literatur:

Autor

Benedikt Kern
kath. Theologe und Mitarbeiter am Institut für Theologie und Politik (ITP) in Münster. Mit anderen (reform-)kirchlichen Gruppen organisierte das ITP eine internationale Versammlung zum 50. Jubiläum des Katakombenpaktes 2015 in Rom, um an den Aufbruch durch die nachkonziliare Befreiungstheologie zu erinnern und heutige globale Herausforderungen für die Theologie einer Kirche der Armen und der politischen Praxis zu diskutieren und hierfür Strategien zu entwickeln.