Wirtschaft anders denken

Lesetipp Alternatives Wirtschaften

Kapitalismus – Kultur und Kritik, so das Thema der aktuellen Ausgabe der Theologisch-praktischen Quartalschrift unter der Leitung der neuen Chefredakteurin, der Kirchenhistorikerin Ines Weber.

Kapitalismus prägt die Weltwirtschaft, Geld regiert die Welt. Kapital wird in  Geld ausgedrückt: ein Haus, ein Wirtschaftsbetrieb, ein Großkonzern ist eine bestimmte Summe wert, kann gekauft und  verkauft – oder in Form von Aktien an der Börse gehandelt werden. Dieser Zusammenhang prägt die kapitalistische Wirtschaftsweise, die unser Leben und weithin das Leben unserer Welt bestimmt.

Die mit dieser Wirtschaftsweise einhergehenden Probleme, die Schäden für Mensch und Natur für weite Teile der Welt, durch die unser Wohlstand bezahlt wird, zeigen sich immer deutlicher. Daher die Suche nach anderen Formen des Wirtschaftens, in denen nicht Gewinn und Geld im Mittelpunkt stehen, sondern die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse und ein respektvoller Umgang mit der Natur.

Ethik und Politik

Christian Spieß, Vorstand des Instituts für Christliche Sozialwissenschaften Johannes Schasching SJ an der Katholischen Privat-Universität Linz, geht im einführenden Beitrag dem Zusammenspiel von  Ethik, Politik und Wirtschaft nach. Vorstellungen von Lebensqualität und gutem Leben prägen seit jeher die konkrete Art des Wirtschaftens. Eine gerechte Wirtschaftsordnung ist „Thema eines sittlichen Gestaltungsauftrags.“ Dieser Auftrag richtet sich an alle gesellschaftlichen Kräfte. Die Aufgabe weltanschaulicher Akteure wie der Kirchen ist es, ethische Orientierungen zu entwickeln, „damit das ökonomische System als Wirtschaftskultur gestaltet werden kann.“

Macht des Geldes

Ein Leben ohne Geld ist in unserer Gesellschaft unvorstellbar. Alois Halbmayr, Professor für Dogmatik an der Universität Salzburg, stellt sich in seinem Beitrag „Geld – ein Gott der Gegenwart“ der Herausforderung der Allmacht des Geldes. Geld ist zur Befriedigung unserer alltäglichen Bedürfnisse ebenso wichtig, wie Grundlage einer funktionierenden Gesellschaft: ohne Geld keine Schulen, keine Krankenversorgung, keine staatliche Infrastruktur, die durch Umverteilung über Steuern finanziert wird. Geld ist mächtig, auch dort wo es eigentlich gar nicht vorhanden ist. Mit privaten Schulden wie auch in der Verschuldung von Staaten werden Anleihen auf eine unbestimmte Zukunft gemacht.

Geld ist Macht, wer Geld hat kann sich alles leisten und vieles bewirken, Hilfe wie  Waffen zur Verfügung stellen. Oder eine Finanzkrise auslösen, mit schweren Verlusten, bis hin zu politischen Unruhen. Und doch ist Geld weder ein Zaubermittel, noch ein moderner Gott. So mündet der Beitrag Halbmayrs in der Kritik des Geldes, die als „Götzenkritik“ gesehen werden kann, wobei sich die theologische Anfrage auch an die Kirchen und Religionsgemeinschaften selbst richtet. Theologie und Kirche könnten an ihre Traditionen anschließen, etwa durch die praktische Erprobung alternativer Lebensstile.

Es geht auch anders

Kritik der kapitalistischen Wirtschaftsweise führt zur Frage, wie eine andere Form des Wirtschaftens aussehen könnte. Markus Blümel, Politischer Erwachsenenbildner, Solidarökonom, Mitarbeiter der ksoe, widmet sich unter dem Titel „Solidarische Ökonomie(n)“ dem Thema neuer Formen des Wirtschaftens, die zunehmend Interesse finden. So gab es in den Jahren 2015 und 2017 Kongresse zum Thema „gutes Leben“ an der Universität Wien, oder bereits 2014 einen „De-growth“-Kongress in Leipzig.

Mit dem Begriff „Solidarische Ökonomie“ ist kein einheitliches Modell alternativen Wirtschaftens zu verstehen. Vielmehr geht es um eine Vielzahl unterschiedlicher Initiativen und Organisationen in den unterschiedlichsten Lebensbereichen. Das können soziale Initiativen für Erwerbslose sein, wie etwa im Waldviertel durch die Initiative von Karl Immervoll. Personen mit kirchlichem Hintergrund engagieren sich heute nicht nur karitativ, sondern auch bei konkreten ökonomischen Alternativen mit sozialer Zielsetzung. Solidarische Ökonomie setzt dem traditionellen Verständnis von Marktwirtschaft, wo es letztlich um die Erzielung von Gewinn geht, eine Alternative entgegen, die  ein gutes Leben für alle zum Ziel hat.

Der Beitrag widmet sich nicht nur der vielseitigen Praxis solidarischen Wirtschaftens, er geht auch der Herkunft und Entwicklung des Begriffs nach. Erfahrungen in Lateinamerika, insbesondere in Brasilien, führten in den 1980er Jahren mit Hilfe der Caritas zur Gründung von Kooperativen zur Selbsthilfe. Aber auch konkrete Beispiele solidarischer Initiativen aus Österreich zeigen die vielfältigen Möglichkeiten solidarischer Ökonomie.

Sozial und Ökologisch

Ausgehend von der Enzyklika Laudato si‘ widmet sich Klaus Vellguth Erfahrungen in Asien, zum Beispiel der Arbeit mit Bevölkerungsgruppen im Nordosten Indiens, die einen besonders ausgeprägten Sinn für die Natur besitzen. Weitere Beispiele asiatischer Pastoralinstitute zeigen, wie auch in Asien Wege gesucht werden, Ökonomie, Ökologie und soziale Entwicklung in Einklang zu bringen, in Zusammenarbeit mit den Menschen und der asiatischen Kultur.

Steuereintreiber und Geldverleiher

Michael Ernst, Leiter der Abteilung für Neutestamentliche Zeitgeschichte  an der Universität Salzburg,  widmet sich in seinem Beitrag einer Spurensuche anhand neutestamentlicher Texte im sozialgeschichtlichen Zusammenhang. Steuern und Abgaben spielten schon damals eine wichtige Rolle. In den Gleichnissen Jesu gibt es Reiche und Arme, Gutsbesitzer und Steuereintreiber, Geldverleiher und Taglöhner. Eine breite Diskussion des Gleichnisses von den anvertrauten Talenten (Mt.24,14 – 30) gibt einen gewissen Einblick in das Wirtschaftsverständnis der damaligen Zeit und erklärt die unterschiedlichen Interpretationen des Reichtums in der Rezeptionsgeschichte.

Einen völlig anderen Aspekt des Themas „Kapitalismus“ beleuchtet David Bebnowski, geb. 1984, Sozialwissenschaftler in Berlin, wo er am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam promovierte. Er arbeitet zu Themen wie Populismus, Neue Linke, oder Generation Praktikum. In seinem Beitrag „Verzicht durch Selbstverwirklichung“ befasst er sich mit den Reaktionen der jungen Generation, im Neuen Geist des Kapitalismus, angesichts der damit verbundenen gesellschaftlichen Herausforderungen. Symbolischer Konsum und prekäre Beschäftigung können Elemente der Selbstverwirklichung sein: das “Arrangement mit der prekären finanziellen Lage“, „der Verzicht wird … einigermaßen paradox zum Ausweis moralischer Überlegenheit.“

 

Im zweiten Teil des Heftes findet sich ein Beitrag von Michal Kaplánek SDB zur Kirche in Tschechien, und eine Überlegung der Chefredakteurin Ines Weber zum Bildungspotential der Kirchengeschichte. Wolfgang Palaver widmet dem Buch von Ansgar Kreutzer zur politischen Theologie von heute eine ausführliche Besprechung. Eine Reihe weiterer Rezensionen neuer Publikationen runden das Heft ab.

Zusammenfassend: eine vielseitige interessante Lektüre, nicht nur für theologisch Interessierte, mit einem aktuellen Schwerpunkt und vielen Anregungen.

Theologisch-praktische Quartalschrift 1/2018
Kapitalismus – Kultur und Kritik
Verlag Friedrich Pustet

Autorin

Lieselotte Wohlgenannt, ksoe
L. Wohlgenannt, ksoe

Lieselotte Wohlgenannt
freie Mitarbeiterin der ksoe, Schwerpunkte: Sozialpolitik, Grundeinkommen