Übung von Achtsamkeit

Wolken über Landschaft

„Eigentlich bin ich ganz anders, ich komm nur so selten dazu“, lässt Ödön von Horvath eine seiner Figuren sagen. Wenn ich diesen Satz in einer Achtsamkeitsgruppe zitiere, lächeln die allermeisten zustimmend. Denn fast jede und jeden beschleicht irgendwann mehr oder minder deutlich das Gefühl, dass „dies nicht alles sein kann“, dass es verborgene Quellen von Freude und Kraft gibt, die es zu finden gilt. Diese Sehnsucht nach Leben, nach einem tieferem Lebendig-sein ist der meist unausgesprochene Impuls für Menschen, sich für „Achtsamkeit“ zu interessieren.

Die Suche nach Energie und nach Kraftquellen gehört zu den charakteristischen Strukturen der Industrie- und Informationsgesellschaft. Und nicht nur Gerätschaften aller Art brauchen Energie, sondern auch die Menschen, die sie bedienen und organisieren. Die Aufmerksamkeit, die der alltägliche Arbeitsalltag abverlangt, macht müde. Entscheidungen müssen getroffen, Formulierungen gefunden, Berechnungen angestellt, Handgriffe wiederholt werden. Die Aufmerksamkeitsleistung endet nicht mit dem Ende des Arbeitstages: im Verkehr genauso wie als Konsument von Waren und Werbung wird Aufmerksamkeit abverlangt – aktiv, wie etwa beim Überqueren einer Straße oder passiv wie z.B. beim Fernsehen oder durch Werbung. Unsere Aufmerksamkeit ist ein wichtiger ökonomischer Faktor – weswegen Georg Frank von einer Ökonomie der Aufmerksamkeit spricht.

Stahl bricht, wenn er Stress ausgesetzt ist, d.h. wenn das Stück zu lange und zu sehr belastet wird. Im Zweiten Weltkrieg übertrugen angelsächsische Militärmediziner und -psychiater den Begriff aus der Mechanik auf die außerordentlichen Belastungen der Soldaten im Gefecht und die daraus resultierenden physischen und psychischen Probleme.  Ab den 1970er Jahren wurde psychosozialer Stress dann ein öffentliches Thema. Heute gilt Stress als Krankmacher Nummer Eins im Arbeitsalltag. Stress ist kräftezehrend, deswegen sind Kraftquellen gesucht, um der Zermürbung durch den Alltagsdruck etwas entgegenzusetzen.

Dabei ist Stress physiologisch gesehen lebenswichtig. Die sogenannte „Stress-Reaktion“ sorgt bei Mensch und Tier dafür, dass bei Gefahr oder in der Krise das „lebendige System“ umgehend aktiviert wird. Menschen können Stress auch als eine Form erhöhter Lebendigkeit erfahren, etwa wenn es darum geht, neue Lösungen zu finden. Manchmal spricht man dann von Eu-Stress, vom „guten Stress“. Problematisch wird es, wenn Belastungssituationen aus äußeren oder inneren Gründen dauerhaft bestehen und man oder frau keine Möglichkeit zur produktiven Bewältigung sieht, sondern zu äußeren Stimuli (Pharmaka, Drogen aller Art, Arbeit usw.) Zuflucht sucht. Dann beginnt der „systemeigene“ Regelungsprozess zu entgleisen, und es kommt zu physischen und psychischen Schwierigkeiten.

Achtsamkeit, genauer gesagt, die Übung von Achtsamkeit kann in solchen Situationen sehr hilfreich sein. Dies ist für die von Jon Kabat Zinn entwickelte MBSR-Methode (Mindfulness Based Stress Reduction, achtsamkeitsbasierte Stressreduktion) [i] durch die Forschung gut belegt.

Immer wieder wird vermutet, dass es sich bei „Achtsamkeit“ um eine Form der Entspannung handelt – um dann erstaunt festzustellen, dass es noch mehr Möglichkeiten als Anspannung und Entspannung gibt.

Ein wichtiger Schritt ist, den Unterschied zwischen Achtsamkeit und Aufmerksamkeit wahrzunehmen. Aufmerksamkeit ist fokussiert, fast immer auf Äußeres gerichtet und meist in irgendeiner Form auf ein Ziel oder einen „Soll-Wert“ ausgerichtet. Achtsamkeit dagegen wird als offen, neugierig-liebevoll, zugewandt und vor allem ohne Beurteilung beschrieben. Es ist eine Haltung, die auch das Innere mit einbezieht, die Körperempfindungen, Gefühle und Gedanken, die im Augenblick gerade auftreten. Schon das bloße Wahrnehmen und Anerkennen von Situationen kann heilsam wirken – das scheint auf den ersten Blick paradox. Doch kommt dieses achtsame Wahrnehmen aus einem Moment der Freiheit, und es vergrößert den Freiraum.  Denn wenn es gelingt, die Komplexität der eigenen Gefühle, Empfindungen und Gedanken wahrzunehmen, kann man oder frau in einer schwierigen Situation nicht automatisch („Auto-Pilot“, „business as usual“) reagieren, sondern so, wie es angemessen ist.

Dieses Moment der Freiheit, das sich durch die Übung der Achtsamkeit vertiefen kann, ist die Quelle tiefer Lebendigkeit. Dass sich die Veränderungen durch die Achtsamkeitsübung auch in der Struktur des Gehirns niederschlagen (Hölzl u.a.2013, 2016), ist selbstverständlich. Denn wir können nicht leben ohne Körper.

[i] Kabat Zinn, J., Gesund durch Meditation, München 2013 u.ö.

Autorin

U. Baatz
Ursula Baatz

Ursula Baatz (Wien),
langjährige Ö1- Redakteurin (Wissenschaft und Religion), Philosophin, Achtsamkeitslehrerin www.ursula.baatz.at