Sozial-ökologische Transformation

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Der weltweit steigende Ressourcenverbrauch trägt zur Intensivierung sozial-ökologischer Konflikte bei und vertieft soziale Ungleichheiten. Eine Transformation wird daher von verschiedenen gesellschaftlichen Akteuren eingefordert. Wo verlaufen jedoch die Grenzen ihrer Gestaltbarkeit? Und wie und von wem kann eine sozial-ökologische Transformation vorangetrieben werden?

Ein sich verschärfender Klimawandel, steigende – auch zwischen den Geschlechtern – soziale Ungleichheit und zunehmende Verteilungskonflikte im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise sind Ausdruck der Vielfachkrise. Dass eine Transformation notwendig ist, wird daher zunehmend von Seiten der Politik wie auch der Wissenschaft proklamiert. Dabei steht in Anbetracht der weltweit herrschenden sozial-ökologischen Schieflage ein bewusst normativ gewählter Zugang im Zentrum. Ziel ist es, eine radikale, tiefgreifende Transformation aktiv zu gestalten, ohne dabei in lähmende Katastrophenszenarien zu verfallen. Die Vorstellungen, wie eine solche Transformation vonstatten gehen soll, welche AkteurInnen maßgeblich den Gestaltungsprozess vorantreiben können und worin die Barrieren von Transformation bestehen, verlaufen jedoch äußerst unterschiedlich.

Im deutschsprachigen Raum ist der Begriff der Transformation durch den Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) in Deutschland bekannt geworden. Dieser spricht in Anlehnung an Karl Polanyi, der in seinem Buch „The Great Transformation“ die Industrialisierung Englands im 19. und 20. Jahrhundert und die damit einhergehenden gesellschaftlichen Veränderungen analysiert, von einer „großen Transformation“. Diese soll eingeleitet werden, um einen sozial-ökologischen Wandel mittels Gesellschaftsverträgen voranzutreiben.

Die Notwendigkeit einer Krisenanalyse

Um jedoch eine sozial-ökologische Transformation gestalten zu können, ist es von Bedeutung, die kapitalistischen Krisendynamiken und die damit verbundenen Macht- und Herrschaftsverhältnisse zu verstehen. Denn ohne deren Analyse bleibt es bei einem Festhalten am kapitalistischen Wachstum und der damit einhergehenden Logik der Profitmaximierung. Dieses führt, dem Credo der Wettbewerbsfähigkeit folgend, zu einem „weiter wie bisher“ bzw. zu einer Verschärfung der aktuellen Vielfachkrise. Dazu gehört auch die Analyse der institutionellen Strukturen.

Die Bedingung einer Krisenanalyse besteht nicht zuletzt in der Dringlichkeit, den Verbrauch natürlicher Ressourcen einzuschränken. KlimaforscherInnen wie Will Steffen und KollegInnen zeigen mit dem Begriff der „great acceleration“, der „großen Beschleunigung“, dass seit den 1950ern der Ressourcenverbrauch steil nach oben stieg. Dieser materiell-stoffliche Verbrauch hat Klima- und Umweltprobleme zugespitzt und Fragen von Verteilungsgerechtigkeit intensiviert. Er geht einher mit der Verbreitung des westlichen Wohlstandsmodells, das in immer größerem Ausmaß als attraktive Lebensweise durch die besitzende Klasse der Schwellenländer übernommen wird. Die damit verbundene Externalisierung der Kosten auf Mensch und Natur anderorts wird von den Politikwissenschaftlern Ulrich Brand und Markus Wissen als „imperiale Lebensweise“ bezeichnet.

Die bereits spürbaren Auswirkungen des Klimawandels zeigen, dass ein Umstieg von fossilen Energieträgern auf erneuerbare Energien notwendig ist. Aktuelle dominante Lösungsvorschläge folgen jedoch einem technologisch modernisierungstheoretischen Paradigma und stellen eine „Green Economy“ in den Vordergrund. Vermeintlich grüne Lösungen bspw. in Mobilitätsfragen, wie der Umstieg auf Agrartreibstoffe oder Elektromobilität, verstärken die Externalisierung der Kosten und äußern sich in Land Grabbing, Konflikten im Bergbau beim Abbau seltener Erden und sogenannter Konfliktmineralien.
Wie kann jedoch ein Systemwechsel, weg vom fossilen Kapitalismus, gelingen?

Utopien

Utopien sind ein zentrales Element für eine sozial-ökologische Transformation. Wie der Wirtschaftswissenschaftler Andreas Novy in seinen „fünf Thesen, wie wir zum guten Leben für alle kommen“ schreibt, wurden Errungenschaften wie die Menschenrechte zunächst als utopisch eingestuft. Utopien sind jedoch wichtig, um Leitgedanken artikulieren und verfolgen zu können.

Alltagserfahrungen und Konflikte

Soziale Bewegungen für Umwelt- und Klimagerechtigkeit oder Ernährungssouveränität setzen sich für eine demokratische Veränderung der herrschenden Verhältnisse ein. Sie treten, ebenso wie die Postwachstums- oder Degrowthbewegung, für sozial-ökologische Gerechtigkeit sowie solidarische und nachhaltige Produktions- und Lebensweisen ein. Dabei geht es darum, wie das „Gutes Leben für alle“ besagt, so zu leben, dass dieses für alle weltweit verallgemeinerbar ist. Vielfältige Praktiken der Bewegungen, wie z.B. der solidarischen Landwirtschaft zeigen, dass anhand diverser Alltagserfahrungen, und den damit einhergehenden Konflikten, Möglichkeiten zur Veränderung geschaffen werden. Wenngleich diese Praktiken momentan nischenhaft sind, gelten sie als wichtige Suchprozesse, die als Lern- und Experimentierfelder eine sozial-ökologische Transformation vorantreiben.

Institutionelle Durchsetzung und Absicherung

Um nicht in der Nische zu verharren, ist es unabdingbar, zu fragen, wie diese nachhaltigen Lebens- und Produktionsweisen durch die Bereitstellung von Infrastrukturen unterstützt, verallgemeinert und institutionell abgesichert werden können. Ebenso wichtig ist es, zu thematisieren, in welcher Form ein demokratischer Systemwechsel denkbar wäre. Zentrale Auseinandersetzungen laufen hierbei über das Verständnis und die Ausgestaltung von Arbeit. Ein ganzheitliches Wirtschaftsverständnis, das die Anerkennung von Sorgearbeit inkludiert und nicht zu Lasten anderer und der Natur geht, ist dafür nötig.

Weiterführende Literatur:

Brand, U., 2016.“Transformation” as a New Critical Orthodoxy. The Strategic Use of the Term “Transformation” Does Not Prevent Multiple Crises. GAIA 25 (1), 23-27.

Görg, C., 2016. Zwischen Tagesgeschäft und Erdgeschichte. Die unterschiedlichen Zeitskalen in der Debatte um das Antropozän. GAIA 25 (1), 9-13.

Novy, A., 2017. Fünf Thesen, wie wir zum Guten Leben für alle kommen. http://mosaik-blog.at/gutes-leben-fuer-alle-kongress-buen-vivir-thesen/

Autorin:

Christina Plank, ksoe
C. Plank, ksoe

Christina Plank
Politikwissenschafterin, Promotion am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien zum Thema „Oligarchische Staatlichkeit: Das Agrartreibstoffprojekt in der Ukraine“, Forschungsschwerpunkte: Politische Ökologie und kritische Staatstheorie, 2016/17 Schasching-Fellow der ksoe,  Lehrende am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen im ksoe-Dossier „Sozial-ökologische Transformation“

Links:

ksoe-Dossier „Sozial-ökologische Transformation“ – Präsentation und Diskussion, 27. Juni 2017, 19:00 Uhr, Wien

ksoe-Dossier „Sozial-ökologische Transformation“ – Infos und Bestellung

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