Oscar Romeros Umkehr zu den Armen

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Weil die wirtschaftlich und politisch Mächtigen des kleinen zentralamerikanischen Staates El Salvador wussten, dass Gottes Wort Wirklichkeit verändern kann, haben sie viele KatechetInnen und Priester, Ordensfrauen und engagierte Laien in den 1970er und 1980er Jahren ermorden lassen. Zu gefährlich war es – und ist es vielerorts noch immer – aus dem Glauben heraus und in Einklang mit dem eigenen Gewissen, die Wahrheit zu benennen. Tödlich konnte es sein – und ist es vielerorts noch immer – jene Machenschaften zu hinterfragen, die aus Armut und Ausbeutung weiter Teile der Bevölkerung Profit ziehen.

Erzbischof Oscar Romero, der nach seiner Ermordung am 24. März 1980 vom eigenen Volk heiliggesprochen wurde, war fest davon überzeugt, dass soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit, Armutsminderung und die Forderung nach Einhaltung der Menschenrechte  im Sinne des biblisch-christlichen Gottes des Lebens ist: Eines Gottes, der/die sich klein gemacht hat indem er/sie in Jesus von Nazareth Mensch wurde. Ein Gott, der/die in Jesus Bruder besonders der Armen, Schwachen und Ausgebeuteten wurde. Von dieser biblisch begründeten vorrangigen Option für die Armen war Romero bewegt. Romero lebte in einer Gesellschaft, in der Geld wie ein Gott im Zentrum des Wirtschaftssystems stand, wo Reichtum und Grundbesitz als etwas unantastbares Absolutes mit Waffengewalt und der Macht der Medien verteidigt wurden, wo unter dem Vorwand, „die Pest des Kommunismus auszurotten“, jene Menschen v.a. von Todesschwadronen umgebracht wurden, die sich für Gerechtigkeit, Dialog und sozialen Frieden einsetzen.

Oscar Romero war jedoch 60 Jahre seines Lebens ein ganz anderer: Als Freund der Reichen, der Almosengabe für die Armen zwar befürwortete, Struktur- oder Landreformen aber ablehnte, war Oscar Romero ein schüchterner, konservativer Priester und Bischof. Als die Kirche Lateinamerikas die Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) in ihren Kontext übersetzte, war er kritisch. Zu den macht- und strukturkritischen Positionierungen und der vorrangigen Option für die Armen (Medellín 1968) seiner Bischofskollegen distanzierte er sich ängstlich. Damit war er in den Augen der Mächtigen und Reichen seines Landes sowie der konservativen und machtverbündeten Kräfte der Katholischen Kirche der ideale Erzbischof eines zutiefst gespaltenen Landes. 1977 wurde er zum Erzbischof von San Salvador ernannt. Romero würde keine Probleme bereiten.

Damit sollten sie sich aber täuschen.

Die Bekehrung Erzbischof Oscar Romeros

Im Unterschied zu anderen konservativen Priestern und Bischöfen suchte Oscar Romero nach seiner Weihe als Erzbischof von San Salvador den direkten Kontakt mit den Gläubigen seiner Diözese. Da die Mehrheit von ihnen in großer Armut lebten, er mit ihnen sprach, sie in ihren bescheidenen Hütten besuchte und ihnen aufmerksam zuhörte, wurden ihm mehr und mehr die strukturellen Dimensionen von Armut bewusst. Er begann zu verstehen, dass viele seiner reichen FreundInnen ihr Vermögen u.a. dadurch erwirtschafteten, dass sie z.B. den Angestellten keinen gerechten Lohn bezahlten. Und mehr und mehr wurde ihm bewusst, welche Rolle kirchliche Kreise spielten, die den Armen zwar das jenseitige Himmelreich versprachen, sie aber nicht darin bestärkten, für Gerechtigkeit in ihrer diesseitigen Gesellschaft einzutreten.

Sein langjähriger Freund, der Jesuit Rutilio Grande war es, der ihm die Augen öffnete. Mit anderen Priestern, Ordensfrauen und KatechetInnen entwickelte er eine bewusstseinsbildende Pastoral. Die  befreiende und erlösende  Botschaft Gottes für die Armen und Geknechteten – wie sie alle biblischen Texte durchzieht – wurde in die konkrete Wirklichkeit von El Salvador übersetzt. Beteiligungsorientiert wurden gewaltfreie Lösungswege gesucht. Die dem Jesuitenorden wesentliche Verbindung von Glaubensverkündigung und Einsatz für soziale, wirtschaftliche und politische Gerechtigkeit markiert die Position dieser Kirche, die sich an der Seite der Armen sah: „Gott liegt nicht im Himmel weit oben in der Hängematte, sondern er ist mitten unter uns. Für Gott ist es wichtig, ob es den Armen hier unten schlecht geht oder nicht“ aktualisierte Rutilio Grande das Bekenntnis des Hl. Hieronymus: „Die Ehre Gottes besteht darin, dass der Mensch lebt.“

Als Rutilio Grande mit zwei Begleitern am 12. März 1977 ermordet wurden, war Oscar Romero als Erzbischof von San Salvador sofort zur Stelle. Die Bekehrung Romeros wird gerne mit diesem Datum verbunden. Angesichts des zerschossenen Leichnams seines Freundes Rutilio wurde Romero klar: „Wenn sie ihn für das, was er getan hat, umgebracht haben, dann muss ich denselben Weg gehen.“

Die Stimme der Stimmlosen

Romero verließ daraufhin seinen Bischofspalast, um in einem einfachen Zimmer eines Krankenhauses für Krebskranke zu wohnen. In der erzbischöflichen Kurie richtete er eine Cafetería ein, damit die BesucherInnen – auch mit ihm – plaudern konnten. Er suchte den direkten Kontakt mit den Menschen und nahm – schon 60-Jährig – beschwerliche Fußmärsche unter der tropischen Sonne auf sich, um auch den Menschen weit entlegener Dörfer nahe zu sein. Seine penibel recherchierten Sonntagspredigten wurden von der Kathedrale in San Salvador aus über das Diözesanradio im ganzen Land übertragen. Sie waren nicht nur Quelle spiritueller Vertiefung im Glauben. Sie waren v.a. eine wichtige Informationsquelle über Massaker an der Zivilbevölkerung, die in den staatlichen Medien verschwiegen wurden. Romero hatte den Mut, die dafür Verantwortlichen, soweit bekannt, namentlich zu nennen.

Die Reichen, die zuvor seine Freunde gewesen waren, wandten sich großteils von ihm ab. Er sei nicht mehr der Gleiche wir früher, er hätte sie betrogen. Zuerst versuchten sie, ihn mit Geschenken umzustimmen, dann mit Drohungen und Anzeigen im Vatikan.

Doch Romero wurde zunehmend mutiger und klarer in seinen Worten und Taten. Er verwies mit prophetischer Stimme auf die „Sünde institutionalisierter Gewalt“. Dadurch setzte er sich der Gewalt der Mächtigen und Reichen aus. Er wurde bedroht. Auch mit dem Tod.

Kraft und Mut und Rückhalt für seine Aufgabe, „die Stimme der Stimmlosen“ zu sein, holte er sich im Gebet, in der Verbundenheit mit Jesus dem Gekreuzigten, den er im „gekreuzigten Volk von El Salvador“ wiedererkannte. Und aus der Nähe zu den in Armut lebenden Menschen, die ihn als Bruder und Hirt aufnahmen, umarmten und in ihre bescheidenen Hütten einluden. Je mehr Romero auf seine hierarchische Autorität verzichtete, umso mehr gewann er an moralischer Autorität bei den Ärmsten der Armen seines Landes.

Von Charity zur strukturellen Gerechtigkeit

Die von Papst Johannes Paul II. als Leitwort gewählte „Zivilisation der Liebe“ musste sich für Romero mit Wahrheit und Gerechtigkeit verbinden. Denn, so Romero: „Die Ehre Gottes ist der Arme, der lebt“. Die bei Reichen beliebten Charity-Veranstaltungen, die mit ihren Almosen den Status quo beibehalten und nichts an den Ursachen von Armut verändern, sind jedoch eine Karikatur der Liebe, so der Erzbischof. In einer Gesellschaft wie der El Salvadors seiner Zeit, muss die Verkündigung der Liebe Gottes zu den Menschen einhergehen mit dem Wandel struktureller Dimensionen in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft. Damit zusammengehen muss die Frage nach den Ursachen von Armut, Ausbeutung und Ungerechtigkeit. Womit zugleich das herrschende System in Frage gestellt wird. Wer aber das herrschende System in Frage stellt, lebt gefährlich. Das wusste Romero nur allzu gut. Auf den Vorwurf, sich in die Politik einzumischen, entgegnete er, dass die Kirche immer dann verfolgt werde, wenn sie ihre Sendung aus dem Evangelium verwirklicht und praktische Konsequenzen daraus zieht.

Denn der christliche Glaube, so Romero, trennt nicht von der Welt, sondern verbindet die Kirche mit den Sorgen und Nöten der Armen: Die Welt, in der die Kirche dienen soll, ist die Welt der Armen – und zwar in ihrer realen und konkreten Welt. So findet für Romero die politische Dimension des Glaubens ihren tiefsten Ausdruck im Dienst an den Armen: Gottes Wort kann Wirklichkeit verändern.

Wenn sie mich umbringen, werde ich im Volk von El Salvador auferstehen

Romero wurde wiederholt mit dem Tod bedroht. Das Fass zum Überlaufen brachte seine Predigt, in der er – vor tausenden Gläubigen in der Kathedrale und übers Radio in hunderttausende Haushalte El Salvadors hinein – die Soldaten dazu aufforderte, dem Gesetz Gottes mehr zu gehorchen als dem Gesetz der Menschen. „Brüder, ihr gehört zu unserem Volk, ihr tötet eure eigenen Geschwister unter den Bauern. Wenn ein Mensch euch befiehlt, zu töten, dann muss das Gesetz Gottes mehr gelten, das da lautet: Du sollst nicht töten! Kein Soldat ist verpflichtet, einem Befehl zu gehorchen, der gegen das Gesetz Gottes gerichtet ist. Ein unmoralisches Gesetz verpflichtet niemand. Es ist höchste Zeit, dass ihr auf euer Gewissen hört und mehr Gottes Gebot Folge leistet, als der Ordnung der Sünde. … Im Namen Gottes und im Namen des leidenden Volkes, dessen Klagen von Tag zu Tag lauter zum Himmel steigen, bitte ich euch, flehe ich euch an, befehle ich euch: Hört auf mit der Unterdrückung!“

Dieser Aufruf zur Befehlsverweigerung konnte bei den Militärs nicht ohne Konsequenzen bleiben. Eine Woche später, am 24. März 1980, wurde Oscar Romero während einer Messfeier von einer Todesschwadron mit einem Schuss ins Herz ermordet.

Die Armen zur Ehre eines menschenwürdigen Lebens erheben

Nach menschlichem Ermessen ist Romero gescheitert. Aber im Volk von El Salvador und überall auf der Welt ist er auferstanden. Als Bruder, als Hirt, als Prophet, als Anführer. Als San Romero de las Américas wurde er sofort von seinem Volk heiliggesprochen. Als Märtyrer, der aus Hass wegen seines Einsatzes für die Gerechtigkeit (odium iustitiae) ermordet wurde, wurde er 2015 in El Salvador seliggesprochen. Am 14. Oktober 2018 wird Romero nun im Vatikan heiliggesprochen. Dass Papst Franziskus die Feier selbst leitet, zeigt, wie sehr die beiden Männer „Brüder im Geist und Verbündete in der Option für die Armen“ sind.

Romero zu verehren heißt auch heute, seinen Weg zu gehen: Unrecht beim Namen zu nennen und Gerechtigkeit zu fordern.  Romero durch die Heiligsprechung zu „Ehre der Altäre zu erheben“ muss damit einhergehen, die Armen und Ausgegrenzten auf dieser Welt zur „Ehre eines menschenwürdigen Lebens“ zu erheben. Romero nachzufolgen bedeutet, mit Gottes Wort im Herz die Wirklichkeit der Armen zu verändern.

Links

Studienreise zur Heiligsprechung: Oscar Romero – seine Aktualität für uns heute /11.-16.10.2018

Martin Maier: Oscar Romero. Prophet einer Kirche der Armen. Herder-Verlag 2015

Autorin

Magdalena M. Holztrattner
M. Holztrattner © Mullan

Magdalena Holztrattner
Theologin, Organisationsberaterin, Erwachsenenbildnerin, Armutsforscherin, seit 2013 Direktorin der Katholischen Sozialakademie Österreichs (ksoe), Vortragende, Trainerin, Coach; Schwerpunkte sind u.a. Sozialethik, Spiritualität des Engagements, Führungsethik