Leben auf Kosten der anderen

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Zwei aktuelle Bücher zum selben Thema. Ob „Externalisierungsgesellschaft“ oder „imperiale Lebensweise“ – beide Buchtitel beziehen sich auf die Einsicht, dass wir, Bürgerinnen und Bewohner der reichen Länder dieser Erde,  weit über unsere Verhältnisse leben. Wir eignen uns einen großen Teil der natürlichen Ressourcen dieser Erde an, zu Lasten anderer Kontinente, Völker und Menschen. Wir ignorieren die damit verbundene Armut, die in der Folge entstehenden Auseinandersetzungen und Kriege. Und wir versuchen mit Grenzen und Mauern jene von uns fernzuhalten, die dann dort, wo sie geboren sind, keine Lebensmöglichkeiten mehr finden. Und wir führen dieses Leben ganz selbstverständlich und mit gutem Gewissen, weil wir uns unseres Beitrags zu diesen Entwicklungen nicht bewusst sind.

Stefan Lessenich fesselt seine LeserInnen zum Einstieg mit der Beschreibung eines ursprünglich klaren, ruhigen Tropenflusses in Brasilien, der sich durch einen Dammbruch mit den gesammelten Abwässern einer Eisenerzmine zu einem giftigen Strom wandelt. Mit dem Schlamm, angereichert mit Blei, Eisen, Quecksilber, Zink, Arsen und Nickel, werden Dörfer überschwemmt, 250 000 Menschen von der Trinkwasserversorgung abgeschnitten, einige hundert Kilometer Flusslandschaft verwüstet, bevor sich der Schmutz ins Meer ergießt, nicht ohne dort für lange Zeit Fauna und Flora zu schädigen.

Sehen, was ist

Der Soziologe Lessenich stellt die Analyse der sozialen Verhältnisse in den Mittelpunkt seiner Untersuchung, als  „Gegenwartssoziologie der Externalisierungsgesellschaft“ (S.50). Dabei geht es um die Beziehungen zwischen unterschiedlichen Lebenswelten und um das Verständnis jener Strukturen und Mechanismen, die die bestehende Ungleichheit von Macht und Handlungsmöglichkeiten verstärken, und damit die Zunahme von Armut in anderen Ländern bewirken. Bildhafte Illustrationen helfen, die Auswirkungen unseres wirtschaftlichen Handelns zu begreifen, die in unseren Entscheidungen keine Rolle spielen und die uns meist nicht bewusst sind. In den folgenden Kapiteln wird unter verschiedenen Aspekten dargestellt, wie der Handel die Natur in den Ländern des Südens belastet und Menschen ausbeutet. Sojaproduktion in tropischen Ländern für unser Viehfutter, Palmölplantagen – nicht nur für unsere Ernährung, sondern auch für unsere Autos, Vertreibung ganzer Bevölkerungsgruppen vom angestammten Land: es wird immer schwieriger, die Augen zu verschließen vor den Folgen unseres Wohlstands und unseres Handelns. Und vor der Einsicht, dass es so nicht weitergehen kann.

Das Pendel schlägt zurück

Das Bewusstsein über die Strukturen, die den Reichtum im Norden wachsen lassen, und damit die Armut der anderen vergrößern, wächst. Vor allem aber werden die Auswirkungen spürbar. Die Auswirkungen des Klimawandels – Folge der Ausbeutung natürlicher Ressourcen und der Umweltzerstörung – zeigen sich in Dürre und Hungersnöten in Afrika, in Hitzewellen und mangelndem Regen bei uns, im Schmelzen der Gletscher und des Polareises, und in vielen anderen Zeichen. Menschen, die in ihrem Land nicht mehr leben können, begeben sich auf die Suche nach besseren Bedingungen. Hunderttausende sind auf der Flucht. Die Externalisierungsgesellschaft ist an Grenzen angelangt, die wir nicht mehr kontrollieren können.

Bewusstsein und politisches Handeln

Auch das Wissen um die Zusammenhänge wächst, nicht nur in den Wohlstandsgesellschaften, auch bei jenen, von deren Arbeit und Land, Wasser, Luft und Bodenschätzen wir leben. Für Veränderungen braucht es nach Lessenich eine kollektive Selbstermächtigung, und diese Transformation wird nicht von den Reichen, sondern eher vom globalen Süden ausgehen: Von sozialen Bewegungen, die es längst schon gibt, in Brasilien, Mexico, Indien, oder internationalen Initiativen  wie der internationalen Kleinbauernorganisation Via Campesina, und von vielen anderen, die sich für eine Welt der gleichberechtigten Lebensführung aller Menschen einsetzen. Die Hoffnung: eine globale Demokratie, die die Macht der Zentren des Wohlstands beschränkt und dem System ungleichen Tauschs ein Ende bereitet.

Ausbeutung von Mensch und Natur

Ulrich Brand und Markus Wissen stellen den Einfluss der gesellschaftlichen und internationalen Kräfteverhältnisse  in den Mittelpunkt.  Mit dem Begriff „imperiale Lebensweise“ wollen sie den Zusammenhang sichtbar machen zwischen dem Leben der Menschen in den reichen Ländern, ihrer Art zu konsumieren und zu produzieren, ohne darüber nachzudenken, ohne sich bewusst zu sein, was dies für die BewohnerInnen der armen Länder bedeutet. Es geht um den Zusammenhang zwischen einer kapitalistischen Produktionsweise, die unser gesamtes Leben umfassend beeinflusst: unsere Erwerbsarbeit wie die unbezahlte Arbeit, Kapital und Geld, Staat und Politik, kurz, unseren gesamten Alltag. „Imperial“ meint damit vor allem die Tatsache, dass diese Art zu leben für uns ganz normal ist, dass wir mit Selbstverständlichkeit Auto fahren, Flugzeuge benutzen, industriell produziertes Fleisch essen und vieles mehr, obwohl wir inzwischen wissen, dass dieses Leben Folgen für andere hat, und dass es Alternativen gibt.

Diese Lebensweise wirkt verschärfend auf die Krisenprobleme, die heute in vielen Teilen der Welt feststellbar sind, den Klimawandel wie die Verarmung vieler Menschen, oder lokale Kriege um rare Ressourcen, wie zum Beispiel im Kongo. Im Gegenzug wirkt gerade diese Lebensweise in den reichen Ländern ausgleichend und stabilisierend, etwa weil es möglich ist, auch die jeweils Ärmeren am gesellschaftlichen Wohlstand teilhaben zu lassen.

Kapitalismus

Die Geschichte der imperialen Lebensweise ist für die Autoren die Geschichte des Kapitalismus, dessen Entstehung und Ausbreitung ausführlich dargestellt wird. Ein aktueller Höhepunkt der Entwicklung zeigt sich in der Auto-Mobilität, illustriert durch das Phänomen SUV (Sport Utility Vehicle). Obwohl dessen FahrerInnen meist den höheren und auch umweltbewussteren Schichten angehören, nutzen sie ohne Notwendigkeit ein besonders umweltbelastendes Fahrzeug. In diesem Widerspruch zeigt sich das Wesen dessen, was „imperiale Lebensweise“ meint.

Solidarische Lebensweise

Während sie von einem „grünen“ Kapitalismus, wie heute von manchen propagiert, wenig erwarten, setzen die Autoren auf eine mögliche Überwindung der Ausbeutung von Mensch und Natur durch neue Formen der Zusammenarbeit. Ansätze dazu finden sich in  unterschiedlichen solidarischen Zusammenschlüssen, Kooperativen und Arbeitsgemeinschaften nicht nur in Europa, sondern auch Länder- und Kontinente übergreifend, die gemeinsam an Alternativen arbeiten. „Denn die Schaffung einer solidarischen Lebensweise ist eine vielfach konkrete Menschheitsfrage“ (S.182).

Zusammenfassung

Wie sich zeigt, sind sich die Autoren beider Bände sowohl in ihren Analysen wie in der erhofften Veränderung weitgehend einig. Der Unterschied besteht in der Länge der Texte und in der Sprache.

So interessant und fundiert die Analysen und Überlegungen von Ulrich Brand und Markus Wisser auch sind – verfasst sind sie in einer nicht leicht zugänglichen Sprache, die dem Leser, der Leserin hohe Aufmerksamkeit abverlangt.

Im Gegensatz dazu versteht es Stefan Lessenich, die Analyse der Abhängigkeits- und Ausbeutungsverhältnisse der globalen Wirtschaft trotz aller dahinter stehenden Wissenschaft so anschaulich darzustellen, dass sie beim Lesen leicht nachvollziehbar ist. Und – wer weiß? – gerade dadurch als Sommerlektüre zu einem intensiven Nachdenken über unsere Welt anregen könnte.

Autorin

Lieselotte Wohlgenannt, ksoe
L. Wohlgenannt, ksoe

Lieselotte Wohlgenannt
freie Mitarbeiterin der ksoe, Schwerpunkte: Sozialpolitik, Grundeinkommen

 

 

 

Lessenich, Stephan (2016).
Neben uns die Sintflut.
Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis.
(Hanser, Berlin-München)

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Brand, Ulrich; Wissen, Markus (2017).
Imperiale Lebensweise.
Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im Globalen Kapitalismus.
(oekom verlag München)

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