Kapitalismus und Katholische Soziallehre – Auflösung von Gegensätzen?

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„Die Welt einer wirklich kapitalistischen Marktwirtschaft ohne schädliche politische und staatliche Interventionen…wäre…die beste aller möglichen Welten“ resümiert der Schweizer Martin Rhonheimer bei einer Diskussion, die er mit mir am 28. April 2017 geführt hat. Mein Gegenüber ist Gründungspräsident des Austrian Institute of Economics and Social Philosophy und Priester der Opus-Dei-Personalprälatur. Den Aussagen von Papst Franziskus steht Rhonheimer stets kritisch gegenüber. Sind seine Aussagen zu Wirtschaft überhaupt mit der Soziallehre der Kirche kompatibel? Drei Stunden dauerte unser Gespräch im Rahmen des 3. Kongresses christlicher Führungskräfte „Future Wealth: Werte – Wohlstand – Wachstum“ im Stift Göttweig. 35 ManagerInnen und Führungskräfte diskutierten im Workshop mit den Vortragenden.

Kapitalismus und Soziallehre

Kapitalismus ist eine Wirtschaftsform. Katholische Soziallehre dagegen sucht, zu einem differenzierten, kritischen und sozialverantwortlichen Blick auf diese – wie auch auf andere – Wirtschaftsformen zu werfen. Die Fragen nach den Mitteln, den Zielen, den Kosten und Konsequenzen dieser Wirtschaftsform sind dabei vom Geist des Evangeliums Jesu Christi inspiriert. Dadurch ist die Soziallehre verpflichtet, den Kapitalismus von den Armen, den Benachteiligten und der oft leidenden Mitwelt her zu befragen. Insofern ist die Soziallehre nicht der „Apfel“, der mit der „Birne“ des Kapitalismus verglichen werden kann, sondern vielmehr eine „Brille“, mit der die „Birne“ auf ihre Qualitäten und Schwachstellen hin begutachtet wird.

Christlich Haltungen – Orientierung für wirtschaftliches Handeln?

Die wesentliche Aufgabe von Führungskräften ist es, Entscheidungen herbeizuführen. Dabei ist aus sozialethischer Perspektive zu hinterfragen, welche letzten Ziele ihre Entscheidungen im Rahmen wirtschaftlichen Handelns leiten. Die Frage nach einer christlichen Haltung im Führungsalltag ist die Frage danach, ob die Zielperspektive von Entscheidungen der – um es in den Extremen zu verdeutlichen – v.a. materielle Wohlstand einer kleinen Minderheit ist oder das gute Leben aller Menschen auf diesem Planeten? Geht es also hauptsächlich darum, Shareholder mit maximalen Gewinnausschüttungen zu befriedigen, oder sind die Arbeitsqualität, Arbeitssicherheit, Umweltstandards und gutes menschliches Miteinander im Betrieb entscheidungsrelevant?

Jesus hat in seinen Bildern vom Reich Gottes das gute Leben als „Leben in Fülle“ (Joh 10,10) beschrieben. Rosa Luxemburg zeichnet es als „hemmungslos schäumendes Leben“. Diese Bilder verweisen weniger auf maximalen quantitativen Reichtum (Besitz, Güter, Finanzmacht), sondern auf die Qualität des Lebens, die – bei gleichzeitiger Befriedigung der materiellen Grundbedürfnisse – allen Menschen möglich sein sollte (Beziehungsreichtum, soziale, kulturelle und politische Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, Freiräume für Hobbies, Freizeit und Muße etc.). Der Gott Jesu erweist sich in zentralen biblischen Geschichten als Gott, der/die eindeutig auf Seiten der Sklaven (Auszug der Hebräer aus der hegemonialen Militärmacht Ägypten; vgl. Ex 3,7), der Ausgebeuteten (Rechte der Armen werden durch Mächtige und Reiche gebeugt; vgl. Amos 5,7-12), der Hilfsbedürftigen und der Flüchtlinge (damals rechtlose Waisen, Witwen und Fremden) steht. Viele UnternehmerInnen – gerade in mittelständischen Unternehmen und in Familienbetrieben – versuchen im Rahmen ihres Einflussbereiches ihren Beitrag zu leisten, um Gerechtigkeit, Inklusion, Freiheit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung zu mehren. Damit wirken sie als eine gesellschaftliche Kraft mit an einem guten Zusammenleben aller in ihrer Gesellschaft.

Der – von Rhonheimer wiederholt propagierte – freie Markt, der nicht geregelt werden soll, existiert weder in einem geschichtslosen Kontext noch als anonymes System. Es sind immer konkrete Menschen bzw. Menschen in Interessensgruppen, die ihn beeinflussen. Diese EntscheidungsträgerInnen sind aber weder perfekt noch bedürfnislos, sondern – wie jeder Mensch – fehlerhaft, abhängig von Anerkennung und Zuneigung und verführbar durch Macht, Reichtum, Stolz, Ehre und Einfluss. Sie sind „SünderInnen“ und „heilsbedürftig“ – wie alle Menschen. Sie haben es immer auch in der Hand, an einer „Kultur der Solidarität“ (Papst Franziskus) mit (Wirtschafts)Gesetzen als strukturell verankerter Nächstenliebe mitzubauen, oder an „Strukturen der Sünde“ (Papst Johannes Paul II.), durch die Menschen getötet und unser Mitwelt nachhaltig zerstört wird. Christliche Haltungen von Führungskräften verhindern nicht, Fehler zu machen. Sie suchen aber Orientierung an Zielen, die qualitativ gutes Leben ermöglichen und mehren.

Führung und Achtsamkeit

Führungskräfte gestalten Rahmenbedingungen und Beziehungen, um Organisationsziele zu erreichen. Dafür müssen sie Entscheidungen treffen auf eine Zukunft hin, die nicht gewusst werden kann. Interessenskonflikte und Dilemmata erschweren es oft, eine „saubere“ oder auch menschlich vertretbare Entscheidung herbeizuführen. Dazu kommt der oft massive Zeitdruck, unter dem Führungskräfte stehen. Es gilt, Raum und Zeit zu eröffnen, um sich Fragen nach dem Weg zu verantwortbaren Entscheidungen zu stellen, in ehrlichen Austausch mit anderen Führungskräften zu treten sowie die Kunst der Achtsamkeit so zu üben, um sie „bürofähig“ in den beruflichen Alltag zu integrieren. Diesen Ansatz verfolgt etwa ein Retreat unter dem Titel „Führung und Achtsamkeit“, das die Katholische Sozialakademie im August (7.- 12.8.2017) im oberösterreichischen Stift Schlägel anbietet.

„Geht´s uns allen gut, geht´s der Wirtschaft gut“

„Geht’s uns allen gut, geht’s der Wirtschaft gut“ habe ich den anwesenden Kärntner Diözesanbischof Alois Schwarz zitiert. Dieser Satz stellt – in Umkehrung einer früheren Plakatkampagne der Wirtschaftskammer – dar, worum es sozialverantwortlichen, christlich inspirierten Wirtschaftstreibenden geht: sachgerechtes, menschengerechtes und gesellschaftsgerechtes Wirtschaften. Diese Trias wurde vom österreichischen Sozialethiker Johannes Schasching SJ geprägt. Sie verweist Führungskräfte in ihrer Verantwortung für wirtschaftlich erfolgreiches Handeln (sachgerecht) auch auf den Menschen, der immer als Ausgangs- und Zielpunkt von Wirtschaft im Blick sein muss (menschengerecht), sowie auf die soziale Verantwortung gegenüber der Gesellschaft und dem friedlichen Zusammenleben der Menschen in Gerechtigkeit (gesellschaftsgerecht).

Mit dieser sozialethischen „Brille“ muss danach gefragt werden, wie wirtschaftlich eine globale Wirtschaftsform ist, die derzeit scheinbar nicht ausreichend dafür sorgt, dass ihre Grundlagen (menschliche Arbeitskraft, natürliche Ressourcen, staatliche Vorleistungen wie Bildung, Gesundheit, Infrastruktur etc.) erhalten bleiben. Auch muss befragt werden, welche Konsequenzen Konkurrenz als maßgebliches Grundgesetz des aktuell herrschenden Kapitalismus hat – schließlich führt Konkurrenz zu einer „Kultur der Ausschließung“, zu Marginalisierung und Abwertung. Wettbewerb als innovationsfördernde Haltung schließlich ist zu hinterfragen auf seine „Spielregeln“, besonders angesichts der Tatsache, dass zunehmende Monopolisierung v.a. auf dem internationalen Markt die Bedingungen für fairen Wettbewerb zunehmend außer Kraft setzt.

Als christliche Führungskraft tätig sein

Katholische Soziallehre – oder ökumenisch gesprochen: Christliche Sozialverkündigung – verweist auf das Ziel wirtschaftlichen Handelns, ihren Beitrag zu leisten, um die Welt zu „humanisieren“, den Menschen mit ihren Produkten und Dienstleistungen zu helfen, „mehr Mensch zu werden“ (Sozialhirtenbrief der Österreichischen Bischöfe 1990). Christliche Kirchen haben den Auftrag, Würde und Rechte auch der arbeitenden Menschen ins Licht der Aufmerksamkeit zu rücken, das Primat der Ethik bzw. das Primat der Politik einzufordern gegenüber dem oft geforderten Primat der Wirtschaft über alle anderen Lebensbereiche. Christliche Führungskräfte orientieren sich qua definitionem an der Botschaft Jesu Christi: die kann übersetzt werden in Orientierungslinien wie Menschenwürde und Menschenrechte, Gemeinwohl und die soziale Verantwortung von Kapital, Solidarität und ihre rechtliche Absicherung in einem starken Sozialstaat, Nachhaltigkeit und die trans- und intergenerationale Verantwortung, Dialog und Stärkung der Demokratie, Transparenz und Authentizität, Geschlechtergerechtigkeit und Diversität, Frieden und das gute Leben für alle.

Als ChristInnen stehen christliche Führungskräfte in der Nachfolge Jesu. Christliche Führungskräfte tragen die schwere Verantwortung, die Spannung zwischen „Profit“ und „Moral“, zwischen Privatbesitz und Gemeinwohl, zwischen Gewinnstreben und sozialer Verantwortung dynamisch und lebendig zu halten. Und das letzte Ziel des Evangeliums nicht aus den Augen zu verlieren: das gute Leben für alle.

Autorin:

Magdalena M. Holztrattner, ksoe
M. Holztrattner, ksoe

Magdalena M. Holztrattner
Theologin, Organisationsberaterin, Erwachsenenbildnerin, Armutsforscherin, seit 2013 Direktorin der Katholischen Sozialakademie Österreichs (ksoe), Vortragende, Trainerin, Coach; Schwerpunkte sind u.a. Sozialethik, Spiritualität des Engagements, Führungsethik

Links:

www.wertevollfuehren.at

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