Hingehen in die Arbeitswelt

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Trotz der ersten Sozialenzyklika Rerum Novarum (1891) war das Verhältnis zwischen Kirche und Arbeitswelt kein „Liebesverhältnis“ und ist es leider noch immer nicht. Haben sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts die christlichen Arbeitervereine eher als Gegenpol zur roten Gewerkschaft gebildet, waren es nach dem Krieg die KAJ (die Katholische Arbeiterjugend), und in der Folge die KAB (die Katholische Arbeiterbewegung), die sich um ein Verständnis bemühten. Während die kirchlich organisierte „ArbeiterInnenjugend“ heute völlig verschwunden ist, gibt es die Katholische ArbeitnehmerInnenbewegung zwar noch in den meisten Diözesen, aber mit einem hohen Altersschnitt. Daneben entstand die Betriebsseelsorge – sie gibt es in einigen österreichischen Diözesen: Haupt- und ehrenamtliche Betriebsseelsorger und Betriebsseelsorgerinnen gehen  in Betriebe hinein, so wie es vor ihnen schon die Arbeiterpriester und die „kleinen Schwestern und Brüder“ getan haben.

Wenn ein Betrieb eine Seele hat, dann sind das die Menschen, die dort tätig sind. Was aber, wenn dort immer weniger arbeiten, ausgelagert, an Heimarbeitsplätzen oder gar ausgeschlossen sind? Gemäß der Enzyklika Laborem Exercens (1981) ist Arbeit der Dreh- und Angelpunkt unserer (arbeitsorientierten) Gesellschaft: Arbeit haben oder nicht, wenn ja, zu welchen Bedingungen? Wie bezahlt, zu welchen Zeiten, wo, …?

Die Arbeitswelt hat sich verändert

Die klassische Fabriksarbeit wird weniger, der Dienstleistungsbereich nimmt zu. Mehr und mehr Arbeitsplätze sind Teilzeit oder überhaupt prekär. Leiharbeit und neue Selbständige sind die am schnellsten wachsende Gruppe. Der überwiegende Teil der Arbeit wird aber nicht mehr bezahlt erledigt, sondern ist Schattenarbeit. Von Arbeit leben zu können, ist nicht selbstverständlich und die Vermischung von Arbeit und Freizeit wird zur Normalität: Mails auch im Urlaub, Selbstbedienung bei der Bank oder durch Bestellung im Internet, ständige Erreichbarkeit durch das Handy als permanenter Begleiter, Vernetzung von Daten aller Art, …  Neue Formen von Arbeit entstehen. Wir stehen an der Schwelle von 4.0. Niemand kann sagen, was auf uns wirklich zukommt!

Die aktuellen Herausforderungen – gerade auch für die Präsenz der Kirche in der Arbeitswelt – sind andere als vor 50, ja 40 oder 20 Jahren. Die Veränderungen passieren immer schneller. Seelsorge in der Arbeitswelt braucht andere Zugänge.

Arbeit ist der Angelpunkt für die Soziale Frage

Erwerbsarbeit bestimmt unser Leben von Geburt bis zum Tod, stellt die Rahmenbedingungen für die Kindheit und bestimmt den Pensionsbezug. Arbeit, vom Erwerb bis zum Ehrenamt, von der Hausarbeit bis zur Pflege durchwirkt unsere Gesellschaft. Sie sollte Grundlage für ein gutes Zusammenleben sein. Gleichzeitig gibt es eine stetig wachsende soziale Schieflage. Franziskus warnt uns vor einer Wirtschaft, die tötet und fordert uns auf hinauszugehen (Evangelii Gaudium).

Dokumente der Katholischen Soziallehre bis hin zu den synodalen Vorgängen in Österreich nach dem Konzil und dem Sozialhirtenbrief der österreichischen Bischöfe von 1990 – Es braucht eine neue Begegnung zwischen Kirche und Welt der Arbeit (5) – betonen die Bedeutung einer Pastoral in der Arbeitswelt. Die Praxis steht dem weit hinten nach und es gibt bislang auch keine entsprechende Ausbildung, die dazu befähigen würde.

Hinausgehen –
Ausbildung für Seelsorge und Christliches Engagement in der Arbeitswelt

Das hat uns BetriebsseelsorgerInnen in Österreich veranlasst, eine neue Ausbildung anzubieten. Eingeladen sind Frauen und Männer (insbesondere SeelsorgerInnen), die sich in dieses kirchliche Arbeitsfeld begeben. Berufsbegleitend über zwei Jahre soll der Kurs Werkzeuge und Kenntnisse für eine Begegnung in der Welt der Arbeit vermitteln, immer in klarer Option für die Benachteiligten. Dazu gehört das Wissen über Entwicklungen in der Gesellschaft und die Auswirkung auf Menschen. Wir entwickeln gemeinsam eine heutige Theologie der Arbeit und deren Anwendung im pastoralen Handeln.

Pastorale Arbeit soll auf die Befreiung von Menschen aus unwürdigen und unsozialen Verhältnissen abzielen. Ein Aspekt der Befreiung heute ist Partizipation, die Möglichkeit der aktiven Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, die aber immer mehr Menschen verwehrt wird. Der erzwungene Verzicht auf Beteiligung und ihre Fähigkeiten ist eine Ungerechtigkeit, die zum Himmel schreit. Den ausgeschlossenen und ausgegrenzten Menschen eine Stimme und die Möglichkeiten zur Veränderung zu geben, um ein gutes Leben für alle zu ermöglichen, sehen wir als ein wichtiges Anliegen pastoraler Arbeit.

Autor:

Karl A. Immervoll
K. Immervoll

Karl Anton Immervoll
Theologe, Schuhmacher und Musiker,
Betriebsseelsorger für das obere Waldviertel. Gründung zahlreicher Initiativen gegen die Arbeitslosigkeit: Waldviertler Schuhwerkstatt, Greißlerei in Heidenreichstein, Lehrlingsstiftung Eggenburg u.a., Lehrauftrag an der Lehranstalt für pastorale Berufe in Wien.

 

hingehen. Ausbildungskurs für Seelsorge & christliches Engagement in der ARBEITSWELT
Oktober 2017 –  Juni 2019
VeranstalterInnen: Cardijn Verein in Kooperation mit Betriebsseelsorge Österreich, Katholische ArbeitnehmerInnenbewegung Österreich und Katholische Sozialakademie Österreichs

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Kontakt und Information:
Michaela Pöstler-Zopf: betriebsseelsorge@dioezese-linz.at Tel. 0676/87763644
Karl A. Immervoll: karl.immervoll@bsowv.at, Tel. 0676/826688178

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