Führen Sie schon postheroisch?

Ritter

Kürzlich gab es an dieser Stelle Büchertipps, heute empfehle ich einen Film und stelle einige Gedanken über postheroische Führung in den Raum.

Heroisch versus postheroisch

Wer kennt sie nicht, die Erzählungen über charismatische ManagerInnen, die ihre Unternehmen zum Erfolg führen? Angehenden Führungskräften werden ihre Biografien ans Herz gelegt. Es gelte „Leadership zu zeigen“, die Vision zu vermitteln, Orientierung zu geben, eine loyale Gefolgschaft um sich zu versammeln, vorauszugehen, alles zu überblicken und das Unternehmen auf Kurs zu halten. Denn der Erfolg des Unternehmens sei von der Genialität und Stärke der Führungsperson an seiner Spitze abhängig.

Dem gegenüber stehen Überlegungen zu einem postheroischen Management. Eine postheroische Führungskraft geht davon aus, nicht alles zu wissen und nicht alles zu können. Sie/er kann gut mit Ungewissheit umgehen und löst ihr/sein Entscheidungsmonopol auf. Stattdessen organisiert eine postheroische Führungskraft Kommunikationsprozesse, an deren Ende sinnvolle und tragfähige Entscheidungen stehen (Fritz B. Simon). Heroische Führung verfolgt eine Idee, ein Ziel, und will damit triumphieren. Postheroische Führung überprüft immer wieder neu, „mit welchen Ideen, Diagnosen, Kompetenzen und Ressourcen man unter welchen Umständen welche Erfahrung gemacht hat.“ (Baecker 2012)

Heroische Führung wird mit einem mechanistischen, linear-kausalen Denken assoziiert: Es brauche nur die richtigen Werkzeuge, um die richtigen Entscheidungen zu treffen, damit alles „wie geschmiert“ funktioniere. Das Postheroische wiederum stellt sich dem Eindeutigen entgegen. Eines der Argumente für postheroische Führung lautet: Kollektive Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesse sorgen dafür, der Komplexität der Unternehmensführung gerecht zu werden. Die innere Komplexität wird erhöht, viele verschiedene Perspektiven einbezogen, um bestmögliche Entscheidungen zu treffen und die Zukunft der Organisation zu sichern.

Heroisch und postheroisch

Führen Sie schon postheroisch? Der Titel dieses Textes führt durchaus bewusst in die Irre. Denn: Heroisch und postheroisch als unvereinbare Gegensätze zu konstruieren, ist selbst ein heroisches Unterfangen.

„Stattdessen wird man es in der Realität immer mit Heroen [und Heroinnen] zu tun haben, die wissen, wann sie auf eine postheroische Intelligenz umstellen müssen, um einen neuen Ansatz zu finden, wenn der Alte sich nicht bewährt. Und man wird es immer mit einer postheroischen Führung zu tun haben, die ab und an Helden [und Heldinnen] auszeichnet, wenn es darauf ankommt, an jene heroischen Affekte zu appellieren, die man zuweilen braucht, um eine unmögliche Entscheidung zu treffen“. (Baecker 2012)

Also heroisch und postheroisch. Auf mich wirkt dies erleichternd und inspirierend. Erleichternd, weil es einem Anspruchsdenken à la „postheroisch ist besser und muss daher perfekt umgesetzt werden“ auf geradezu postheroische Art und Weise entgegenwirkt. Inspirierend, weil daraus die Aufgabe folgt – um wieder mit Baecker zu sprechen – kluge Führung zu entwickeln, die Heroisches und Postheroisches angemessen vereint.

Auch in hierarchischen Strukturen ist postheroische Führung möglich

Shared Leadership – geteilte Führung – ist eine Ausdrucksform postheroischer Führung. Es handelt sich dabei um einen kollektiven Führungsansatz, der sich auf Teams, auf Dyaden oder auf Organisationen im Ganzen beziehen kann. Ein Teambeispiel: Frau M. und ihre KollegInnen führen sich gegenseitig. Einmal führt Frau M. und einmal wird sie geführt – je nach Aufgabenstellung und Notwendigkeit. Sie wechselt zwischen Führungs- und Mitarbeiterinnenrolle. Gleiches gilt für ihre KollegInnen.

Forschungsergebnisse belegen, dass geteilte Führung deutlich zur Teameffektivität betragen kann. Und zwar umso stärker, je mehr Vertrauen zwischen den Teammitgliedern besteht und je mehr sie sich dem gemeinsamen Ziel verpflichtet fühlen. Eine der besonderen Herausforderungen dieses Führungsansatzes bezieht sich auf Erwartungen des Umfelds, es solle eine (heroische) Führungskraft geben. Die Lösung im Beispiel: Frau A., ein Kollegin von Frau M., fungiert nach außen als Führungskraft. Ihre Rolle ist die einer Koppelungsstelle zwischen dem Team und seinen Umfeldern. Ihre Aufgabe: klug zu handeln, heroisch nach außen, postheroisch nach innen.

Blicken wir genauer hinein in Unternehmen und Organisationen, wird eine Vielfalt an postheroischen Praktiken sichtbar. In manchen Unternehmen obliegt die Personalauswahl den MitarbeiterInnen, d.h. den zukünftigen KollegInnen. In anderen werden Führungskräfte gewählt. Wieder andere organisieren sich in autonomen Teams mit einer überschaubaren zentralen Unterstützungsstruktur (wie z.B. Buutzorg, eine niederländische Gesundheitsorganisation im Bereich der mobilen Krankenpflege) oder implementieren Kreisstrukturen (wie z.B. Soziokratie oder Holacracy), etc.

Auf Zeit gewählte Führungskräfte? Selbst festgelegtes Gehalt? Echte Freiräume? … Die neuen Praktiken lösen bei den einen Begeisterung, bei anderen Irritation zwischen „zu schön um wahr zu sein“ bis „das kann nicht funktionieren“ aus. Sie stellen in jedem Fall vorgebliche Selbstverständlichkeiten in Frage. Wenn Sie sich selbst einen Eindruck verschaffen wollen, empfehle ich die Filmdokumentation „Musterbrecher“ (25-minütige Kurzfassung). Auch wenn der eine und andere Protagonist durchaus heroisch anmutet und kaum Musterbrecherinnen gezeigt werden: Sehenswert!

Welche Gedanken tauchen bei Ihnen auf, wenn Sie den Film sehen? Welche Erfahrungen machen Sie mit postheroischer Führung? Ich freue mich, wenn Sie mich kontaktieren: gerlinde.scheinATksoe.at

 

P.S. Zuletzt noch zwei Veranstaltungshinweise:

Am 11. November 2017 findet in Salzburg die Dialogkonferenz „Das Ende der männlichen Hierarchie in der Arbeitswelt?“ statt, veranstaltet von der Katholischen Männerbewegung Salzburg. Meine Kollege Markus Hauser wird die Dialogkonferenz moderieren und ich bin eingeladen, einen der Workshops zu leiten (zum Programm).

Postheroische Führung ist einer der Schwerpunkte unseres Lehrgangs „Macht mit Verantwortung“ für Frauen in Führungsfunktionen. Hier können Sie ein Arbeitsblatt aus dem laufenden Lehrgang herunterladen. Wir setzten es als Einstiegshilfe in das Nachdenken über heroisches und postheroisches Denken, Handeln, Führen ein. Der nächste Lehrgang startet im Jänner 2018. Nähere Infos finden Sie ab September auf www.ksoe.at.

Autorin:

Gerlinde Schein, Katholische Sozialakademie Österreichs
G. Schein, ksoe

Gerlinde Schein
Kultur- und Sozialanthropologin, Mitarbeiterin der ksoe, ist seit 20 Jahren als Beraterin, Trainerin und Coach tätig. Ihre Arbeitsschwerpunkte: Führung, Selbstführung, neue Organisationsformen abseits klassischer Hierarchie, Organisations- und Teamentwicklung, Change Management.

 

Baecker, Dirk (2012) Postheroische Führung, in: Grote, Sven (Hrsg.) Die Zukunft der Führung, Springer Verlag, 475-490.

Winkler, Brigitte (2012) Shared Leadership Ansätze nutzen. Wie hierarchische und geteilte Führung zusammenspielen. Zeitschrift für Organisationsentwicklung, 2012, Heft 3, 4-6.

Der postheroische Manager, Interview mit Fritz B. Simon (youtube)

Musterbrecher®, Film-Kurzfassung, 25 Minuten (vimeo)