Frauen sind nicht auf einen Nenner zu bringen

Frauen_c_Fiona Buchanan

Frau – was ist das? Eine Kategorie, eine Klasse, eine Menschenrasse? Brauchen Frauen eine eigene Lobby für ihre Interessen?
Ich lese nach bei der Bloggerin Antje Schrupp, mir lange vertraut als präzise Denkerin, feministische Aktivistin und als Mitautorin des „ABC des Guten Lebens“ :
„Dass es im Feminismus nicht länger um Lobbyismus für Fraueninteressen geht, sondern darum, Visionen für eine gerechte Welt generell zu entwickeln, hat eine Vorgeschichte: die Erkenntnis, dass sich die Frauenbewegung nicht in Analogie zu herkömmlichen politischen Bewegungen organisieren lässt, etwa als Partei, die die Interessen von Frauen vertritt, so wie die Arbeiterpartei die Interessen von Arbeitern. Das funktioniert nicht, denn Frauen haben nicht qua Frausein gemeinsame Interessen, oder jedenfalls nur sehr wenige. Frauen bilden keine eigene Menschenklasse, sie sind quer durch die Gesellschaft vorhanden, unter den Reichen und den Armen, den Einheimischen und den Migrantinnen, den Gebildeten und den Marginalisierten. In allen Religionen, Weltanschauungen, Sekten. Frauen sind nicht auf einen Nenner zu bringen. Frauen sind alle.“

Politische Positionierung

Frauenbewegungen waren und sind immer auch soziale Bewegungen. Es geht hier also um Milieus, um Herkunft, um Arbeitsplatz, um Unterdrückung oder Zugehörigkeit zur „Herrschaft“, um politische Positionierung, um soziales Engagement für und mit, um unbezahlte Sorgearbeit. Wenn ich meine Position kenne und definiere, schaffe ich damit Transparenz, werde ich dadurch von anderen Frauen (und Männern), für die und mit denen ich Partei ergreife, durchschaubar.
Das ist an den diversen feministischen Ansätzen sympathisch: Da wird immer klargestellt, von welcher Position aus ich spreche oder wie ich zu diesem oder jenem Urteil gekommen bin. Entweder als bürgerliche weiße Frau, als Arbeiterin, als schwarze Frau, als Migrantin, als Angehörige der Mehrheits- oder Minderheitsbevölkerung. So wird deutlich, dass spezifische Probleme nicht identisch mit den Problemen von Frauen schlechthin sind.

Und dennoch brauchen die gegenwärtigen Angriffe auf Demokratie, Sozialstaat, Menschenwürde ein gemeinsames Eintreten für soziale Gerechtigkeit, die keinen Deut mehr oder weniger auch soziale Gerechtigkeit für Frauen bedeuten muss!

„Die Demokratie wird feministisch sein. Oder…“

Antje Schrupp formuliert dazu drastisch: „Die Demokratie wird feministisch sein. Oder sie wird sterben.“ Sie sieht die feministische Bewegung als soziale Bewegung, die für ein gutes Leben für ALLE Menschen eintritt. Und ich gebe ihr Recht, denn das Ziel kann nicht sein, für Frauen ein größeres Stück vom Kuchen zu erobern, sondern einen anderen Kuchen für ALLE zu backen. Es ist zu wenig, fünfzig Prozent Frauen in Aufsichtsräten oder auf hohen Managementposten zu haben, wenn die wirtschaftlichen Verhältnisse ansonsten so ungerecht bleiben, wie sie sind. Es wäre kein Fortschritt, wenn Männer ebenso viel Care-Arbeit leisteten wie Frauen, dafür aber genauso schlecht bezahlt und wenig wertgeschätzt würden. Ungerechtigkeiten gleichmäßig auf alle zu verteilen, ist kein sinnvolles politisches Ziel.

Vielmehr muss die Frage lauten: Wie wollen wir in Zukunft Familie, Geschlechterverhältnisse, Betreuung und Erwerbsarbeit organisieren, und welche politischen Maßnahmen wären dafür notwendig? Dieser Prozess wird nicht diskutiert, stattdessen macht jeder Lobbyarbeit für seine eigenen Interessen. So wird es nichts.

Genau diese, für ein gutes Funktionieren von Gesellschaft notwendigen Grundlagen sind es, auf die wir unseren und den Blick der politisch Verantwortlichen lenken müssen:

  • Familien und Beziehungen (inklusive ausreichend gemeinsamer freier Zeit, um überhaupt Familie und Beziehung leben zu können),
  • gerechte Geschlechterverhältnisse,
  • die Verteilung von bezahlter und unbezahlter Sorge- und Betreuungsarbeit und
  • gerecht verteilte und gerecht bezahlte Erwerbsarbeit.

Die gesellschaftliche Debatte muss die Politik in all diesen Fragen unter Druck setzen. Hier ist nach wie vor die Frauenbewegung in ihren unterschiedlichen Ansätzen gefragt, weil sie sozial-politische Gerechtigkeit für alle Menschen, inklusive selbstverständlicher Geschlechtergerechtigkeit zum Ziel hat.

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen in kfb aktuell – Informationsblatt der Kath. Frauenbewegung der Erzdiözese Wien, Nr. 152, September 2017. Download mit > Schwerpunkt „frauen.leben.stärken“

Autorin

Gabriele Kienesberger
G. Kienesberger

Gabriele Kienesberger
Theologin und Germanistin, Koordinatorin der Initiative „Christlich geht anders. Solidarische Antworten auf die soziale Frage“.