Die Notwendigkeit europäischer Regeln im digitalisierten Arbeitsmarkt

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Wie viele Arbeitsplätze verschwinden und welche Berufsgruppen sind besonders betroffen? Dies sind die Fragen, die im Vordergrund der Debatte zur Digitalisierung der Arbeitswelt stehen. Dabei ist dies nur eine Konsequenz des Wandels. Denn es sind nicht allein die Berufsbilder, die sich verändern, sondern auch die Art und Weise, wie wir Erwerbsarbeit verstehen.

Immer weniger EU-BürgerInnen arbeiten in traditionellen Beschäftigungsformen mit einem zeitlich eingegrenzten Arbeitstag, einer klaren Chef-Beschäftigten-Struktur und einem definierten Arbeitsplatz. Internet-Plattformen wie Uber oder Helpling haben die Erwerbsform des Crowdworkings hervorgebracht. 28 Milliarden Euro hat die sogenannt „kollaborative Wirtschaft“ 2015 in der EU bereits erwirtschaftet und damit ihr Vorjahresergebnis gleich verdoppelt.

Crowdworking und Job-Sharing – der Arbeitsmarkt wird vielfältiger

Crowdworking ist jedoch nur eine von neun flexibleren Beschäftigungsformen, die Eurofound, die Europäische Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen, identifiziert hat. Zu diesen Kategorien gehören bekannte Modelle, wie das Jobsharing, bei dem sich mehrere Personen einen Arbeitsplatz teilen, ebenso wie die Möglichkeit des MitarbeiterInnen-Sharings, bei dem ein/e ArbeitnehmerIn von mehreren Unternehmen angestellt wird. Zudem entkoppelt sich die Berufstätigkeit vom Arbeitsplatz: 17% der EU-Bürger geben bereits an, dass sie zumindest gelegentlich außerhalb des Büros für ihren Arbeitgeber arbeiten.

Ob die neuen Beschäftigungsformen eine positive oder negative Entwicklung darstellen, ist ein großer Streitpunkt. Tatsächlich sind die Vor- und Nachteile zwischen den Kategorien höchst unterschiedlich. Job- und Mitarbeiter-Sharing ermöglichen beispielweise, zeitlich flexibler zu arbeiten. Zudem zeigen Studien, dass Home-Office-NutzerInnen, von einer ausgewogeneren Balance zwischen Berufs- und Familienleben berichten.

Dennoch weisen die gleichen Untersuchungen darauf hin, dass Personen, die häufig bis ausschließlich im Home-Office arbeiten, unter Stress und Isolation leiden als auch eine fehlende Abgrenzung zwischen Privat- und Arbeitsleben bemängeln. Telework ist somit nur als gelegentliches Ausweichmodell für die Work-Life-Balance förderlich. Zudem sind laut OECD zahlreiche Beschäftigte der neuen Erwerbsformen nicht in Gewerkschaften organisiert, so dass niemand ihre Interessen vertritt. Problematisch ist außerdem, dass in der kollaborativen Wirtschaft die Beschäftigten als selbstständige DienstleisterInnen auf den Plattformen auftreten und somit alle Risiken bei Unfall oder Krankheit übernehmen.

Eine neue Definition der Arbeit

Angesichts dieser Herausforderung sollte die EU ihr Arbeitsrecht den neuen Realitäten anpassen. Die Kommission der Bischofskonferenzen in der EU (COMECE) begrüßt daher die EU-Initiative der Säule sozialer Rechte, die das soziale Europa stärken und das Arbeitsrecht aktualisieren soll. Die COMECE empfiehlt, in dem Rahmen neue Definitionen von Arbeit und Beschäftigung einzubringen, die die Dichotomie zwischen Selbstständigen und Beschäftigen aufbrechen. Eine Möglichkeit wäre, eine dritte Kategorie des abhängigen Auftragnehmers einzuführen, damit auch Crowdworker einen Zugang zu den sozialen Sicherungssystemen haben und von den Mindestanforderungen des EU-Arbeitsrechts geschützt sind.

Im April 2017 wird die EU-Kommission ihren Vorschlag zur Säule soziale Rechte vorstellen und diesen im November mit den Staats- und Regierungschef auf einem Gipfel zu fairer Arbeit und Wachstum in Schweden diskutieren.

Jedoch wird der erhoffte europäische Ansatz nicht ausreichen, da die meisten Plattformen ihren Sitz außerhalb der EU haben. Die Plattform-Ökonomie zeigt daher, dass internationale Regeln für eine faire Arbeitswelt mehr denn je erforderlich sind.

Autor:

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Markus Vennewald

Markus Vennewald
Referent für wirtschaftliche und soziale Angelegenheiten, Kommission der Bischofskonferenzen in der EU (COMECE);
Mitglied des Steering Committees der Europäischen Sonntagsallianz.

Die Europäische Sonntagsallianz hielt am 15.11.2016 in Brüssel die Konferenz „Work-Life Balance 4.0 – Challenges in a time of digitalisation“ ab.

Konferenzbericht und Video: www.europeansundayalliance.eu

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