Die Glutnester des eigenen Begehrens

20170412_tatiana-lapina-6509_01

„Politische Frauenbildung“ setzte sich die Vernetzung Frauenbildung des Forums Katholischer Erwachsenenbildung zum Inhalt ihrer diesjährigen Themenwerkstatt. Die Vertreterinnen aus katholischen Bildungseinrichtungen, Bildungshäusern, Frauentreffs, der Katholischen Frauenbewegung, sowie dem Katholischen Bildungswerk machten sich in Art of Hosting Manier, auf die Suche nach den Glutnestern des eigenen Begehrens nach einem Guten Leben für sich selbst und für andere. Was hält denn das Feuer für politische Frauenbildung über die Jahre am Brennen?

Angesichts gesellschaftlicher Umbrüche ist der Frage, wie und welche politische Frauenbildung zu vermitteln ist, immer wieder neu nachzugehen. Grundlegend dazu bedarf es aber zunächst der Verortung, und hier vor allem der historischen Verortung von politischer Frauenbildung. In einem „Panorama des Begehrens“ wurde Erkämpftes, Gefährdetes, Anachronistisches veranschaulicht. Der zeitliche Rahmen wurde gespannt von der Kämpferin für Frauenrechte während der Französischen Revolution Olympe de Gouches bis herauf in die Gegenwart zu den postpatriarchalen Denkerinnen. Immer wieder wurde auch danach gefragt, welche, im patriarchalen Mainstream festgelegten historischen Ereignisse, waren und sind für Frauengeschichte und politische Frauenbildung relevante Bezugsgrößen.

Politische Frauenbildung am Ende des Patriarchats

Wie steht es denn nun mit dem Ende des Patriarchats und der neuen symbolischen Ordnung? Ist es so, dass eine bestimmte symbolische Ordnung, die viele Jahrhunderte lang die Weltwahrnehmung und die Lebenswirklichkeit großer Teile der Menschheit so stark bestimmt hatte, dass man sie oft mit der Wirklichkeit selbst verwechselte, jetzt in Auflösung begriffen ist?

Die in der klassischen griechischen Antike, vor allem von Aristoteles, systematisch auf den Begriff gebrachte patriarchale Ordnung ist noch lange nicht überwunden. Diese orientierte sich an Begriffspaaren, die jeweils aus einer höheren, kontrollberechtigten, und einer niedrigen, beherrschten Position bestehen und sich gegenseitig definieren, bestätigen und stabilisieren. Im ABC des Guten Lebens, einer postpatriarchalen Ethik in 56 Stichwörtern ist dazu ausführlich nachzulesen:

Der Körper verhält sich demnach zur Seele wie das Weibliche zum Männlichen, das Geringere zum Besseren, das Regiertwerden zum Regieren, der Sklave zum Herrn, und das „Verwendetwerden“ zur Politik und zur Philosophie. Schon in der Weltkonstruktion des Aristoteles selbst und dann im Verlauf der folgenden Jahrhunderte schließen sich an diese hierarchische Grundstruktur weitere begriffliche Ehepaare an: Die menschliche Kultur gerät in eine Dominanzposition gegenüber der Natur, Praxis erscheint als gehorsame Ausführung von Theorie, der Okzident wird dem Orient übergeordnet, der Staat der Familie, der Markt dem Haushalt, die Freiheit der Bedürftigkeit. Gott schließlich wird im mittelalterlichen Christentum, das sich stark auf die aristotelische Weltkonstruktion stützte, als absolutes höheres ungebundenes Prinzip, gleichzeitig als „Herr Gott“, „Schöpfer“ und „Vater“, also als Garant und Kontrolleur an die Spitze des Ganzen gesetzt.

Olympe de Gouges – Kämpferin für Frauenrechte

Nun lassen sich einige Stationen aus der Emanzipationsgeschichte von Frauen – und politische Bildung allgemein will ja dieses „emancipo“ (= aus der väterlichen Gewalt entlassen, für selbstständig erklären) unterstützen und befördern – an historischen Frauenfiguren und ihrem politischen Wirken durch Taten und Schriften festmachen.

Eine der Bekanntesten ist wohl Olympe de Gouges. Für die damalige Zeit ungewöhnlich, entsprechend diskreditiert und verfolgt, verfasste sie Schriften und Theaterstücke zu zentralen politischen Problemen. 1791 veröffentlichte sie die Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin und kritisierte das neue Regime in Frankreich als Tyrannei: die Gleichheit der Männer proklamierend, aber Frauen ausschließend. Im Artikel 1 ihrer Erklärung heißt es: „Die Frau wird frei geboren und bleibt dem Manne gleich in allen Rechten“. Der Artikel 10 nimmt ihr eigenes Schicksal vorweg: „Die Frau hat das Recht, das Schafott zu besteigen. Gleichermaßen muss ihr das Recht zugestanden werden, eine Rednertribüne zu besteigen.“ 1793 wurde Olympe de Gouges geköpft.

Die politische Geschichte des 19. und der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts dokumentiert viele Kampfschauplätze von Frauen um ganz fundamentale Rechte: Bildung, Beruf, Einkommen, sexuelle Selbstbestimmung, Wahlrecht, Frieden. Oft unterschiedlichen politischen Gruppierungen oder Weltanschauungen zugehörig, setzten sich bekannte Frauen – deren Namen wir heute noch kennen bzw. über die wir uns Wissen aneignen konnten – und unzählige anonym gebliebene Frauen für die Verbesserung ihrer rechtlichen, sozialen und politischen Situation ein.

Feminismus – vielfältig und international

Der aktuelle Kampf von Frauen um Rechte und für ein gutes Leben für alle lässt sich in einer stärkenden Weise mit dieser Erfolgsgeschichte politischen Begehrens von Frauen verbinden! So wie die junge Feministin und Autorin Margarete Stokowski das tut, weil sie nicht alle diese Vorkämpferinnen verarschen möchte – wie sie das ausdrückt. Olympe de Gouges  sollte nicht dafür ihren Kopf verloren haben, dass wir uns heute umschauen und sagen: Mehr geht nicht. (Stokowski 2016, 193).

So lassen sich Orientierungspunkte für die heutige feministische Bewegung und damit auch Aufgabenfelder politischer Frauenbildung heraus kristallisieren: Feminismus bedeutet, sich leidenschaftlich politisch einzumischen. Zu sagen was ist, es aber nicht für den Endzustand zu halten und sich nicht verarschen zu lassen. Mit denen im Herzen zu kämpfen, die etwas für uns getan haben und ohne irgendwen um Erlaubnis zu fragen. Niemals neutral oder schweigsam zu sein, dafür vielfältig und international. (Nach Gubitzer, 2017)

Art of Hosting

Die Themenwerkstatt der Vernetzung Frauenbildung war eingebettet in „Art of Hosting – Die Kunst des Gastgebens für gute und bedeutungsvolle Gespräche.“

Art of Hosting umfasst vieles: Settings und Techniken, innere Haltung, Werte und Einstellungen, einen Führungsstil, eine partizipative Form der Zusammenarbeit. Bei all dem geht es darum, zu wichtigen und bedeutsamen Gesprächen einzuladen und dazu beizutragen, dass sie gelingen. Das Wissen, die Weisheit und die Erfahrung aller TeilnehmerInnen bringen Unternehmen, Verwaltung, Vereine, Kirchen und NGOs weiter und ermöglichen Veränderungen hin zu neuen Paradigmen – getragen von allen und dadurch nachhaltig in der Umsetzung.

Autorinnen:

Margit Appel, ksoe
M. Appel, ksoe

Margit Appel
Politikwissenschafterin und Erwachsenenbildnerin, Mitarbeiterin der ksoe. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Verteilungsfragen, Wirtschaftsweise, Demokratie

 

 

Gabriele Kienesberger, ksoe
G. Kienesberger, ksoe

Gabriele Kienesberger
Theologin und Germanistin, Mitarbeiterin der ksoe. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind arbeitsfreier Sonntag, Zeitethik, Frauenbildung, Ökumene.

Links:

“ABC des guten Lebens” Christel Göttert-Verlag Rüsselsheim

Art of Hosting

Enquete: Demokratie braucht Bildung. Zur Aktualität von Erwachsenenbildung
17. Mai 2011, Wien. Input zum Thema „Demokratie braucht Frauenbildung“ Birge Krondorfer/Frauenhetz

Forum für Philosophie und Politik

Gubitzer, Luise (2017): „Fuck you. Beinahe eine Buchrezension zum Internationalen Frauentag am 8.3.2017“

Vernetzung Frauenbildung