Das Ende der Hierarchie in der Arbeitswelt?

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„Wer zahlt, schafft an“ und „Ober sticht Unter“. Der Eigentümer des Unternehmens hat das Sagen, der Vorgesetzte entscheidet, die Mitarbeitenden werden manchmal gefragt, doch wenn der Chef nicht zuhören will, können sie sich auch nicht helfen. Etwas überspitzt formuliert möglicherweise, doch so oder so ähnlich läuft es in vielen Betrieben.

Eine andere Praxis ist möglich

Ein Blick in die aktuelle Unternehmenswelt hingegen zeigt eine erstaunliche Vielfalt und Bandbreite an völlig anderen Möglichkeiten. Drei Beispiele:

Vor vier Jahren schaffte TELE, ein Wiener Produktionsunternehmen für sich die Hierarchie ab. Abteilungen wurden aufgelöst und Prozessorganisation eingeführt. Etwa 40% der neunzig Beschäftigten sind heute in Entscheidungsgremien eingebunden. Die Geschäftsführung nennt sich „Regie“ und versteht sich als Mentorin.

Ein ebenso erfolgreiches Unternehmen in Tirol, ebenso Marktführer: die Beschäftigten sind am Unternehmen finanziell beteiligt. Dies gilt für fast alle – von der Technikerin über den Lagerarbeiter bis hin zur Reinigungskraft. In der jährlichen Gesellschafterversammlung wird gemeinsam über Investitionen und Gewinnausschüttung entschieden. „Menschen wollen Entscheidungen treffen“, ist der Geschäftsführer überzeugt.

„Wir sind Chef“ heißt es über Dark Horse, eine Berliner Innovationsagentur. Dreißig junge Menschen hatten sie gemeinsam gegründet und entschieden, sich „posthierarchisch managen“ zu wollen. Sie nutzen dafür die Soziokratie und deren ausgeklügelte Methoden der gemeinsamen Entscheidungsfindung. „Konsent“ lautet eines der Prinzipien: Es geht dabei nicht wie beim Konsens darum, dass alle zustimmen – sondern dass es keine schwerwiegenden Einwände mehr gibt.

Dies sind drei Beispiele von vielen, die angeführt werden könnten, wenn man der Frage nachgeht, ob ein Ende der Hierarchie in der Arbeitswelt möglich ist. Ist sie nicht nur möglich, sondern auch sinnvoll?

Die Beweggründe sind vielfältig

Die Beweggründe, sich nicht traditionell hierarchisch zu organisieren, sind vielfältig. Sie reichen von Gemeinwohlorientierung, Generationenwechsel in der Unternehmensführung, Stärkung von Innovation und Flexibilität, die heute selbstverständliche Mitbestimmung in wesentlichen Lebensbereichen bis hin zu anderen arbeitsweltlichen Vorstellungen der Generation Y.

Forschungen an der Universität Innsbruck weisen darüber hinaus auf demokratieförderliche Wirkungen hin. Menschen, die in Unternehmen in anspruchsvolle Entscheidungen eingebunden sind, engagieren sich eher in sozialen und gesellschaftlichen Fragen. Kurz gesagt: In Betrieben lässt sich Demokratie lernen und einüben.

Es braucht Mut und Vertrauen

Manche Betriebe gehen „dosiert“ vor, d.h. sie behalten eine hierarchische Unternehmensstruktur bei, geben jedoch Entscheidungen an Mitarbeitende ab, die ansonsten Führungskräften überlassen sind. Andere Betriebe entwickeln für sich umfassendere Lösungen, lassen Führungskräfte durch Mitarbeitende wählen oder kommen ganz ohne sie aus.

Gemeinsam ist ihnen allen ein positives Menschenbild. Sie vertrauen in die Fähigkeit und in den Willen von Menschen, produktiv und auf Erreichtes stolz zu sein. Ohne eine solche Grundhaltung sind posthierarchische und demokratische Betriebe nicht möglich. Denn wer Menschen und ihren Fähigkeiten misstraut, wird vermutlich ihre Handlungsspielräume klein halten und ihre Freiheiten einschränken. Es braucht viel Mut, Macht und Verantwortung zu teilen – und es braucht Grundvertrauen in die Bereitschaft und Fähigkeit von Menschen, Verantwortung übernehmen zu wollen und zu können.

Veranstaltung:

Workshop „Demokratisch wirtschaften. Das Potenzial transformativer Projekte und ihre Organisationsformen“, 10.-11. Februar 2017, Kongress „Gutes Leben für alle“, Wien.

Mehr zum Thema:

TELE Unternehmenswebsite

Dark Horse auf youtube

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Autorin:

ScheinG_copyright Karoline Bloderer
G. Schein, ksoe

Gerlinde Schein
Kultur- und Sozialanthropologin, Mitarbeiterin der ksoe, ist seit 20 Jahren als Beraterin, Trainerin und Coach tätig. Ihre Arbeitsschwerpunkte: Führung, Selbstführung, neue Organisationsformen abseits klassischer Hierarchie, Organisations- und Teamentwicklung, Change Management.