Care muss im Mittelpunkt stehen!

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Care – im Sinn von Sorgen, Zuwendung geben, Unterstützen, Pflegen –  muss als Grundlage eines guten Lebens in den Mittelpunkt gesellschaftlicher Aufmerksamkeit rücken. Trotz vieler Maßnahmen und auch Transferleistungen klaffen Angebot und Nachfrage bzw. Leistungen und Bedürfnisse auseinander. Hier ist politisches Handeln gefragt.

Soziale Gerechtigkeit durch „Marktgerechtigkeit“ ersetzt

Der Politikwissenschafterin Erna Appelt zufolge haben sich seit den 1970er Jahren unsere Gesellschaften zu global vernetzten Dienstleistungsgesellschaften entwickelt, die der Logik neoliberaler Akkumulationsregimes und der Standortkonkurrenz folgen. Dabei wurde der Begriff der sozialen Gerechtigkeit durch „Marktgerechtigkeit“ ersetzt. Dazu kommt, dass von der Care-Krise in besonders hohem Ausmaß professionelle und informelle Pflegekräfte betroffen sind, deren Situation oft durch Arbeitsverdichtung, Zeitdruck und prekäre Arbeitsbedingungen geprägt sind. Damit erreicht die Globalisierung den Care-Bereich in zweifacher Weise: einerseits in der sich bereits abzeichnenden Tendenz, Pflege z.B. von dementen Personen ins Ausland zu verlagern, andererseits in der längst vollzogenen Internationalisierung des Care-Arbeitsmarktes. Dadurch lässt der „Care-Drain“ (Abzug von Pflegekräften aus Niedriglohnländern) frauenlose Dörfer mit oft unversorgten Kindern oder Angehörigen in den Herkunftsländern zurück, was neue Notlagen und folgenschwere Probleme in den Herkunftsländern der Pflegenden erzeugt.

Frauen mehrfach benachteiligt

Die Care-Krise betrifft zwar nicht alle in gleichem Ausmaß. Frauen sind als Pflegende, Betreuende und Erziehende ungleich stärker betroffen als Männer. Aber auch als Pflegebedürftige sind Frauen zahlenmäßig und auch sozial (Stichwort: Altersarmut) stärker betroffen als Männer. Haushalte mit niedrigem Einkommen trifft es mehr als einkommensstarke Haushalte, die sich die nötigen Dienste bei der Kinder- oder Altenbetreuung zukaufen können. Ausländische Arbeitskräfte sind ungleich stärker betroffen als inländische: Somit kumulieren die Nachteile bei ausländischen Frauen aus einkommensschwachen Haushalten.

Care neu organisieren – für ein gutes Leben für alle

Es geht also darum, Care neu zu organisieren, neue Strukturen zu schaffen, die ein gutes Leben für alle – für Kinder, Frauen und Männer unabhängig von ihrer sozialen Schicht und von ihrer Herkunft – ermöglichen.

Gerade die politische Debatte zum Thema Sorge- und Pflegearbeit muss mit folgenden Befunden und Perspektiven abgeglichen werden:

Es braucht ein/e

● Neudefinition der Arbeit unter Berücksichtigung von gesellschaftlich lebensnotwendigen und wohlstandssichernden persönlichen Dienstleistungen.

● Regulierung von Märkten und Sicherstellung gerechter Entlohnung und menschenwürdiger Arbeitsbedingungen.

● Wahrnehmung des öffentlichen Auftrags zur Versorgung mit lebensnotwendigen Gütern und Leistungen.

● Abkehr vom Menschen als Leistungsträger und das Eingeständnis der eigenen Bedürftigkeit.

● Wahrnehmen von Care-Arbeit als Voraussetzung für Wohlstand.

Geschlechtergerechte Verteilung und gerechte Bezahlung von Care-Arbeit sind dazu fundamentale Notwendigkeiten. Da die Ökonomisierung des Sozialen nicht den Ansprüchen eines gutes Leben gerecht werden kann, braucht es hier ein radikales Zusammendenken von Erwerbs- und Sorgearbeit, von bezahlter und unbezahlter Arbeit, von politischer und gesellschaftlicher Verantwortung füreinander, geschlechtergerecht und generationenübergreifend.

Autorin

Gabriele Kienesberger, ksoe
G. Kienesberger, ksoe

Gabriele Kienesberger
Theologin und Germanistin, Mitarbeiterin der ksoe, Koordinatorin der Initiative „Christlich geht anders. Solidarische Antworten auf die soziale Frage“.

Zum Weiterlesen:

Von der Care-Krise zur Care-Gerechtigkeit: Befunde und Perspektiven. Dokumentation und Reader. Tagung, 19.9.2014, St. Pölten. Kostenloser Download: http://www.ksoe.at/ksoe/images/publikationen/care_doku_2015.pdf

Mascha Madörin: http://www.maschamadoerin.ch/literatur_caroek.html (abgerufen am 13.7.2017)