Bildung als Entwicklungsraum für Solidarität

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Die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse erfordern eine aktive Gestaltung, damit sich Lebensbedingungen und Perspektiven von Menschen vor Ort und weltweit entscheidend verbessern. Politische Erwachsenenbildung, etwa in Form des ksoe-Lehrgangs „Soziale Verantwortung. Gestaltungskompetenz für den gesellschaftlichen Wandel 2016-2018“ befähigt, den gesellschaftlichen Wandel sozial verantwortlich und zukunftsfähig zu gestalten.

Wertschätzung der Teilnehmenden

Wertschätzung gehört zu den Grundsätzen unserer Bildungsarbeit. Ausgehend von einer wertschätzenden Haltung zu Menschen, Systemen, aber auch zur eigenen Lebensgeschichte, ist es möglich, sich für Weiterentwicklungen und Veränderungen zu öffnen. Die Lerngruppe „als Spiegelbild gesellschaftlicher Verhältnisse“ bietet stets Gelegenheiten, sich diesbezüglich zu erproben. Hier finden sich LernpartnerInnen und LernbegleiterInnen, die anregen und ermutigen, zuhören und unterstützen, widersprechen und konfrontieren. Neben den Lehrgangsphasen, in denen es vordergründig um Vermittlung und Aneignung von Gesellschaftswissen geht, wird diesen Dynamiken besonders Raum gegeben: in selbstorganisierten Arbeitsphasen, in Moderations- und Lerngruppen. Methoden wie „Perspektivenwechsel“, „Diskurscafé“ oder „Action Learning“ machen deutlich, dass unter „Entwicklungsraum“ keineswegs ein geschlossener Raum zu verstehen ist. Um Wahrnehmungs- und Urteilsvermögen zu schärfen, Anregungen und Einwände zu hören, aber auch um politisches Handeln zu erproben, verlassen die TeilnehmerInnen immer wieder bewusst den „Gruppenraum“ und gehen „in die Öffentlichkeit“.

Verantwortung und sozialer Zusammenhalt

Je komplexer und unüberschaubarer die gesellschaftlichen Probleme werden, umso kürzer und drängender die Zeit für mögliche Lösungen. Damit wächst die Versuchung zu kurzschlüssigen Reaktionen. Verbunden damit ist die Tendenz zur eigenen Entschuldigung und Schuldzuweisung an „die Anderen“. Dies bedeutet aber ein sich Davonstehlen aus der Verantwortung. Während Resignation die Handlungsmöglichkeiten unterschätzt („Wir können nichts tun“), Fanatismus sie überschätzt („Wir müssen die Wahrheit mit allen Mitteln durchsetzen“) und Pragmatismus die Verantwortung auf andere abschiebt („Wir können gegen Sachzwänge nichts tun“), gilt es in nüchtern realistischer Weise die sicher bescheidenen, aber durchaus bestehenden Handlungsmöglichkeiten wahrzunehmen, konkret Verantwortung zu übernehmen.

Solidarität ist eine Haltung

Ziel von Erwachsenenbildung ist die Entwicklung von Haltungen, Verhaltensmöglichkeiten (Kompetenzen) und Verhältnissen (Rahmenbedingungen, Institutionen, Verfahren). Soziale Verantwortung ist Verantwortung in gesellschaftlichem Kontext. Diese ist eine Haltung, die im Verhalten Ausdruck findet, die in der Gestaltung der Verhältnisse wirksam wird. Dies alles basiert auf einer Ethik, also der Frage nach dem SOLLEN, der Frage nach Kriterien und Werten, die in der bewussten Übernahme von Verantwortung Ausdruck findet. Verantwortung übernehmen heißt, dass ich mich für eine entsprechende Antwort auf Herausforderungen und Probleme entschieden habe.

Solidarität braucht fundiertes Wissen

Solidarische Erwachsenenbildung muss bürgerliche Werthaltungen hinterfragen. Machen wir das Ganze an der Sozialstaatsdebatte fest. Der Ökonom und Wirtschaftsethiker Sebastian Thieme – er war 2015/16 Schasching-Fellow an der ksoe – weist in seinem Beitrag „Rohe Bürgerlichkeit und der Sozialstaat“ sehr eindringlich auf Entsolidarisierungsbestrebungen von oberster Stelle hin. Thieme bezieht sich auf den Soziologen Heitmeyer, der konstatiert, dass Spaltung in die Gesellschaft „ideologisch durch die Abwertung und Diskriminierung von statusniedrigen Gruppen durch die rohe Bürgerlichkeit“ getragen wird.

Rohe Bürgerlichkeit und Entsolidarisierung

Diese „Rohe Bürgerlichkeit“ bewirkt eine „Entsolidarisierung“, einen „Rückzug aus der Solidargemeinschaft“. Thieme weist auf die „unverblümten Sprache“ des Vorwurfs des Sozialmissbrauchs hin und sieht darin einen Dammbruch für die „legitimierenden Mythen“ der sozialen Verwahrlosung und des Sozialmissbrauchs.

Ähnliches stellen wir auch in der österreichischen Sozialstaatsdebatte fest: Negative Stereotypen wie die vom „faulen Arbeitslosen“ oder vom „Ausländer“, der „den Sozialstaat belastet“, werden zur Legitimation verweigerter Unterstützung herangezogen. Viele Menschen sind der Ansicht, schwache Gruppen sollten sich selbst helfen. Organisierte Entsolidarisierung und „Rohe Bürgerlichkeit“ als Mangel an Mitgefühl tun sich hier zusammen.

Den Grundwasserspiegel der Solidarität heben

Nun kommen wir aber nicht umhin, die Sozialstaatsdebatte nicht nur auf erwachsenenbildernischem Niveau zu führen, sondern sie auch z.B. mittels Kampagne in die Breite zu tragen, um den Grundwasserspiegel der Solidarität in sozialen Fragen in unserer Gesellschaft wieder zu heben.

Am Beispiel: Christlich geht anders

Die Initiative „Christlich geht anders. Solidarische Antworten auf die soziale Frage“  will ein Bündnis für mehr Gerechtigkeit sein, nach „Innen“ – also in kirchliche Kreise – wirken, aber genauso gesellschaftspolitische Debatten am christlichen Menschenbild messen. Es ist ein Bündnis, das auf einen aktiven Sozialstaat, gerechte Steuerpolitik und damit auf solidarische Lösungen für die soziale Frage von heute abzielt. Eben solidarische Antworten sucht.

 

Lehrgang „Soziale Verantwortung. Gestaltungskompetenz für den gesellschaftlichen Wandel“ – SAVE THE DATE! Neuer zwei-jähriger Lehrgang startet im Herbst 2018

Initiative „Christlich geht anders. Solidarische Antworten auf die soziale Frage“

Literaturtipps:

Dossier. Nachrichten und Stellungnahmen der Katholischen Sozialakademie Österreichs 05/2006 (Soziale Verantwortung entwickeln)

Heitmeyer, Wilhelm (2012a): Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (GMF) in einem entsicherten Jahrzehnt. In: Heitmeyer, Wilhelm [Hrsg.]: Deutsche Zustände: Folge 10. Berlin, S. 15-41.

Heitmeyer, Wilhelm (2011): Rohe Bürgerlichkeit. In: Zeit, vom 28.9.2011,
http://www.zeit.de/2011/39/Verteilungdebatte-Klassenkampf/ [abgerufen am 5.7.2017]

Thieme, Sebastian (2015a): Selbsterhaltung im „Markt“? Subsistenzethische Betrachtung des Wettbewerbs und der Arbeits- und Marktgesellschaft. In: Ötsch, Walter u. a. [Hrsg.]: Markt! Welcher Markt? Marburg, Metropolis, S. 341-360.

Thieme, Sebastian: „Rohe Bürgerlichkeit und der Sozialstaat“, in: Gegenblende – Ausgabe 21, Mai/Juni 2013

Autorin

Gabriele Kienesberger
G. Kienesberger, ksoe

Gabriele Kienesberger
Theologin und Germanistin, Mitarbeiterin der ksoe, Koordinatorin der Initiative „Christlich geht anders. Solidarische Antworten auf die soziale Frage“.