Anerkennung ermöglicht Zugehörigkeit

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Anerkennung ermöglicht Zugehörigkeit. Zugehörigkeit wiederum ist das größte Gut, das eine Gruppe, eine Familie, eine Gesellschaft schenken kann. Nicht anerkannt zu werden schließt aus einer Gemeinschaft aus, verletzt Menschen in ihrer Würde, kann zu Einsamkeit, Zweifel an der eigenen Identität, zu existenziellem Stress sowie psychischer oder physischer Krankheit führen. Heute leben wir in Mitteleuropa in hoch ausdifferenzierten, heterogenen Gesellschaften. Anerkennung geschieht allzu oft über Leistung, die an Einkommen, akademischen Titeln festgemacht wird, über die Hautfarbe und „österreichische“ Nachnamen, über das (männliche) Geschlecht, den naturwissenschaftlich-technischen Hintergrund, die Orientierung an BWL / Effizienz / Effektivität, Lobbying der Finanzindustrie oder die „richtige“ Religion. Anerkennungskonflikte wie der deutsche Streit um Moscheenbau oder das österreichische Burkaverbot sind hochbrisante, weil symbolische Anerkennungskonflikte. Die Frage, wer „wir“ sind, hängt eng zusammen mit der Frage nach sozialer Anerkennung. Das Gefühl, wie weit sich jemand selbst  in einer Gesellschaft integriert fühlt, hängt direkt zusammen mit der Erfahrung, eingebunden, beteiligt, sozial gewürdigt und anerkannt zu sein.

Der Konfliktforscher Heitmeyer benennt einen direkten kausalen Zusammenhang zwischen dem individuellen Gefühl der Anerkennung („positive Anerkennungsbilanz“) und der Abwertung andere Menschen und Gruppen.[1] Oder anders formuliert: wer sich selbst durch andere oder ganze Gruppen ausgeschlossen und abgewertet fühlt, tendiert leicht dazu, selbst andere Menschen oder Gruppen abzuwerten, ihnen die Anerkennung zu verweigern.

Dimensionen der Anerkennung

Anerkennung wird, so Heitmeyer, auf drei Dimensionen ermöglicht: (1) durch sozialökonomische Teilhabe an materiellen und kulturellen Gütern einer Gesellschaft, (2) durch politische Teilnahme an Entscheidungs- und Gestaltungsprozessen einer Gesellschaft, (3) durch individuell-emotionale Erfahrung von Geborgenheit, Sinn und Einbindung in ein soziales Umfeld.

Was hat Anerkennung mit Religion zu tun? Inwiefern können religiöse Menschen Anerkennung stiften und so den gesellschaftlichen Zusammenhalt einer zunehmend heterogenen Gesellschaft stärken?

Anerkennung als menschliches Grundbedürfnis

Aus sozialphilosophischer Sicht ist das Bedürfnis und die Notwendigkeit von Anerkennung eine anthropologische Grundgegebenheit: Ein positives Selbstverhältnis ist die Voraussetzung für gelungene Beziehungen, die wiederum Voraussetzung für stabile soziale Verhältnisse und Gesellschaften sind.

Unter dieser Rücksicht ist  Anerkennung eine christliche Ressource für das gute Zusammenleben in einer Gesellschaft– Menschen anerkennen andere Menschen, weil sie sich von Gott bedingungslos anerkannt wissen – relevant in einer Gesellschaft, die zunehmend plural ist.

Anerkennung motiviert durch christlichen Glauben

Der Fundamentaltheologe Ansgar Kreutzer hat diese sozialwissenschaftlichen Dimensionen der Anerkennung Heitmeyers mit theologischen Dimensionen der Anerkennung auf der Basis des christlichen Glaubens verknüpft und erweitert.[2]

Emotionale Anerkennung auf der Ebene des Privaten

Die emotionale Anerkennung auf der Ebene des Privaten verweist auf das schon skizzierte positive Selbstverhältnis eines Menschen, der sich – bedingungslos! – von Gott geliebt weiß. Dieses tragende Wissen, die Erfahrung einer positiven Anerkennungsbilanz führt zur Haltung einer starken Identität aus dem Glauben. Dieses positive Selbstverhältnis kann Motivation für intersubjektive Anerkennung freisetzen, also für die Anerkennung anderer Menschen. Denn: „Wer mit sich selbst versöhnt ist, kann anderen in einer offenen und solidarischen Weise begegnen, muss sie nicht mehr für seine selbstzentrierten Zwecke instrumentalisieren oder versuchen, sich auf ihre Kosten Anerkennung zu verschaffen“[3]

Anerkennung auf der Ebene des Politischen

Darauf baut die Anerkennung auf der Ebene des Politischen auf. Teilnahme an politischen Entscheidungsprozessen ermöglicht Menschen, ihre Interessen gemeinsam mit anderen zum Wohl einer demokratischen Gesellschaft dialogisch auszuhandeln. Orte des Dialogs zu eröffnen, um Aushandlungsprozesse und gewaltfreier Konfliktaustragung zu ermöglichen, ist eine wesentliche Aufgabe christlicher Gemeinschaften. Frucht einer positiven Anerkennung, die aus einer Identität aus dem Glauben wächst, kann eine Konfliktkultur sein, die die Wahrung der Integrität der Anderen gewährleistet –  wo im Dialog so gestritten werden kann, dass spürbar bleibt, dass sich alle drei Parteien schätzen und anerkennen. Weil sie sich selbst anerkannt fühlen.

Anerkennung auf der sozioökonomischen Dimension

Eine Bedingung um anderen Menschen eine moralische Anerkennung auf der Ebene des Politischen geben zu können ist die sozioökonomische Dimension.

In gegenseitiger Achtung und Anerkennung miteinander zu leben und zu reden ist umso leichter, je gerechter gesellschaftliche Strukturen sind. Wer aufgrund materieller Armut keinen Zugang zu guter Bildung hat oder wegen eines Kopftuchs, der dünkleren Hautfarbe oder eines nicht „einheimischen“ Nachnamens keine qualitativ hochwertige Anstellung bekommt, die leidet unter fehlender gesellschaftlicher Anerkennung. Was sich fast unmittelbar negativ in Einkommen, sozialem Status, Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen auswirkt.

Die Anerkennung von Menschen erfolgt in einer Gesellschaft immer auch über die soziale Position. Wer viel Geld oder viele akademische Titel hat, hat es in Österreich leichter. Bildungsarmut und materielle Armut nachhaltig und strukturell zu mindern ist daher eine Form, Anerkennung zu ermöglichen. Mit der in Lateinamerika geborenen vorrangigen Option für die Armen bzw. der von Papst Franziskus neu betonten „armen Kirche für die Armen“ fordern ChristInnen nicht nur, Arme als Menschen und Subjekte des gesellschaftlichen Wandels wertzuschätzen. Der christliche Beitrag zur positionalen Aufwertung sozioökonomisch marginalisierter Menschen muss auch über gerechte, demokratische und umweltfreundliche Strukturen und Wirtschaftsbedingungen geschehen.[4] Je geringer die Schere zwischen Armen und Reichen, zwischen Bildungsarmen und politisch Einflussreichen, zwischen „Einheimischen“ und „Fremden“ ist, umso friedlicher, stabiler und menschenfreundlicher kann das Zusammenleben in einer heterogenen, auch religiös pluralen Gesellschaft sein.

In zunehmend multikulturellen Ländern, die sich immer schon durch Einwanderung charakterisiert haben, wird Religion oft als Teil des Problems gesehen. Christliche Begriffe wie Nächstenliebe oder Solidarität werden parteipolitisch missbraucht. Eine christliche Institution, die sich nicht herablässt lässt, Religion zur „Bemäntelung eines archaischen Ehrenkodexes und eines ignoranten Patriarchats“[5] zu missbrauchen, kann Teil der Lösung gesellschaftlicher Probleme sein. Immer dann, wenn sie sich als „Lehrerin der Gleichheit vor Gott“[6] sieht und ihre Ausstrahlung der Anerkennung auf die Gesellschaft wahr- und ernst nimmt.

Autorin

Magdalena Holztrattner
M. Holztrattner, ksoe

Magdalena M. Holztrattner
Theologin, Organisationsberaterin, Erwachsenenbildnerin, Armutsforscherin, seit 2013 Direktorin der Katholischen Sozialakademie Österreichs (ksoe), Vortragende, Trainerin, Coach; Schwerpunkte sind u.a. Sozialethik, Spiritualität des Engagements, Führungsethik

Dieser Text basiert auf einem Referat vom 6.1.2018 für das Missionsärztliche Institut in Würzburg .

Veranstaltungstipp:
11. Österreichische Armutskonferenz, 5.-7. März 2018, Bildungszentrum St. Virgil / Salzburg

 

[1] Vgl. Wilhelm Heitmeyer spricht von „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“, die Konsequenz einer negativen persönlichen Anerkennungsbilanz darstellt. Vgl. Heitmeyer, Wilhelm (Hg): Deutsche Zustände, 10 Bde, Frankfurt/M. 2002-2012; dabei Bd 1 zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.
[2] In seinem Vortrag hat er die Bedeutung kirchlichen Dialogs und theologischer Arbeit für ein gelingendes miteinander Leben von Menschen unterschiedlicher Religionen im Blick.  Vgl. Ansgar Kreutzer, Anerkennungsverhältnisse. Politisch-theologische Dimensionen des interreligiösen Dialogs (Ein fundamentaltheologischer Beitrag zu Fragen von Migration und Integration). In: Hanjo Sauer / Julia Allerstorfer (Hg.), Migration in Theologie und Kunst. Transdisziplinäre Annäherungen, Wien 2017.
[3] Markus Knapp, Die Vernunft des Glaubens. Einführung in die Fundamentaltheologie, Freiburg 2009, 213.
[4] Johannes Paul II. benennt ungerechte wirtschaftliche und politische Zusammenhänge als „strukturelle Sünde“ (Sozialenzyklika Solicitudo Rei Socialis, 1987)
[5] Nolte, Paul: Religion und Bürgergesellschaft. Berlin 2009, 11.
[6] Nolte, Paul: Religion und Bürgergesellschaft. Berlin 2009, 11.